Science not Fiction: Mit der Kraft der Gedanken

Plötzlich ist der Laster vor mir, es knallt, ich liege im Straßengraben. Bange Augenblicke. Ja, atmen geht. Ich versuche, die Finger zu bewegen. Geht auch. Das linke Bein fühlt sich seltsam an, als wäre es nicht da. Bin ich gelähmt? Alle möglichen Gedanken schießen einem da durch den Kopf, erst recht mit 19. Bitte, bitte, ich will wieder richtig gesund werden!
Die Gehhilfen, die ich anschließend ein halbes Jahr lang brauchte, empfand ich irgendwann fast als einen eigenen Körperteil, in den ich morgens hineinschlüpfte und den ich abends wieder in die Ecke stellte.
Doch es geht natürlich noch besser. Science-Fiction-Autoren haben Cyborgs in verschiedensten Variationen entworfen: Die Borg im Star-Trek-Universum haben verschiedene Implantate, um miteinander zu kommunizieren, todbringende Befehle zu erhalten oder Berichte erfolgreicher Assimilierungen zu senden. Die Metallgestelle am Schädel sind zum Sinnbild für das üble Treiben von Cyborgs geworden. Darth Vader aus Star Wars, ebenfalls kein Sympathieträger, gehört in die gleiche Kategorie. Schwerst lädiert vom Kampf wurden dem abtrünnigen Jedi kybernetische Gliedmaßen und eine Rüstung verpasst, ohne die er nicht überleben könnte. Auch der Terminator mit seinem Metallskelett, das ihn zur nahezu unaufhaltbaren Kampfmaschine macht, wird in den Filmen so bezeichnet – obgleich er streng genommen ein Android ist, da er nicht menschlichen Ursprungs ist und organisches Material lediglich zur Tarnung nutzt.
Von derart entwickelten Mischwesen sind wir noch weit entfernt. Zum Glück, denn keines der genannten würde unsere Zivilisation bereichern. Und doch tragen schon heute viele Menschen Geräte oder kleine Maschinen als selbstverständlichen Teil ihres Körpers mit sich herum. Prothesen oder Herzschrittmacher bringen Lebensqualität, ebenso Cochlea-Implantate. Man käme wohl nicht gleich auf den Gedanken, Menschen mit solchen Hilfsmitteln als Cyborgs zu bezeichnen, doch das sind sie: lebendige Organismen, um technologische Komponenten ergänzt, die mit dem biologischen System interagieren.
Wer würde Menschen mit Prothese, Herzschrittmacher oder Cochlea-Implantat als Cyborgs bezeichnen?
Aber wo führt diese Entwicklung hin? Bisher ist noch jede technische Neuerung für bösartige Zwecke missbraucht worden. Tröstend, dass neues Wissen zugleich aber auch guten oder zivilen Zwecken dienen kann. Es liegt an uns, ob die Kernspaltung zur Atombombe führt oder ob wir KI für autonome Waffensysteme oder zur Früherkennung von Krankheiten nutzen. Das lässt doch für die weitere Entwicklung von Cyborg-Technologien hoffen.
Und viel Gutes zeigt sich ja bereits heute. So können etwa Arm- oder Beinprothesen mittels neuronaler Verknüpfung gesteuert werden. Angespannte Muskeln erzeugen eine elektrische Aktivität mit einem bestimmten Muster. Eine Technik namens Elektromyografie erfasst diese und setzt sie mithilfe von künstlicher Intelligenz in gezielte Bewegungen an der Prothese um. Menschen mit amputierten Gliedmaßen können solche Muster selbst nach Jahrzehnten noch erzeugen. Dafür müssen sie nichts weiter tun, als an eine bestimmte Bewegung zu denken – und schon kontrollieren sie ihre Prothese.
Hände sind jedoch nicht nur zum Greifen da, sondern ebenso zum Fühlen. Forscher arbeiten deswegen an Prothesen, die dem Menschen eines Tages wieder Fingerspitzengefühl und ein Temperaturempfinden vermitteln. Eine Handprothese wird so nach und nach zu einem »echten« Körperteil – für die Träger wie für jene, die diese Hand streicheln.
Während solche Prothesen über Elektroden im Armstumpf verbunden werden, gibt es auch Schnittstellen zum Gehirn. Sie messen Hirnströme und steuern darüber etwa ein Exoskelett. In Versuchen gelingt das bereits, wirklich praxisreif ist die Technologie aber noch nicht. Gleiches gilt für Ansätze zum Gedankenlesen. Mittels eines Chips, der im Gehirn über dem motorischen Sprachzentrum eingesetzt wird, haben Forscher bereits still artikulierte Sprache aus der Großhirnrinde ausgelesen. Menschen, die nach einem Schlaganfall nicht mehr fähig sind zu sprechen, könnten so ihre Stimme wiedererlangen, auch wenn diese computergestützt ist. Noch ist die Fehlerquote hoch, in einigen Jahren könnte das weitaus besser gelingen.
Die Vorteile sind offensichtlich, aber was ist mit den Risiken? Mögliche Infektionen oder ungewollte Schädigungen am Gehirn beim Einsetzen des Chips wären das eine. Das andere: Werde ich manipulierbar? Wie sicher sind meine Gedanken, wenn Unbefugte sie mitlesen? Noch in Jahrzehnten könnten gespeicherte Gedanken in falsche Hände geraten und missbräuchlich verwendet werden.
Man denke an das Unternehmen Neuralink, das menschliche Gehirne direkt mit Computern kommunizieren lassen will. Von dessen Mitgründer Elon Musk möchte ich mir lieber nicht in den Kopf schauen lassen. Er argumentiert, dass KI dem Menschen künftig intellektuell weit überlegen sein werde. Wir müssten unseren Körper technologisch »aufrüsten«, um mithalten zu können, beispielsweise durch digitale Schnittstellen im Gehirn.
Doch das Organ ist komplexer als gedacht. Plug-and-Play-Anwendungen wird es so schnell nicht geben. Trotzdem müssen wir uns mit diesem Szenario auseinandersetzen. Entsteht womöglich ein gesellschaftlicher Druck, sich solche Cyborg-Upgrades zu verpassen, um nicht abgehängt zu werden? Was unterscheidet diese Mischwesen von uns Menschen? Sind sie nicht mehr als die logische Fortsetzung unserer Evolution?
Schreiben Sie uns!
Beitrag schreiben