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Angemerkt!: Schweizer Käse

Die Temperaturen steigen, und das Eis schmilzt? Der Tourismus ist bedroht? Alles kein Problem: Folie drüber, und die Saison ist gerettet.
Gletscher in Folie
Das Ganze könnte als verspäteter Aprilscherz durchgehen, lieferten Fernsehbilder nicht untrügliche Beweise: Im schweizerischen Andermatt wollen die Betreiber der Gotthard-Sportbahnen den Gurschengletscher durch einen Spezialfolienüberzug vor dem ultimativen Abschmelzen bewahren und somit ihrem Skizirkus über den auch in den Alpen anstehenden Klimawandel hinweg helfen. Denn die steigenden Temperaturen, die sich gerade in den alpinen Lagen des mitteleuropäischen Gebirgszuges deutlich bemerkbar machen, sowie die Verschiebung der Jahreszeiten mit deutlich verlängerter Tauperiode bei gleichzeitig verkürzten Wintern, lassen die Eiszungen der Alpen mehr und mehr abtauen und erodieren. Wo sich einst scheinbar ewiges Eis erstreckte, findet sich heute nur noch Geröll, und selbst auf großen Gletschern klaffen Schmelzlöcher wie sonst nur im Emmentaler.

Gurschengletscher mit Folie | Dem Gletscher wird's im Sommer zu warm? Kein Problem: Folie drüber, und die nächste Saison ist gerettet.
So auch auf dem Gurschengletscher: Alljährlich müssen die Betreiber der Skiresorts am Hauptzugang zum Eiskörper einen durch die zunehmende Erwärmung verursachten, zwanzig Meter breiten Spalt neu überbrücken, um den Zugang der Touristen zu ihrem Wedelvergnügen weiter zu gewährleisten. Vor dieser Aufbauarbeit soll nun die neu entwickelte Folie bewahren, deren grelles Weiß das Sonnenlicht reflektieren und den Eisgiganten kühlen soll. Die beteiligten Unternehmer besitzen sogar die Chuzpe, dies mit Umweltschutz zu rechtfertigen, schließlich vermindere die teure Schutzschicht den Energieverbrauch für die Wiederherstellung der Rampe.

Sollte diese Maßnahme Erfolg haben, so werden viele weitere Skiliftbetreiber, Hoteliers, Tourismusapologeten und Wirtschaftsminister nachziehen wollen – eine epidemische Folienausbreitung in den Alpen steht zu befürchten. Denn Wahnsinn dieser Art hat im Wintersportmekka Gebirge schon immer Methode. Kaum noch ein Fernverkehrszentrum glaubt, ohne den Einsatz von Wasser und Energie verschleudernden Schneekanonen über die Saison zu kommen – gleichgültig, ob die Temperaturen dafür eigentlich zu mild sind, die Vegetation unter dem Kunstschnee erstickt oder die Tierwelt unter dem Krach leidet. Im Sommer will dann ohnehin kaum jemand die im Winter in malerisches Weiß getauchten, aber in der warmen Jahreszeit durch braune Pisten verunzierten Regionen besuchen. Gletscher verkommen zu Freiluftdiskos und werden durch Müll, Fäkalien, Abgase oder Treibstoffe verseucht, obwohl sie wichtige Trinkwasserspeicher sind.

Und trotz gegenteiliger Vereinbarungen wie der Alpen-Konvention und Absichtserklärungen werden auch weiterhin zum Wohle des Tourismus Versuche unternommen, wertvolle Naturschutzgebiete und Bergwälder für fragwürdige Trainingszentren oder einmalige Weltmeisterschaften zu zerstören, etwa das – gescheiterte – Projekt am Allgäuer Grünten oder am Hausberg von Garmisch-Partenkirchen: Gegen das Argument "Sicherung von Arbeitsplätzen" ist schließlich kaum anzukommen, und zur Not hilft immer ein Verweis auf das Nachbarland, wo ähnliche Maßnahmen schließlich ebenso durchgeführt werden dürfen.

Dabei sind diese Arbeitsplätze durch ganz andere Entwicklungen auf das Höchste bedroht. Der voranschreitende und wissenschaftlich nicht mehr zu verleugnende Klimawandel lässt die weitaus meisten Alpengletscher jedes Jahr um etwa ein Prozent weiter abschmelzen, in Ausnahmesommern wie 2003 beschleunigt sich diese Rate auf das Fünffache. Alle seriösen Schätzungen gehen davon aus, dass bis zum Ende des Jahrhunderts nur mehr ein Zwanzigstel der Eismassen des Jahres 1970 vorhanden sein werden. Gleichzeitig steigt die Untergrenze der vermeintlich schneesicheren Lagen beständig an, und dagegen kann auch keine noch so gute Schneekanone andonnern. Diese Realität wird allerdings von den Verantwortlichen ausgeblendet und ignoriert. In Verkennung ihrer Lage lautet das Motto: Nach uns das Tauwetter. Die prognostizierten Entwicklungen werden aber eintreten – alles spricht dafür –, und so wird es im Alpenraum schon in absehbarer Zeit keinen Wintersport mehr geben, wie er heute bekannt ist.

Es wird also Zeit, dass sich der alpine Fremdenverkehr an die neuen Bedingungen anpasst, statt den historischen Wintern nachzutrauern oder mit fragwürdigen Folienprojekten das Rad der Zeit anhalten zu wollen. Ein wirklich nachhaltiger Tourismus ist auch in den Alpen möglich, denn Urlaub in den Bergen besteht nicht nur aus dem momentan häufig praktizierten Skifahren oder Snowboarden mit anschließender Jagertee-Glückseligkeit und DJ-Ötzi-Disko. Von einem effektiven Klimaschutz durch Schadstoffeinsparungen einmal ganz zu schweigen.

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