Springers Einwürfe: Helfen Verbote beim digitalen Kinderschutz?

Smartphones haben das Zusammenleben überall radikal verändert. Auf der Straße reden Passanten laut mit Unsichtbaren, in öffentlichen Verkehrsmitteln mustern Passagiere ihre Handys oder lauschen Musik. In der Schule findet das soziale Leben per Chat statt, und im digitalen Kinderzimmer haben die Eltern nichts zu melden.
Die Umwälzung weckt begründete Sorge, aber auch pauschale Angst. Insbesondere das Kindeswohl gilt als bedroht. Darauf hat Australien mit einem Social-Media-Verbot reagiert: keine Nutzung von sozialen Plattformen für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren.
Das Resultat dieses Großversuchs zur Beherrschung der neuen Technik steht noch aus. Er wirft aber die grundsätzliche Frage auf, ob das Smartphone als ein Suchtmittel behandelt werden soll, vor dem die Jugend zu schützen ist wie vor Alkohol.
Zweifellos wirken die Algorithmen von Instagram oder TikTok suggestiv; sie buhlen um Aufmerksamkeit, suchen zu fesseln, können Heranwachsende zumindest im übertragenen Sinn süchtig machen. Also verbieten?
Erfahrungsgemäß ist Prohibition kein gutes Mittel. Wer unbedingt will, kommt trotzdem an den begehrten Stoff; wer sich brav ans Verbot gehalten hat, stolpert mit dem 16. Geburtstag ungeübt in die Fallgruben der weiten Onlinewelt. Besser wäre wenigstens ein altersgerecht abgestuftes Training in digitaler Medienkompetenz.
Beteiligung statt Ausschluss
Noch viel mehr wollen Sandra Cortesi und Urs Gasser von der Technischen Universität München. Sie gehören zu einer unabhängigen Expertengruppe namens Frontiers in Digital Child Safety mit Verbindungen zur Harvard University und zur Universität Zürich. Sie plädieren im Fachjournal »Science« dafür, mit evidenzbasierten Methoden Medien zu organisieren, an deren Design Kinder und Jugendliche aktiv beteiligt werden.
Cortesi und Gasser monieren, die Medienforschung habe sich bisher auf die Risiken konzentriert und dementsprechend Marktregulierung, restriktive Erziehung oder Überwachung vorgeschlagen. Selbst wo es gelingt, solche Schritte tatsächlich zu realisieren, laufen sie der rapide fortschreitenden Entwicklung der Medien hinterher. Der Kinderschutz erfordert vielmehr vorbeugende Maßnahmen, die auf die Rechte der Heranwachsenden, ihre aktive Beteiligung und ihr Wohlbefinden eingehen.
Erfahrungsgemäß ist nicht Kontrolle, sondern Vertrauen die bessere Basis für Kinderschutz. Wenn Eltern und Kinder gemeinsam die Mediennutzung absprechen, werden die Regeln besser eingehalten und lassen sich flexibler dem zunehmenden Alter anpassen. Das setzt voraus, dass sich Politik und Erziehung nicht von Furcht leiten lassen, sondern von den Möglichkeiten, welche die neuen Medien den Heranwachsenden bieten.
Wenn ein Kind online gemobbt wird oder auf verstörende Inhalte stößt, muss das Mediendesign es ihm leicht machen, rasch Hilfe zu bekommen. Darauf sollten die Plattformen so vorbereitet sein, dass ein Klick genügt, um den Vorfall anonym anzuzeigen. Jedes Risiko auszuschließen ist unmöglich, aber die Heranwachsenden müssen die Chance bekommen, selbstständig und erfolgreich zu reagieren.
Um die sozialen Medien entsprechend zu organisieren, sind außer den einschlägigen Firmen und den verantwortlichen Politikern auch die jugendlichen Nutzer gefragt: Sie sollten als kompetente Partner in die Entwicklung kindgerechter Plattformen einbezogen werden.
Damit all das keine Utopie bleibt, müssen die Provider deutlich mehr Verantwortung für die Kindersicherheit übernehmen. Die Beweislast sollte umgekehrt werden: Statt dass die Politik die Schädlichkeit eines Plattform-Designs nachweisen muss, liegt es bei der Firma, dessen Sicherheit zu belegen. Und für die Kosten angerichteter Schäden ist der Konzern haftbar zu machen.
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