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Hirschhausens Hirnschmalz: Seit wann geht es um den Patienten?

Neue Studien zeigen: Wenn Ärzte auf die Wünsche und Gefühle der Patienten eingehen, geht es alles Seiten besser.
Dr. Eckart von HirschhausenLaden...

Ein ernstes Thema beginn man am besten mit einem Witz: »Die Eltern machen sich Sorgen, weil ihr Kind nicht spricht. Kein Psychologe, kein Arzt kann helfen. Eines Tages beim Essen sagt der Kleine plötzlich: ›Das Essen ist kalt!‹ Die Mutter ist freudig erregt: ›Aber du kannst ja reden! Warum hast du das bisher nicht getan?‹ ›Bis jetzt war ja auch alles in Ordnung!‹«

Mein erster Artikel als angehender Wissenschaftsjournalist ist inzwischen mehr als 30 Jahre her: »Mund auf – über die sprechende Medizin«. Es kommt mir vor wie ein schlechter Witz, dass jeder Standespolitiker betont, wie wichtig die Arzt-Patienten-Kommunikation ist, aber so richtig verändern tut sich nichts. Dabei frus­triert die Sprachlosigkeit alle Seiten. Und wenn doch mal geredet wird, dann meist aneinander vorbei. Ärzte hocken auf dem hohen Ross und lassen die Patienten ungern in ihre Karten, Daten oder Optionen schauen.

Professor Tobias Esch hat lange über das Projekt »Open Notes« geforscht, was für mich das Visionärste ist, was man mit der berühmten Digitalisierung der Medizin machen kann: den Spieß umdrehen und allen Patienten vollen Zugang zu ihren Befunden, Einträgen und Beurteilungen geben. Wie beim Onlinebanking auf höchstem Sicherheitsniveau.

Inzwischen sind über 15 Millionen Amerikaner dabei, und keiner der beteiligten Ärzte möchte mehr zurück zum alten System der Geheimniskrämerei. Denn das Vertrauen zwischen Arzt und Patient wurde von »Open Notes« nicht ausgehöhlt, sondern stieg vielmehr, die Patienten waren aktiver, nahmen die verordneten Medikamente (was schätzungsweise jeder zweite sonst nicht tut), und alle waren zufriedener.

Esch geht jetzt noch einen Schritt weiter. Er fordert, die Perspektive des Patienten konsequenter einzubeziehen. In der Tradition des Psychiaters und Anthropologen Arthur Kleinman erinnert er daran, dass das »Narrativ« – sprich: die eigene Erzählung des Patienten – der Schlüssel ist zu einer Behandlung, die nicht über den Kopf hinweg, sondern auf Augenhöhe geschieht. Das klassische »Wo tut’s denn weh?« ist sicher eine wichtige Frage. Genauso wichtig aber ist: »Was, glauben Sie, hat Ihr Problem verursacht? Warum könnte es gerade jetzt losgegangen sein? Was macht das Problem mit Ihrem Körper? Glauben Sie, dass es ernst ist, lange oder kurz andauert? Welche Behandlung halten Sie für passend? Wovor haben Sie Angst? Was wollen Sie mit der Behandlung erreichen?«

Der Schritt von »Was ist mit Ihnen los?« zu »Was ist Ihnen am wichtigsten?« bezieht Aspekte des Menschseins mit ein, die in der Sieben-Minuten-Medizin sonst keine Rolle spielen. Aber nur wenn die Werte und Wünsche des Patienten Teil des Prozesses werden, kommt es auch zu einer echten gemeinsamen Entscheidungsfindung, die viele unnötige Untersuchungen, Operationen und Kosten vermeiden hilft. Es braucht dazu einfache Fragen, Zuhören und fest etabliertes Feedback. Salopp gesagt: Miteinander reden bringt’s.


1/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 1/2019

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