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Lobes Digitalfabrik: Smarte Zensur

Bei jeder Gelegenheit hält Facebook ein Loblied auf Transparenz und Meinungsfreiheit. Wie ernst es dem Netzwerk damit ist, zeigt sich, wenn es selbst zum Nachrichteninhalt wird.
Mark Zuckerberg spricht über Redefreiheit

Facebook ist für viele Menschen das Tor zur Welt da draußen. Laut einer Erhebung von Pew Research bezieht mittlerweile mehr als jeder zweite erwachsene US-Bürger (52 Prozent) Nachrichten auf Facebook. Vor dem Hintergrund der jüngsten Datenskandale und Fake-News-Schwemme mag dieses Vertrauen überraschen. Doch in den USA, wo seit 2004 20 Prozent der Zeitungen schließen mussten und viele Bürger keine Lokalzeitung mehr haben, stößt Facebook in ein Vakuum. Der Konzern hat einen 300 Millionen Dollar schweren Fonds zur Journalismusförderung aufgelegt, mit dem er lokaljournalistische Projekte finanziert. Facebookchef Mark Zuckerberg hat schon vor Jahren das Ziel ausgegeben, »die perfekte personalisierte Zeitung für jede Person auf der Welt zu schaffen«. Dass sich Facebook als Retter des Journalismus geriert, entbehrt nicht einer gewissen Ironie, schließlich hat der Konzern mit der Abschöpfung des Werbemarkts das Zeitungssterben selbst befeuert.

Die Frage ist nur, inwiefern Facebook ein funktionales Äquivalent für Lokalzeitungen sein kann – und ob es dem Konzern gelingt, eine kritische Öffentlichkeit zu erzeugen. Facebook ist ja nicht bloß eine Plattform, die Öffentlichkeit herstellt (wenn auch nur eine simulierte Öffentlichkeit), sondern als Unternehmen selbst Gegenstand öffentlicher Kritik. Facebook schreibt sich bei jeder Gelegenheit Offenheit und Transparenz auf die Fahne. Doch die Ansprüche einer »globalen, informierten Community«, die Zuckerberg mit viel Pathos verkündet hat, scheint das Unternehmen gegen sich selbst nicht gelten zu lassen.

Als Zuckerberg kürzlich an der Georgetown University eine Rede über die Gefahren der Zensur hielt, die auf Facebook live gestreamt wurde, sahen die Nutzer eine Flut von hauptsächlich positiven Kommentaren und Emojis. Die Nutzer reagierten auf die Rede auch mit negativen Kommentaren und Emojis, bloß: Die wurden nicht angezeigt. Stattdessen sah man einen Strom lobhudelnder Äußerungen, der nicht abzureißen schien. »Sie sind ein Idol für die junge Generation«, schrieb einer. Ein anderer bedankte sich für »die fantastische Social-Media-Plattform«, so als wäre Facebook ein Geschenk Gottes.

Dass man auf dem Index landet, weil man Witze über den Chef macht, kennt man eigentlich nur aus autoritären Regimen

Man weiß nicht, ob es sich bei den Nutzern um Bots oder Jünger einer Facebooksekte handelte, jedenfalls trieften die Kommentare nur so vor Ehrerbietung. Kritik? Fehlanzeige. Stattdessen: Smileys und Daumen nach oben. Während Zuckerberg über freie Rede salbaderte und sich auf Martin Luther King berief, wurde die Meinungsfreiheit im eigenen System eingeschränkt. Erst nachdem die Rede beendet war, las man wieder kritischere Beiträge. Als Grund, warum negative Kommentare kaum angezeigt wurden, nannte ein Sprecher das schiere Volumen. Facebook, so die technische Erklärung, stütze sich auf eine Vielzahl von »Ranking-Signalen« – Metriken, die von der Interaktionsdichte und der Kommentarhäufigkeit beeinflusst sind –, um bestimmte Kommentare zu filtern. Will heißen: Das »Engagement« war zu hoch, als dass man alle Kommentare hätte veröffentlichen können.

Doch womöglich gibt es noch eine andere Ursache für diese seltsame Selektivität: Der Algorithmus, so mutmaßte die »Washington Post«, könnte negative Kommentare einfach unterdrückt haben, um Zuckerberg nicht vor eigenem Publikum zu desavouieren. Das würde bedeuten, dass der Algorithmus nicht nach quantitativen, sondern nach qualitativen Kriterien, also semantisch operierte. Die Vorgänge erinnern an autoritäre Systeme, wo bei einem öffentlichen Auftritt des Diktators kritische Transparente nicht in den Staatsmedien gezeigt oder Regimekritiker von der Polizei abgeführt werden. Doch auf Facebook muss man niemanden aus dem Saal schleifen – es reicht, die algorithmischen Parameter so einzustellen, dass Kritik gar nicht erst eingeblendet wird. Störer werden einfach abgeschaltet. Eine smarte Zensur.

Dass Facebook in Sachen Meinungsfreiheit mit zweierlei Maß misst, ist kein neues Phänomen. Im vergangenen Jahr berichtete die Nachrichtenagentur »Bloomberg«, dass Facebookmitarbeiter seit 2016 mit Hilfe einer geheimen Software namens Stormchaser virale Posts aufspürten, die das Unternehmen in ein schlechtes Licht rückten – zum Beispiel das Gerücht, dass Facebook private Informationen offenlegt, wenn man einen Kettenbrief nicht teilt. Oder das Gerücht, dass der Konzern per Mikrofon in den Smartphones seine Nutzer abhört. Auch Witze über Mark Zuckerberg, die ihn als Alien karikierten, wurden von den Mitarbeitern unter die Lupe genommen. Die Kontrolleure hatten auch Aktivitäten der Bewegung #DeleteFacebook, die sich nach dem Datenskandal formierte und schlechte Publicity für den Konzern bedeutete, genauer untersucht. In einigen Fällen wie dem Copy-and-Paste-Gerücht hätten die Mitarbeiter aktiv Posts gelöscht. Laut »Bloomberg« gibt es neben Stormchaser noch zahlreiche weitere Tools zum internen Reputationsmanagement.

Das Beispiel zeigt, wie Facebook seine Marktmacht als Quasimonopolist missbraucht. Bedenkt man, dass Zuckerberg Ambitionen auf das Weiße Haus nachgesagt werden – der gut informierte Autor Nick Bilton will von engen Freunden und Mitarbeitern erfahren haben, dass Zuckerberg mit dem Gedanken spiele, 2024 für das Amt des Präsidenten zu kandidieren – scheint hier ein neuer Machtkomplex auf, der mit demokratischen Kontrollmechanismen kaum noch einzuhegen ist. Facebook ist Schiedsrichter in eigener Sache. Der Konzern kann mit seinen Algorithmen missliebige Stimmen herunterpegeln oder stumm schalten – und sich so gegen externe Kritik immunisieren. Schon beim Datenskandal um die Analysefirma Cambridge Analytica hatte man den Eindruck, dass im Newsfeed kaum kritische Artikel zu dem Thema angezeigt wurden. Vielleicht lag das an der eigenen Filterblase, vielleicht hatte dieses Ausblenden aber auch systemische Ursachen.

Zuckerbergs rigide Innenpolitik, die auf so seltsame Weise mit seiner pseudohumanistischen Außenpolitik kontrastiert, verweist auf das Problem, dass sich die politischen Willensbildungsprozesse im Netz auf private Plattformen verlagert haben. Facebook ist im Grunde eine virtuelle Shoppingmall, in der Haus- vor Grundrecht gilt und »Besucher«, die den Hausherrn kritisieren, des Platzes verwiesen werden können. Nur: Ein System, in dem man auf dem Index landet, weil man Witze über den Chef macht, kennt man eigentlich nur aus autoritären Regimen.

Eine kritische Öffentlichkeit, in der die Rahmenbedingungen und Spielregeln des öffentlich Gangbaren und Sagbaren verhandelt werden, braucht das Medium der Öffentlichkeit wie die Luft zum Atmen. Doch je mehr private Konzerne Öffentlichkeit herstellen, desto weniger öffentlich sind die Verfahren, in denen über die Spielregeln der Öffentlichkeit diskutiert werden. Die Frage, wie kritisch Facebooknutzer über Facebook schreiben oder diskutieren können, könnte zum Lackmustest für die digitale Demokratie werden. Bleibt zu hoffen, dass Zuckerberg nicht doch irgendwann zur US-Präsidentschaftswahl antritt. Denn dann würde das einst so gefeierte Demokratiewerkzeug Facebook zum bloßen Intranet verkommen.

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