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Leistung: Hängen Schulnoten damit zusammen, wer nebeneinandersitzt?

Die Menschen, die uns umgeben, beeinflussen uns – und dazu gehören auch die Tischnachbarn in der Schule. Aber das sollte nicht über die Sitzordnung entscheiden, sagt der Psychologe Yves-Alexandre Thalmann. Ein Kommentar.
Zwei Kinder sitzen in einem Klassenzimmer an einem Tisch und unterhalten sich lächelnd. Auf dem Tisch liegen Schulbücher und bunte Stifte. Im Hintergrund sind weitere Kinder zu sehen, die sich auf ihre Aufgaben konzentrieren. Die Szene vermittelt eine freundliche und lernfreudige Atmosphäre.
In der Schule geht es nicht nur um die Noten.

Der US-amerikanische Unternehmer, Coach und Bestsellerautor Jim Rohn hat einen provokanten Spruch geprägt: »Du bist der Durchschnitt der fünf Menschen, mit denen du am häufigsten Zeit verbringst.« Der Gedanke dahinter lautet wie folgt: Wenn man sich mit erfolgreichen Menschen umgibt, wird man selbst Erfolg haben – wenn man aber mit den Mittelmäßigen mitschwimmt, bleibt man nur auf Durchschnittsniveau.

Diese Behauptung findet man bis heute in vielen Büchern und auf Websites zum Thema Persönlichkeitsentwicklung. Und auch in den Köpfen einiger Lehrkräfte hat sie sich festgesetzt. Sie meinen, ein Schüler werde besser, wenn man ihn neben einen Musterschüler setzt. Ähnlich dem Prinzip der Osmose würden sich dessen Fähigkeiten auf den schwächeren Nachbarn übertragen.

Doch die Forschung macht einen Strich durch diese Rechnung. Statistiken zeigen, dass sich das Gesamtleistungsniveau einer Klasse nicht durch eine strategische Sitzordnung verbessert. Es ist also keine Lösung, schwächere neben gute Schüler zu setzen. Belegt hat das Felix Elwert, Professor für Soziologie an der University of Wisconsin-Madison. Zusammen mit seinem Kollegen Tamás Keller führte er eine umfangreiche Studie mit 195 Klassen und insgesamt 3365 Schülerinnen und Schülern im Durchschnittsalter von elf Jahren durch.

Die Befunde sind eindeutig: Die Sitzordnung hatte insgesamt keinen messbaren Einfluss auf die Schulnoten. Die Analyse schließt auch den vermeintlichen »Mädchen-Effekt« aus: Die – angeblich fleißigeren – Mädchen hatten demnach keinen positiven Einfluss auf etwaige unruhigere Banknachbarn. Fazit: Für den Notendurchschnitt bleibt es gleich, ob die Schülerinnen und Schüler strategisch im Klassenzimmer verteilt werden oder ihre Plätze frei wählen können.

Wer in der Schule Schwierigkeiten hat, profitiert von einem begabten Nachbarn – auf dessen Kosten

Die Studie kommt jedoch noch zu einer weiteren, heikleren Schlussfolgerung. Einen gewissen Einfluss hatte die Banknachbarschaft nämlich doch – allerdings in beide Richtungen. Die Schulnoten der schwächeren Schüler verbesserten sich ein wenig, aber zugleich verschlechterten sich diejenigen der besseren Schüler. Wer in der Schule Schwierigkeiten hat, profitiert also (wenn auch nur in sehr geringem Maß) von einem begabten Nachbarn – jedoch auf dessen Kosten, was die Noten betrifft. Da sich diese beiden gegenläufigen Effekte ausgleichen, ist auf der Ebene des Klassendurchschnitts kein Effekt messbar.

Das bedeutet: Die Leistungsunterschiede innerhalb einer Klasse lassen sich durch strategische Umsetzungen minimal mindern. Ein Effekt, den manche sicher begrüßen würden. Allerdings kann man wohl davon ausgehen, dass sich die Eltern der guten Schüler nicht darüber freuen würden. Wer möchte schon, dass sein Kind – einem leistungsschwächeren Mitschüler zuliebe – schlechtere Noten bekommt? Überhaupt sollten die Schulnoten natürlich so objektiv wie möglich die Leistungen jedes Kindes widerspiegeln und nicht die seiner Tischnachbarn.

Kinder wollen aus guten Gründen nebeneinandersitzen

In der Schule geht es außerdem nicht nur um Noten. Wenn benachbart sitzende Kinder einander in ihren Noten beeinflussen, spielen sie womöglich auch in anderer Hinsicht eine Rolle füreinander. Viele Erfahrungsberichte scheinen in diese Richtung zu deuten: Auf die Noten mag der Einfluss nur gering sein. Bei den Beziehungen sieht das ganz anders aus. Zwischen Tischnachbarn entstehen tiefe Freundschaften, in manchen Fällen sogar die dauerhaftesten im Leben. Und diese Verbindungen können nicht durch vorgeschriebene Sitzplätze erzwungen werden. Kinder suchen sich ihre Sitznachbarn aus guten Gründen; sie spüren, dass sie sich verstehen werden. Wäre es nicht schade, an dieser Stelle einzugreifen?

In meinem Fall entstanden im Klassenzimmer die Grundlagen für die schönsten Freundschaften, und manche halten schon seit vier Jahrzehnten. Ich bin dankbar, dass ich mir meinen Platz in der Klasse aussuchen und mich bestimmten Mitschülern annähern (und anderen aus dem Weg gehen) konnte! Glücklicherweise interessierten sich meine Lehrer nicht besonders dafür, uns Schüler strategisch zu platzieren. Sie begnügten sich damit, ihr Fach so gut wie möglich zu unterrichten, und beobachteten mit dem gebotenen Abstand, wie sich zwischen den Jugendlichen Beziehungen entwickelten und wieder auflösten.

  • Quellen
Keller, T., Elwert, F., Sociological Science 10.15195/v10.a28, 2023

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