Schlichting!: Irritierende Spiegelungen
Eigentlich ist die Menge der schwimmenden Gänse auf einem Gewässer überschaubar. Dennoch kann man beim Zählen in Schwierigkeiten kommen. Im Fall einer Familie von Nilgänsen auf leicht welligem Wasser ist schwer zu beurteilen, ob es sich um sechs oder sieben Küken handelt. Das siebte wirkt zwischen den Wellen fast untergetaucht und macht eine merkwürdige Figur. Handelt es sich vielleicht um eine Spiegelung?
Dagegen scheinen zwei Details zu sprechen. Zum einen unterscheidet sich die Kopfhaltung des geisterhaften Kükens vom darüber befindlichen Original. Zum anderen würde man von einem Spiegelbild erwarten, dass es auf dem Kopf steht. Hier ist es gerade andersherum, und das Küken wirkt aufrecht.
Der Einwand zur Kopfhaltung könnte leicht dadurch entkräftet werden, dass die Wasseroberfläche nicht eben ist. Leichter Wellengang dellt sie ein und verzerrt dadurch die Abbildung. In der Tat, bei genauerem Hinschauen erkennt man, dass die sichtbare Wellenflanke, auf der man das zusätzliche Küken gespiegelt sieht, konkav gekrümmt ist.
Das erinnert mich an eine frühere Begegnung, die mich zunächst irritierte. Ich ging am Schaufenster eines Geschäfts vorbei, in dem unter anderem Spiegel ausgestellt waren. Daran fiel mir auf: Die darin abgebildeten Gegenstände standen auf dem Kopf. Mir erging es ebenso – als ich von einem der Spiegel erfasst wurde, sah ich mich falsch herum.
Ich war verblüfft, und zunächst hatte ich keine Idee, wofür derartige Spiegel gut sein könnten. Mir wurde dann allerdings schnell klar, dass es sich bei den vermeintlichen Umkehrspiegeln um ganz einfache Kosmetikspiegel handelte. Sie zeigen aufgrund ihrer konkaven Krümmung die Gegenstände vergrößert – im Normalfall.
Bei der Benutzung derartiger Spiegel vergisst man jedoch meist, dass der Effekt nur unter einer Bedingung funktioniert: Man muss sich dicht davor befinden. Dann wird der Abstand nur noch leicht variiert, um die passende Vergrößerung einzustellen.
Das Bedürfnis, den Abstand vom Spiegel über die normale Armlänge hinaus zu erhöhen, kommt üblicherweise gar nicht auf. Tut man das trotzdem und entfernt sich selbst immer weiter, wird das Spiegelbild zunehmend größer. Schließlich ist es als solches nicht mehr zu erkennen, weil die Vergrößerung den Unendlichkeitsbereich durchläuft. Bei weiterem Abstand taucht dann wieder ein erkennbares Abbild auf – aber es steht auf dem Kopf.
Verfolgt man den Verlauf der Lichtstrahlen, so ergeben sich zwei typische Szenarien. Im ersten befindet sich das Objekt zwischen dem Spiegel und dessen Brennpunkt. Dann werden die Lichtstrahlen reflektiert, bevor sie im Brennpunkt zusammenlaufen. Das Auge sieht den Gegenstand in geradliniger Verlängerung der Richtung, aus der die Strahlen kommen. Deswegen nehmen wir ein vergrößertes virtuelles Bild wahr.
Das zweite Szenario tritt bei größerem Abstand vom Spiegel ein. Befindet sich das Objekt hinter dem Brennpunkt, überkreuzen sich die Strahlen vor der Reflexion. Dann nehmen wir das Bild umgekehrt wahr. Genau in dieser Situation befand ich mich, als ich vor dem Schaufenster mit den Hohlspiegeln stand. Ich konnte daher gar nichts anderes erwarten als eine kopfstehende Spiegelwelt.
Eine anschauliche Vorstellung von der Abbildung gekrümmter Spiegel kann man sich mit einem blanken Löffel verschaffen. Blickt man auf dessen Innenseite, so sieht man sich kopfstehend, auf der konvexen Außenseite hingegen richtig herum.
»Das Licht treibt sein lachendes Spiel an der Oberfläche der Dinge«Gaston Bachelard, französischer Philosoph
Zurück zu den sechs oder sieben Gänslein. Wasser reflektiert je nach den Lichtverhältnissen und der Stärke des Wellengangs einen Teil des auftreffenden Lichts. Das führt bei günstigen Verhältnissen zu eindrucksvollen Spiegelungen, und so sehen wir die Küken bei passendem Blickwinkel teilweise vom Wasser zurückgeworfen.
Das ist offenbar auch bei einem der Küken der Fall: Die Welle ist an dieser Stelle konkav gekrümmt, und zwar so stark, dass die vom Gänslein ausgehenden Lichtstrahlen sich kreuzen, bevor sie auf den Chip der Kamera beziehungsweise auf die Netzhaut auftreffen. Dadurch entsteht das kopfstehende Bild. Es konnte überhaupt nur zu dieser Irritation zwischen Spiegelung und Wirklichkeit kommen, weil die Qualität der Spiegelungen ziemlich gut ist.
Betrachtet man eine Szenerie bloß auf einem Foto, muss man manchmal buchstäblich um die Ecke denken, um ein optisches Rätsel zu lösen. Sobald sich etwas bewegt, wird es mitunter leichter. Hier hätte man wegen der bewegten Wellen die Virtualität des siebten Gänsleins ziemlich schnell erkennen können.
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