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Springers Einwürfe: Damit ein Sturz nicht der Fall wird

Für ältere Menschen sind Stürze lebensgefährlich. Trainingsprogramme senken das Risiko drastisch, wie eine Studie aus China zeigt.
Eine Person geht mit einem Gehstock über einen gepflasterten Bürgersteig. Die tiefstehende Sonne wirft einen langen Schatten der Person auf den Boden.
Jede unbemerkte Unebenheit kann im Alter zum Risiko werden.
Ist die Energiewende sauber durchgerechnet? Kann die Forschung wirklich die Zukunft voraussagen? Und widerspricht die Quantenphysik sich selbst? In seinen Kommentaren geht der Physiker und Schriftsteller Michael Springer diesen und anderen Fragen am Rande des aktuellen Wissenschaftsgeschehens nach. Seit 2005 erscheint seine Kolumne »Springers Einwürfe«.

Der aufrechte Gang macht dem Homo sapiens die Hände frei, um Werkzeuge zu schaffen und die Welt buchstäblich zu begreifen. Diese enorme Errungenschaft hat nur einen Nachteil: Wir stolpern und fallen hin.

Für Kinder ist das in der Regel kein Problem. Als mein Enkel einen unfreiwilligen Purzelbaum über mehrere Treppenstufen hinab schlug, stand er einfach auf und lief weiter. Als ich auf dem platten Gehsteig über eine unsichtbare Unebenheit stolperte, krachte ich schmerzhaft zu Boden wie ein gefällter Baum.

Bei betagten Menschen bleibt es oft nicht beim aufgeschlagenen Knie. Nicht ohne Grund nennt man das Alter gebrechlich. Eine Knochenfraktur kann das Leben nachhaltig verändern, und manche Stürze enden tödlich. Nach einer Schätzung der Weltgesundheitsorganisation von 2021 sterben daran jährlich rund 684 000 Menschen – und 80 Prozent dieser Todes-Fälle ereignen sich in Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen.

Somit läuft ein Mensch, der nicht nur alt, sondern auch noch arm ist, besondere Gefahr, sich beim Hinfallen dauerhaft zu verletzen. Deshalb lohnt es sich, einfache Vorsorgemaßnahmen zu erproben, die einfach zu implementieren sind.

In einer klinischen Studie konnte ein chinesisch-australisches Team um den Mediziner Junyi Peng von der Harbin Medical University nachweisen: Mithilfe eines interaktiven Trainingsprogramms lässt sich das Verletzungsrisiko wirksam reduzieren.

China hat mindestens zwei Gesichter. Während die Millionenstädte mit ihrer Hochhausarchitektur und den mehrstöckigen Autobahnen manche westliche Metropole in den Schatten stellen, entsprechen die ländlichen Provinzen einem Entwicklungsland. In den Dörfern ist der Weg zum Arzt weit; dafür gibt es im Rahmen des staatlichen Gesundheitssystems Helfer und Heiler, die Erstversorgung zu leisten imstande sind, wobei sie mitunter auch traditionelle chinesische Medizin anbieten.

Erfolgsrezept für die Sturzprophylaxe

Für die Studie wählten die Forscher mehr als 2600 Personen aus vier ländlichen Provinzen aus, die älter als 60 Jahre waren und im vorangegangenen Jahr mindestens einmal einen Sturz erlitten hatten. Die Hälfte wurde von den lokalen medizinischen Helfern ein Jahr lang mit einer monatlichen Gruppenübung traktiert und sollte dazwischen anhand vorgefertigter Lehrvideos daheim üben. Die andere, nicht trainierte Hälfte diente als Kontrollgruppe.

Trainiert wurden alltägliche Bewegungen wie Hocken, Sitzen und Aufstehen. Dabei sollte man sich Zeit nehmen und besonders darauf achten, nicht die Balance zu verlieren und nicht irgendwo Halt zu suchen. Spezielle Videos führten vor, wie man die Wahrscheinlichkeit eines Sturzes von vornherein minimiert, indem man passendes Schuhwerk anzieht und zu Hause drohende Stolperfallen beseitigt.

Im Ergebnis zeigte sich: Anleiten und Üben reduziert die Häufigkeit, mit der alte Menschen stürzen. Die Trainierten fielen um 33 Prozent weniger oft hin als diejenigen der Kontrollgruppe. Nicht nur das: Spätere Stürze verliefen glimpflicher als sonst.

Eine kleine, aber wichtige Zutat der Studie war ein persönlicher Kalender für alle Teilnehmenden. Darauf trugen diese ein, wann sie hingefallen waren und wie brav sie ihre prophylaktischen Hausübungen gemacht hatten.

Das deutliche Resultat könnte freilich mit chinesischen Besonderheiten zusammenhängen. Auf dem Land ruht die Gesundheitsversorgung vorwiegend auf den Schultern dörflicher Helfer anstelle städtischer Ärzte. So findet das Sturztraining quasi unter guten Bekannten statt. Dies mag erklären, warum die allermeisten Rekrutierten über das ganze Testjahr hinweg durchgehalten haben.

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  • Quellen
Peng, J. et al., JAMA 10.1001/jama.2025.12724, 2025

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