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Grams' Sprechstunde: Ungeimpfte Kinder sind gesünder als geimpfte? Nope!

Impfen ist Selbstschutz und Solidarität in einem. Es ist wirksam und sicher. Aber zu glauben, für eine gute Entwicklung müsse ein Kind Krankheiten durchmachen, ist falsch. Und gefährlich.
Kinder spielen im Garten mit einem Rasensprenger.Laden...

Impfen kann die Gemüter auf Social Media und Familientreffen gleichermaßen erregen. Eine der Behauptungen der Kritiker: Impfen solle nicht schützen, sondern krankheitsanfällig machen, gar krank. Doch gibt es dafür wirklich Belege?

In überwältigender Menge gibt es zunächst einmal Belege dafür, dass geimpfte Kinder um Größenordnungen weniger an den Krankheiten leiden, gegen die sie geimpft wurden. Masern. Keuchhusten. Mumps. Dahinter steht der größte Datenbestand, den es für eine einzelne medizinische Maßnahme überhaupt gibt.

Zwar gibt es in Deutschland nur wenige echte Impfgegner. Doch so manche Menschen sind zögerlich, weil sie sich noch nicht richtig mit dem Thema auseinandergesetzt haben oder gleich zu Beginn im Internet auf durchaus irritierende Informationen stoßen. Viele klicken sich interessiert durch Foren, Blogs und Social-Media-Gruppen mit emotionsgeladenen Beiträgen statt sich auf den nüchternen, aber eben wirklich hilfreichen Seiten wie denen der Ständigen Impfkommission zu informieren (siehe Infobox »Was macht die STIKO?«).

Was macht die STIKO?

Die Stän­dige Impf­kom­mis­sion (STIKO) ent­wickelt Impf­em­pfehl­ungen für Deutsch­land. Es handelt sich um ein un­ab­hängiges Experten­gremium, dessen Arbeit vom Robert Koch-Institut koordiniert und unterstützt wird. Die STIKO wägt nicht nur den Nutzen von Impfungen für Einzelne, sondern für die ge­samte Be­völke­rung ab; dabei geht es nicht um alle verfügbaren, sondern um die für Deutschland relevanten Mittel. Was sie empfiehlt, hängt von vielen Faktoren ab. Dass die Empfehlungen von Impfkommissionen einzelner Bundesländer manchmal davon abweichen, liegt daran, dass sie spezifische regionale Besonderheiten berücksichtigen. Das ist also nicht widersprüchlich, sondern sinnvoll, weil auf die Bedürfnisse der Bevölkerung ausgerichtet. Hier finden Sie die aktuellen Empfehlungen.

So gibt es noch immer Leute – darunter einige Ärzte und Ärztinnen –, die behaupten, Impfen würde nicht nur nicht schützen, sondern sogar schaden. Da heißt es etwa, eine Impfung würde das Immunsystem von kleinen Kindern viel zu stark belasten, weil es noch nicht voll ausgereift ist. Aber das trifft nicht zu. Das Immunsystem der Kleinen ist dafür ausgerüstet, sich mit Krankheitserregern auseinanderzusetzen.

Korrekte Auswertung zeigt keine signifikanten Unterschiede

Daneben findet insbesondere die Parole, ungeimpfte Kinder wären gesünder als geimpfte, immer wieder Anklang. Es wird behauptet, dass ungeimpfte Kinder seltener unter Allergien, Infekten, Herzkrankheiten oder multipler Sklerose leiden würden und seltener autistisch seien. Doch dafür gibt es keinerlei Beweis.

Im Gegenteil: Die Behauptung geht auf einen Rechenfehler sowie die fehlerhafte Interpretation einer großen Untersuchung zurück durch, sagen wir mal vorsichtig, impfskeptische Personen. Gegenstand der Diskussion sind die Daten der ersten umfassenden und bundesweit repräsentativenStudie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS), durchgeführt von Mai 2003 bis Mai 2006 vom Robert Koch-Institut (RKI)

Was kann die moderne Medizin leisten? Nutzt die Homöopathie? Was macht einen guten Arzt aus, und welche Rolle spielt der Patient? Die Ärztin und Autorin des Buchs »Was wirklich wirkt« Natalie Grams diskutiert in ihrer Kolumne »Grams' Sprechstunde« Entwicklungen, Probleme und eklatante Missstände ihrer Zunft. Alle Teile lesen Sie hier.

Liest man, was das RKI zu Anfang als Ergebnis der reinen Auszählung der KiGGS-Studie präsentiert hat, so könnte man durchaus meinen, dass es einen Unterschied zu Ungunsten der geimpften Kinder gäbe: »Bei den ungeimpften Ein- bis Fünfjährigen traten im Mittel 3,3 Infekte im letzten Jahr auf, bei den Geimpften waren es 4,2. Bei den 11- bis 17-Jährigen traten 1,9 beziehungsweise 2,2 Infekte auf.« Und weiter heißt es: »Die Lebenszeitprävalenz von mindestens einer atopischen Erkrankung betrug bei ein- bis fünfjährigen Ungeimpften 12,6 Prozent und bei den Geimpften 15,0 Prozent.«

Mancher mag nun denken: Da steht ja also wohl ganz eindeutig, dass die Geimpften mehr Krankheiten haben! Doch langsam. Medizinische Statistik ist eine komplexe Wissenschaft. Bei den oben zitierten Zahlen handelt es sich um Rohdaten, die in dieser Form noch nicht vergleichbar sind. So hatten die betrachteten Gruppen beispielsweise unvergleichbare Größen. Die Gruppe der komplett Ungeimpften betrug nur wenig mehr als 1 Prozent der insgesamt Erfassten. Das bedeutet, einzelne Ausreißer wirken sich massiv aus und damit wiederum neigt die Gruppe mehr zur Zufallsverteilung als die in der größeren Kohorte der Geimpften. Um die Zahlen vergleichbar zu machen, sind spezielle statistische Verfahren nötig.

Diese haben die Autorinnen und Autoren der KiGGS-Studie denn auch nach international gültigen Wissenschaftsstandards angewendet. Das Ergebnis, das sich weiter unten im Bericht findet: »Die geringen Differenzen zwischen den Impfstatusgruppen sind nicht statistisch signifikant.« Die Unterschiede sind also mit größter Wahrscheinlichkeit dem Zufall geschuldet und keineswegs eine »krasse Auffälligkeit«, wie der Laie denken könnte. Und so heißt es auch im Fazit des RKI sehr klar: »Erwartungsgemäß ist das Erkrankungsrisiko bei Geimpften deutlich geringer.« Es seien keine der befürchteten gesundheitlichen Unterschiede wie das Auftreten von Allergien und die Häufigkeit von Infekten zu beobachten. Zahlreiche ausführlich geprüfte Studien aus aller Welt stützen diese Aussage.

Impfen ist eine gesellschaftliche Verantwortung

Wir sollten deshalb die Macht des Wortes nutzen und wieder von »Schutzimpfungen« sprechen. Trivial? Gar nicht. Man tut damit nicht einmal nur sich selbst etwas Gutes. Werden genügend Menschen geimpft, schützt das auch diejenigen, die nicht geimpft werden können (siehe Infobox »Im Schutz der Herde«).

Im Schutz der Herde

Ein Mensch schützt mit der Impfung nicht nur sich selbst, sondern indirekt auch die anderen. Wenn ausreichend viele Menschen geimpft sind, kann sich ein Erreger nämlich nicht mehr weit in der Bevölkerung verbreiten. Dieser Gemeinschaftsschutz wird auch Herdenimmunität genannt. Erst wenn eine ausreichend große Menge an Menschen geimpft ist, sind auch Säuglinge, Schwangere oder Menschen mit einer Immunschwäche geschützt, die beispielsweise nicht gegen Masern geimpft werden können. Sein Kind impfen zu lassen, hilft also nicht nur dem Kind, sondern der Gesellschaft.

Wer seinen Nachwuchs trotzdem lieber Erkrankungen durchmachen lassen möchte, weil das Gerüchten zufolge zu einem positiven Entwicklungsschub führt, sei hiermit gewarnt: Das ist ebenso falsch wie gefährlich und hat mehr mit Ideologie als mit den realen Auswirkungen einer Krankheit zu tun. Neuere Studien zeigen, dass beispielsweise das Durchmachen einer Maserninfektion das Immunsystem bereits vorhandene Immunitäten vergessen lassen kann. Betroffene sind dann nicht nur für Wochen und Monate anfälliger für Infekte, sie könnten sogar die Immunität gegen bereits durchgemachte Krankheiten auf Jahre hin verlieren.

Bei einer so gut erforschten, sicheren und erfolgreichen Maßnahme wie dem Impfen tritt der Glaube, man könne das als fürsorgendes Elternteil selbst und individuell abwägen, eindeutig in den Hintergrund. Wer das für sich in Anspruch nimmt, handelt irrational. Das heißt nicht, für jeden und jede wäre jede Impfung sinnvoll. Die Entscheidung jedoch sollten die Erziehungsberechtigten nicht allein, sondern mit dem gut informierten Arzt treffen.

Sie wollen mehr über die Wirksamkeit und Sicherheit von Impfungen erfahren? Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Robert Koch-Instituts und des Paul-Ehrlich-Instituts liefern Antworten zu den 20 häufigsten Einwänden gegen das Impfen.

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