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Springers Einwürfe: Wie rechnet sich die künstliche Intelligenz?

Die Börsenwerte von KI-Firmen gehen durch die Decke. Was bleibt übrig, wenn die Blase platzt?
Illustration eines Roboterkopfes mit großen, runden Augen. Der Kopf hat die Form eines Luftballons und fliegt dicht über einer am Boden platzierten Reißzwecke, deren Spitze bedrohlich funkelt.
Firmen loben das immense Potenzial von KI in den Himmel. Findet sich allerdings nicht bald ein funktionierendes Geschäftsmodell für KI-Anwendungen, droht eine unangenehme Landung.
Ist die Energiewende sauber durchgerechnet? Kann die Forschung wirklich die Zukunft voraussagen? Und widerspricht die Quantenphysik sich selbst? In seinen Kommentaren geht der Physiker und Schriftsteller Michael Springer diesen und anderen Fragen am Rande des aktuellen Wissenschaftsgeschehens nach. Seit 2005 erscheint seine Kolumne »Springers Einwürfe«.

Der letzte Schrei auf dem Technologiemarkt schlägt alles Bisherige. Der kalifornische Chipkonzern NVIDIA liefert die Technik für KI-Rechenzentren – und wurde an der Börse zeitweise mit fünf Billionen US-Dollar bewertet. Das übertrifft das Bruttoinlandsprodukt fast aller Volkswirtschaften, mit Ausnahme der beiden Champions USA und China.

Selbst der Internet-Boom nach der Jahrtausendwende nimmt sich dagegen wie ein geringfügiges Börsenhoch aus. Und das endete bekanntlich mit dem berüchtigten Dotcom-Crash, der mehr als fünf Billionen US-Dollar an Aktienwerten sowie Hunderttausende Arbeitsplätze vernichtete. Damals wie heute stehen enorme Erwartungen fragwürdigen Geschäftsmodellen gegenüber.

Falls die KI-Blase platzt, wären die Folgen entsprechend drastischer. Darum machen sich Ökonomen und Wirtschaftshistoriker bereits Gedanken darüber. Ein Artikel in der Wissenschaftszeitschrift »Nature« vom November 2025 lässt einschlägige Crash-Spezialisten zu Wort kommen.

Der Wirtschafts- und Geschichtswissenschaftler John Turner von der Queen’s University in Belfast ist Co-Autor des Buchs »Boom and Bust: A Global History of Financial Bubbles«. Darin untersucht er, wie sich das Platzen der Dotcom-Blase auf den akademischen Betrieb in den USA und auf die Entwicklung der digitalen Technik auswirkte.

Überraschenderweise ist Turners Bilanz nicht rabenschwarz, sondern durchaus gemischt. Die Realwirtschaft erwies sich damals als ziemlich resilient gegen den Börsencrash. Zwar sackte die – während des Dotcom-Booms verdoppelte – Anzahl graduierter Informatiker fast wieder auf die Hälfte ab, aber dennoch stieg die Menge einschlägiger Fachartikel fast unbehelligt weiter an. Und auch die Absolventenzahlen erholten sich ab 2010 von der Crash-Delle und gehen seither stetig aufwärts. Die technische Entwicklung digitaler Kommunikation zeigte sich überhaupt unbeeindruckt: Mobiltelefone fanden reißenden Absatz, und die Nutzung des Internets nahm rapide zu.

Ein weiterer Crash-Experte ist der Ökonom Brent Goldfarb von der University of Maryland in College Park. Sein mit dem Technikhistoriker David Kirsch verfasstes Buch »Bubbles and Crashes: The Boom and Bust of Technological Innovation« analysiert 150 Jahre Technikgeschichte unter dem Gesichtspunkt: Wie reagiert die Börse auf eine disruptive Erfindung? Welche Auswirkungen hat eine Überreaktion?

Befragt nach einer potenziellen KI-Krise, meint Goldfarb, sie würde die Forscher und Entwickler der zahlreichen Start-ups am härtesten treffen. Hingegen würden Großfirmen wie NVIDIA, OpenAI oder Google wahrscheinlich überleben und sich hüten, die wissenschaftliche Kernmannschaft in die Wüste zu schicken.

Kein Rundum-Befreiungsschlag

Könnte ein Crash trotzdem den oft beklagten KI-Brain-Drain, die Talentabwanderung aus der akademischen Forschung in Privatfirmen, bremsen oder gar umkehren? Goldfarb ist da skeptisch: »Wenn ich als KI-Forscher bei OpenAI arbeite, warum sollte ich zu einer Uni gehen, wo ich ein Zehntel verdiene?« Er räumt ein, dass es einige Forscher in die Universitäten treiben könnte, doch an der Tatsache, dass die meisten Graduierten in der privaten KI-Forschung landen, würde sich nichts Grundlegendes ändern.

David Kirsch sieht dennoch positive Effekte, wenn talentierte Köpfe infolge einer Finanzierungskrise aus den KI-Start-ups in die Grundlagenforschung gedrängt würden und dort die künstliche Intelligenz innovativ einsetzten. Sein Paradebeispiel für fruchtbare Anwendungen ist das Programm AlphaFold, das ungeahnte Formen der Proteinfaltung zu entdecken vermag.

Es sind bereits Forscher aus den Großfirmen ausgeschert, um, statt bloß immer ausgefuchstere Chatbots auszuhecken, lieber Start-ups für aktuelle Probleme aus Physik, Chemie oder Systemmodellierung zu gründen. Ein Crash könnte diesen Trend verstärken.

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