Unwahrscheinlich tödlich: Tod durch Delfin

Es ist ein besonderes Privileg, Wildtiere in ihrem natürlichen Lebensraum zu beobachten. Doch einige Menschen wollen mehr als das – sie drängen darauf, den Tieren physisch nahezukommen, sie vielleicht sogar anzufassen oder sich als Teil ihrer Gemeinschaft zu fühlen. Und gelegentlich vergessen sie dabei: Auch die Tiere haben Bedürfnisse und Grenzen, und sie verdienen unseren Respekt. Meistens leiden allein sie, wenn Menschen zu aufdringlich werden. Es gibt aber auch Fälle, in denen dabei Personen zu Schaden kommen. Selbst den neugierigen und toleranten Delfinen kann der Geduldsfaden reißen, wie ein Ereignis in Brasilien vor Augen führt.
In den küstennahen Gewässern der Stadt São Sebastião trieb sich 1994 ein einsamer Großer Tümmler herum. Tião, wie Einheimische ihn nannten, schien sich nicht vor Menschen zu fürchten und suchte sogar ihre Nähe. Fast täglich kam er zum Pier, folgte Booten und schwamm zwischen badenden Personen umher. Einige von ihnen berührten den Meeressäuger nur, andere belästigten ihn regelrecht. Sie versuchten, sich an seinen Flossen festzuhalten oder auf ihn draufzuspringen. Nach wiederholten Attacken begann Tião, sich zu wehren. Er verletzte insgesamt 30 Badegäste, einen davon tödlich – dieser zog sich bei einem Zusammenstoß mit Tião eine Magenruptur zu und verstarb an inneren Blutungen, bevor er behandelt werden konnte.
Es war nicht das erste und auch nicht das letzte Mal, dass ein Delfin Menschen angriff. 2023 gab es an einem Strand in Zentraljapan im Laufe eines einzigen Tages mehrere unabhängige Zwischenfälle. Vier Personen zogen sich dabei Bissverletzungen und Knochenbrüche zu. Im Sommer 2025 sorgte der Tümmler Reggie in England für Furore: Das neugierige Jungtier, das damals wohl schon um die 200 Kilogramm wog, warf sich auf mehrere Schwimmer und drückte sie spielerisch unter Wasser. Für die Betroffenen war das kein Spaß, denn sie hätten durchaus ertrinken können.
Problematisches »Schwimmen mit Delfinen«
Expertinnen und Experten werden nach solchen Ereignissen nicht müde, die Badegäste zu warnen. Delfine, so betonen sie, seien eben immer noch wilde Tiere. Ihre Reaktionen ließen sich nicht genau vorhersagen und Menschen sollten schon aus Selbstschutz einen respektvollen Abstand zu ihnen einhalten.
Einige Fachleute kritisieren zudem bestimmte Angebote des »Schwimmens mit Delfinen«, bei denen es zum forcierten, direkten Körperkontakt mit den Meeressäugern kommt. Für die Tiere bedeutet die erzwungene Nähe zu Menschen vor allem eines, nämlich Stress. Insbesondere Zahnwale, die in Gefangenschaft leben, leiden unter ihrer nicht artgerechten Unterbringung und den Eingriffen in ihr Sozialleben. Häufig werben Anbieter mit gesundheitsfördernden Effekten, die sich wissenschaftlich so nicht belegen lassen. Tierschutzorganisationen wie die Humane World for Animals warnen, dass ein solches Tun – egal ob mit wilden oder mit gefangenen Individuen – niemals ethisch vertretbar sei. Es schade den Meeressäugern und sei auch für die beteiligten Personen nie vollkommen sicher.
In einem Statement weist die Organisation auf eine weitere Gefahr hin: sexuelle Aggression im Umgang mit Menschen. Delfine sind äußerst sozial und in freier Natur pflegen sie enge Beziehungen zu den Mitgliedern ihrer Herde. Tiere, die Badenden von sich aus nahekommen, sind meist einsame Einzelgänger. Möglicherweise wurden sie aus der Gruppe verstoßen oder sie haben sie verloren. Zum Teil verhalten sie sich gegenüber Schwimmerinnen und Schwimmern so, wie sie normalerweise mit Artgenossen umgehen würden. Und das beinhaltet neben spielerischen Bissen und Jagden auch gewisse Arten des Sexualverhaltens.
Wenn das Spiel in sexuellen Avancen mündet
Bei Tião sowie Reggie handelte es sich um solche einsamen Einzelgänger. In der Fachliteratur gibt es Berichte über mehrere Dutzend Delfine, deren Umgang mit Menschen teilweise in sogenanntes sozio-sexuelles Auftreten und Dominanzgesten überging. Die Tiere suchen dann vermehrt nach Körperkontakt, springen auf Personen drauf oder über sie hinweg, schubsen sie, halten Taucher unter Wasser fest oder verhindern sogar, dass Badende zurück an Land schwimmen. Gelegentlich reiben sie dabei ihre Genitalien an den menschlichen Spielgefährten.
Falls Ihnen das Bild eines mehr als 200 Kilogramm schweren Tiers, das im Wasser weitaus schneller und stärker ist als ein Mensch (und zudem noch verdammt schlau), nicht genug Respekt einflößt, dann bewegt Sie womöglich das folgende anatomische Detail zum Umdenken. Männliche Delfine verfügen über ein besonderes Genital, einen sogenannten Greifpenis. Und der kann genau das, was der Name sagt, nämlich ordentlich zulangen. Der Penis ist biegsam und lässt sich willkürlich bewegen. Mit seiner Hilfe kann das Männchen nicht nur in der komplexen Vagina eines Delfinweibchens navigieren, sondern auch Dinge umfassen. Ihre Hand etwa, falls er so will. Und dann kräftig an ihr ziehen und den daran hängenden Menschen mitreißen. Vielleicht überzeugt diese Vorstellung doch noch den einen oder die andere, eine respektvolle Distanz zu den Tieren zu wahren.
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