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Nationale Teststrategie: Schnelltests allein werden nicht reichen

Die erweiterte Teststrategie ist wichtig, um Risikogruppen zu schützen. Doch ob der Ansatz funktioniert, entscheiden wir alle durch das eigene Verhalten, kommentiert unser Autor.
Ein Arzt in Laden...

Massenhafte Schnelltests, wo das Risiko am größten ist, bezahlt von den Krankenkassen. Das ist das Kernstück der erweiterten nationalen Teststrategie, die am 15. Oktober 2020 in Kraft getreten ist. Und der Plan ergibt Sinn. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn fördert regelmäßige kostenlose Antigen-Schnelltests überall dort, wo Menschen durch Covid-19 besonders gefährdet sind – zum Beispiel Patientinnen und Patienten, Angestellte im Gesundheitswesen und Menschen in Pflegeheimen.

Das macht Hoffnung, dass sich so die Folgen der Corona-Pandemie mindern lassen. Es darf aber über einen ganz entscheidenden Punkt nicht hinwegtäuschen: Ob der angestrebte Schutz funktioniert und wie es mit der Pandemie weitergeht, hängt nicht von den richtigen staatlichen Maßnahmen ab. Entscheidend ist das individuelle Verhalten im Alltag, das dem Virus Wege öffnet oder eben verbaut. Und: Nicht alles, was man darf, sollte man auch tun.

Risikogruppen schützen ist schwer

Mit dem gezielten Schutz von Risikogruppen verfolgt die neue Strategie einen Ansatz, der in der öffentlichen Diskussion oft als innovativ und zugleich kontrovers verkauft wird. Tatsächlich hatte das Robert Koch-Institut diesen Weg bereits Anfang März in der Ergänzung zum Nationalen Pandemieplan vorgezeichnet. Das Problem war bisher, dass niemand so genau wusste, wie man die Risikogruppen schützt. Das Scheitern Schwedens an diesem Punkt verdeutlicht, dass das gar nicht so einfach ist.

Wie tödlich ist das Coronavirus? Was ist über die Fälle in Deutschland bekannt? Wie kann ich mich vor Sars-CoV-2 schützen? Diese Fragen und mehr beantworten wir in unserer FAQ. Mehr zum Thema lesen Sie auf unserer Schwerpunktseite »Ein neues Coronavirus verändert die Welt«. Die weltweite Berichterstattung von »Scientific American«, »Spektrum der Wissenschaft« und anderen internationalen Ausgaben haben wir zudem auf einer Seite zusammengefasst.

Welchen Beitrag die nun angepeilten häufigen Schnelltests dazu leisten können, wird sich ebenfalls in der Praxis zeigen müssen. Der offensichtliche Haken an der Sache: Tests finden Infektionen, sie verhindern sie nicht. Damit sie wirklich Schutz bieten, müssen mehrere weitere Faktoren zusammenspielen. Zunächst einmal muss jemand die Tests durchführen und auf positive Resultate mit geeigneten Maßnahmen reagieren. Deswegen stellt die Teststrategie die so beschenkten Einrichtungen erst einmal vor eine große Herausforderung.

Und zwar nicht nur organisatorisch. Es entstehen auch neue Unsicherheiten. Denn Schnelltests sind zwar geeignet, um Menschen mit hoher Viruslast und damit hoher Übertragungswahrscheinlichkeit zu identifizieren. Umgekehrt ist ein negativer Test aber keine Garantie, dass jemand nicht doch ansteckend ist.

Teststrategie ohne Garantien

Das zeigt unter anderem der Corona-Ausbruch im Weißen Haus. Dort verließ man sich auf die Schnelltests – die aber sind nach Ansicht von Fachleuten nicht dazu geeignet, asymptomatisch infizierte Personen zuverlässig auszusieben. Zusätzlich ist das Testergebnis abhängig davon, dass der Test korrekt durchgeführt wird. Ein falsch bedienter Schnelltest führt verhältnismäßig leicht zu einem falsch negativen Ergebnis. Dennoch durften in Trumps Umfeld Personen nach einem negativen Test ohne Einschränkungen mit anderen Menschen interagieren. Das Resultat ist bekannt.

Nicht zuletzt lauert noch eine weitere große Gefahr, die aus der immer wieder verbreiteten These resultiert, dank des meist nicht weiter erklärten »Schutzes der Risikogruppen« könne der Rest der Bevölkerung wieder normal leben. Genau das ist ein Trugschluss. Davon auszugehen, wäre nicht nur angesichts der Folgen schwerer Verläufe bei Jüngeren fatal, sondern auch, weil diese falsche Sicherheit den Schutz durch die Massentests zunichtemachen würden.

Aus einem einfachen Grund: Die Tests schützen am besten, wenn der Anteil der Infizierten in der Bevölkerung gering ist. Dann nämlich verhindern sie, dass sich einzelne Ansteckungen innerhalb von Kliniken oder anderen Einrichtungen weiter verbreiten. Wenn aber immer wieder neue Infizierte hinzukommen, weil ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung das Virus trägt, dann steigt auch wieder die Gefahr für die eigentlich Geschützten.

Nicht der Staat hat es in der Hand

Vor allem steigt für sie dadurch das Risiko, einfach Pech zu haben. Wenn Ansteckungen ausgerechnet in der Lücke zwischen Tests geschehen und so ein Ausbruch doch zu spät erkannt wird. Und selbst wenn man dieses Problem löst: Je mehr Infizierte in einer Einrichtung identifiziert werden müssen, desto höher ist andererseits die Gefahr, dass ein Test falsch negativ ist. Außerdem bringt es nichts mehr, wenn sich zwar dank der Tests bei einem Ausbruch in einem Pflegeheim nur noch zwei Menschen statt wie bisher vielleicht 20 infizieren, wenn das zehnmal nacheinander passiert.

Ob die neue nationale Teststrategie etwas bringt, hängt deswegen entscheidend auch von der weiteren Entwicklung der Fallzahlen in der Bevölkerung ab, und damit vom individuellen Verhalten aller Bürgerinnen und Bürger. Seit Beginn der Pandemie war klar: Verbreitet sich das Virus erst einmal innerhalb der Bevölkerung, bestimmen nicht mehr Staat und Behörden, wie es weitergeht. Wie sich die Infektionen entwickeln und ob wir Risikogruppen schützen können, haben wir durch unsere Entscheidungen im Alltag selbst in der Hand.

Die neue nationale Teststrategie ist ein potenziell sehr sinnvolles Hilfsmittel, um die Folgen der Corona-Pandemie – und damit auch die vorgeschriebenen und selbst gewählten Einschränkungen im Alltag – in Grenzen zu halten. Aber staatliche Maßnahmen sollen und können kein Ersatz für umsichtiges individuelles Handeln sein. Wer sich also fragt, wie es mit der Pandemie weitergeht, sollte nicht zu sehr auf Herrn Spahn oder auf die Teststrategie blicken, sondern vor allem in den Spiegel.

42/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 42/2020

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