Springers Einwürfe: Kann man der Wissenschaft vertrauen?

Ohne Vertrauen geht gar nichts. Wenn der Wetterbericht wolkenloses Spazierwetter verspricht, erwarte ich, dass es draußen nicht blitzt, donnert und schüttet. Der Arzt darf mich in den Arm stechen und eine Flüssigkeit hineindrücken, weil er mich vom Nutzen der Impfung überzeugt hat. Wenn ich den Fuß auf eine Brücke setze, verlasse ich mich auf die Gesetze der Mechanik und die Ingenieurkunst der Erbauer.
Dafür, wie es einem ergeht, wenn elementares Zutrauen zerstört wird, ist der Horrorfilm zuständig: Vögel hacken den Menschen plötzlich die Augen aus, eine Seuche treibt die Kriminalitätsrate auf 100 Prozent.
Das Zusammenleben beruht auf der Erwartung, dass die Naturgesetze gelten und die Mitmenschen friedlich, vernünftig und ehrlich bleiben. Wer Fragen hat, wendet sich an Experten – aber wie weit darf man sich auf die verlassen?
Die gute Nachricht zuerst: Insbesondere naturwissenschaftliche Fachleute genießen nach wie vor hohes Vertrauen. Ein Team um die Umweltsoziologin Viktoria Cologna und den Medienforscher Niels Mede, beide von der Universität Zürich, befragte dazu fast 72 000 Menschen in 68 Ländern detailliert. Auf einer Vertrauensskala von 1 (sehr niedrig) bis 5 (sehr hoch) lag der globale Mittelwert bei 3,62. Die nationalen Imagewerte streuten von matten 3,23 für Russland bis zu 4,26 für Indien. Deutschland und China lagen nahe beim globalen Mittelwert, die USA sogar ein Stück höher.
Naturforscher sind besonders angesehen. Das Londoner Marktforschungsinstitut Ipsos befragte im Jahr 2024 mehr als 23 000 Personen aus 32 Ländern nach der Vertrauenswürdigkeit verschiedener Berufe. 56 Prozent antworteten, sie glaubten den Wissenschaftlern. Nur Ärzte überboten den Wert knapp. Das Schlusslicht bildeten Influencer und Politiker; auf sie verließen sich bloß 15 Prozent der Befragten.
Politisierung strahlt aus
Doch nun zur schlechten Nachricht: Das Vertrauen in die Wissenschaft bröckelt seit einigen Jahren merklich. Eine Befragung in Großbritannien, die der Wellcome Trust und der Thinktank More in Common im April 2026 durchführten, ergab: Zwar meinten 84 Prozent, sie hätten zumindest »etwas« Vertrauen in die Wissenschaft, aber der Anteil derer, die angaben, ihr »sehr« zu vertrauen, sank von stolzen 63 Prozent anno 2020 auf mickrige 34 Prozent.
Noch krasser ist der Absturz in den USA. Dort hielt sich in den vergangenen 50 Jahren eine stabile Zustimmung zu naturwissenschaftlichen Aussagen, doch seit 2022 nimmt der Anteil der Leute mit »großem« Vertrauen deutlich ab. Der Verlust hat eine politische Schlagseite: Demokraten wertschätzen die Wissenschaft weiterhin zu 90 Prozent, Republikaner und Anhänger von US-Präsident Donald Trump nur noch zu 65 Prozent. Dazu passt, dass ein Impfgegner US-Gesundheitsminister werden konnte und ein radikaler Kritiker der Maßnahmen gegen die Covid-19-Pandemie nun die Behörden für Seuchenschutz leitet.
Die Politisierung der wissenschaftlichen Expertise beschädigt automatisch das Vertrauen; dafür sorgt allein schon das geringe Ansehen von Politikern. Hinzu kommt die Verwirrung durch die sozialen Medien. Sie sind heutzutage für viele Menschen – insbesondere Politiker! – die Hauptquelle vermeintlicher Wahrheiten. Wenn der Wildwuchs der Fake News nicht reguliert wird, droht der gute Ruf der Wissenschaft weiter zu schwinden.
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