Social-Media-Verbote für Minderjährige: Ausgrenzung unter dem Deckmantel des Jugendschutzes

Als die australische Regierung Ende 2025 ein Social-Media-Verbot für Minderjährige beschloss, war abzusehen, dass uns derartige Diskussionen hierzulande nicht erspart bleiben würden. Nun ist es also so weit: Politikerinnen und Politiker von SPDund CDU preschen mit Vorschlägen vor, ähnliche Einschränkungen auch in Deutschland umzusetzen. Bundeskanzler Friedrich Merz hat sich bereits positiv zu dem Vorhaben geäußert.
Es ist bezeichnend, dass die Maßnahme als »Jugendschutz« verkauft wird. Denn ein Verbot würde vor allem die Betreiber der Plattformen davor schützen, mehr für die Sicherheit der Nutzenden zu tun. Kindern und Jugendlichen droht hingegen ein schmerzlicher Verlust, der für viele von ihnen negative Folgen hätte.
In Debatten um Beschränkungen fällt genau dieser Aspekt aber leider häufig völlig unter den Tisch. Dabei ist es eine Tatsache, dass soziale Medien das Leben unzähliger junger Menschen bereichern. Neurodivergente und queere Kinder und Jugendliche, sowie andere, die in ihrem Umfeld nur wenige Gleichgesinnte treffen, finden im Netz Anschluss. Sie knüpfen Kontakte mit Personen, die sie verstehen, die ihre Interessen teilen und die ähnliche Erfahrungen machen. Über Hunderte von Kilometern und Landesgrenzen hinweg schließen sie Freundschaften und bilden Gemeinschaften. Ihre Onlinekontakte tragen mitunter mehr zum Wohlbefinden und zur Gesundheit bei, als all jene Menschen, die ihnen im Alltag begegnen.
Trotzdem werden soziale Medien maßgeblich für Probleme von Jugendlichen verantwortlich gemacht. Das Scrollen am Handy zerstöre die Konzentrationsfähigkeit von Heranwachsenden und zu viel Zeit vor den Bildschirmen löse psychische Erkrankungen aus. Solche Argumente greifen jedoch zu kurz. Denn die Lebensrealität junger Menschen unterscheidet sich nicht nur in puncto Social Media von der früherer Generationen. Sie spüren gerade die Auswirkungen mehrerer Kriege, des Klimawandels und einer Reihe von Wirtschaftskrisen auf ihr Leben. Zugleich blicken sie auf eine unsichere Zukunft, in der sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet. Das alles ist enorm belastend – und es trägt womöglich viel stärker zur Entstehung psychischer Probleme bei.
Es ist bitter, dass nun gerade soziale Medien ins Kreuzfeuer geraten. Denn vor fünf Jahren blickten viele wohl noch ganz anders auf die Situation. Damals saßen Kinder und Jugendliche zum Schutz der Älteren vor Covid-19 kollektiv in Hausarrest fest. Sie konnten monatelang keine Freunde umarmen und sich kaum außerhalb ihrer vier Wände bewegen. Das Internet und die Möglichkeiten, die es zum Austausch bietet, wurden zu ihrer Rettungsleine. Jetzt wollen diejenigen, die damals besonders vom Verzicht der Jungen profitierten, diese Leine kappen.
Ein geläufiges Argument von Befürwortern von Social-Media-Verboten lässt sich allerdings nicht abstreiten: In sozialen Medien lauern tatsächlich viele Gefahren. Die Plattformen bieten ihren Nutzerinnen und Nutzern keinesfalls geschützte Räume. Es kommt zu Cybermobbing und Online-Grooming, zahlreiche Accounts streuen Propaganda und die Algorithmen sind so programmiert, dass sie zum Endlosscrollen verleiten. Doch Kinder und Jugendliche tragen keine Schuld für diese Risiken. Vielmehr sind diese Teil des Geschäftsmodells der Silicon-Valley-Firmen. Sie werden deshalb auch nicht verschwinden, weil man Minderjährige ausschließt.
Allein die Betreiber der Dienste könnten Abhilfe schaffen. Dass ihre Plattformen so arbeiten, wie sie es tun, liegt aber in ihrem wirtschaftlichen und machtpolitischen Interesse. Von sich aus werden sie nicht das Wohl der Nutzenden voranstellen. Entsprechende Schritte unternehmen sie nur, wenn man sie dazu zwingt. Politikerinnen und Politiker, die wirklich Menschen schützen wollen, müssten genau hier ansetzen. Doch aus Unwissen, Unwillen oder Hilflosigkeit steuern sie in die andere Richtung. Lieber versagen sie einer ganzen Gruppe die Teilhabe, als sich für ihre Rechte einzusetzen.
Ist dieser Verlust an Teilhabe vielleicht sogar ein erwünschter Nebeneffekt? Wer mit jungen Menschen spricht, erkennt, wie viel sie über aktuelle Entwicklungen wissen und wie sehr soziale Medien ihren Blick geprägt haben. Viele politisierten sich schon früh. Globale Bewegungen wie »Fridays for Future«, »MeToo« oder die »Letzte Generation« wären ohne soziale Medien wohl kaum so möglich gewesen.
Vom Internet führt der Weg also zum Teil auf die Straße. Das hat unangenehme Folgen für politische Entscheidungsträger und Machthabende, die plötzlich den Druck der jungen Menschen zu spüren bekommen. Sie könnten darauf hoffen, dass das Momentum abnimmt, wenn man sie von den Plattformen ausschließt. Denn damit verhindert man, dass sie sich in großer Zahl zusammenschließen und organisieren.
Wir setzen Kinder übrigens täglich vielen weitaus größeren Gefahren aus. 2024 starben 54 Kinder bei Verkehrsunfällen und mehr als 25 000 weitere verunglückten. Dennoch verbieten wir es Minderjährigen nicht, auf die Straße zu gehen. Es gibt auch keine Autoverbote, um sie zu schützen. Vielmehr bringen wir ihnen von klein auf bei, wie sie sich im Straßenverkehr verhalten sollen, um möglichst sicher zu bleiben. Und für die Autofahrenden stellen wir Regeln auf, die dazu dienen, sie und die anderen Verkehrsteilnehmer zu beschützen.
Einen solchen Ansatz braucht es auch bei sozialen Medien. Einerseits müssen wir die Anbieter der Plattformen in die Verantwortung nehmen und Verbesserungen von ihnen fordern. Zugleich gilt es, mehr Digitalkompetenzen aufzubauen – und zwar über alle Generationen hinweg, nicht nur bei den Jüngsten. Dann müssen wir hoffentlich nicht länger darüber diskutieren, wie sinnig es wäre, eine Gruppe aus unseren gemeinsamen digitalen Diskussionsräumen zu verbannen.
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