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Springers Einwürfe: Wenn Forschung in die Jahre kommt

Verlieren alternde Wissenschaftler an Innovationskraft? Eine umfangreiche Untersuchung zeichnet ein differenziertes Bild.
Eine Person steht in einem modernen Labor und hält ein Tablet in der Hand. Neben ihr befindet sich ein weißer Roboterarm. Die Person trägt einen dunklen Rollkragenpullover und eine Brille und blickt nachdenklich in die Ferne. Im Hintergrund sind unscharfe technische Geräte und Poster an der Wand zu sehen. Die Szene vermittelt einen Eindruck von Technologie und Forschung.
Erfahren, aber nur selten disruptiv?
Ist die Energiewende sauber durchgerechnet? Kann die Forschung wirklich die Zukunft voraussagen? Und widerspricht die Quantenphysik sich selbst? In seinen Kommentaren geht der Physiker und Schriftsteller Michael Springer diesen und anderen Fragen am Rande des aktuellen Wissenschaftsgeschehens nach. Seit 2005 erscheint seine Kolumne »Springers Einwürfe«.

Hin und wieder wird der Verdacht laut, die naturwissenschaftliche Grundlagenforschung verliere an Dynamik. In der Physik sind umwälzende Entdeckungen lange her. Spätestens seit 2012 suchen Teilchenforscher vergeblich nach einer neuen Physik jenseits des Standardmodells. Seinerzeit wurde das Higgs-Boson nachgewiesen, ein halbes Jahrhundert nach seiner theoretischen Vorhersage. Und wann endlich schließt sich die seit 100 Jahren gähnende Kluft zwischen den Theorien für Quanten und Gravitation?

Dafür schreiten die Biowissenschaften auf breiter Front mit atemberaubenden Detailergebnissen fort. Dennoch hat der Beobachter den Eindruck, da fließe zwar ein unerschöpflicher Strom wichtiger Neuerungen – aber ob eine derart umwälzende Einzelentdeckung wie die Entschlüsselung der Erbstruktur anno 1953 durch Francis Crick und James Watson auf Basis der Daten von Rosalind Franklin je wiederkommt?

Die Protagonisten der großen Durchbrüche des 20. Jahrhunderts waren blutjung: Heisenberg 24 Jahre, Bohr 28, Einstein 26, Watson 25, Franklin Anfang 30. Crick galt da mit 36 Jahren schon als Methusalem.

In den reichen Ländern ist das Durchschnittsalter von Naturwissenschaftlern, allein schon infolge der demografischen Entwicklung, stetig angestiegen. Erklärt das etwa, warum radikale Innovationen seltener werden?

Ein generell negativer Zusammenhang zwischen Lebensalter und Originalität ist strittig; frühere Studien zeichneten ein widersprüchliches Bild. Aufschluss verspricht die breit angelegte Arbeit eines Teams um den Informatiker Lingfei Wu von der University of Pittsburgh und den Soziologen James Evans von der University of Chicago. Die Digitalisierung des Wissenschaftsbetriebs hat den Autoren erlaubt, einen riesigen Datensatz zu analysieren: die Publikationen von 12,5 Millionen Forschenden zwischen 1960 und 2020.

Verschiedene Wege zur Innovation

Wu und Evans unterscheiden zwei Arten von Originalität: Neuheit und Disruption. Neuheit definieren sie als den Vorzug von Artikeln, die überraschende Zusammenhänge zwischen bereits bekannten Erkenntnissen herstellen. So etwas liegt erwartungsgemäß eher älteren Fachleuten, die sich dabei auf langjährige Erfahrung und breites Wissen stützen können.

Hingegen erfordern disruptive Durchbrüche einen fast tollkühnen Zugriff mit unerprobter Methodik auf ein schon länger schwelendes Problem – tendenziell ein Privileg junger Leute, unbeschwert von enzyklopädischem Wissensballast und verfahrenstechnischer Voreingenommenheit. In den analysierten Daten machen sich disruptive Arbeiten als besonders eigenständig bemerkbar: Sie werden auffallend häufig zitiert, und zwar ohne weitere Zitate aus demselben Forschungsfeld.

Um die Zusammenhänge zu quantifizieren, definieren Wu und Evans ein »akademisches Alter«. Dessen Geburtsstunde schlägt mit der allerersten Publikation einer Person. Sie verfolgen nun, ob bei dieser der individuelle Wissensstand von da an stagniert oder sich dynamisch aktualisiert; das messen sie an der relativen Frische der in späteren Artikeln herangezogenen Quellen.

Der Trend ist eindeutig: Mit den Jahren verlassen sich Forschende zunehmend auf ältere Arbeiten. Die Autoren der Studie sprechen vom Nostalgie-Effekt. Dauerhaft prägend und am liebsten zitiert bleibt meist ein Paper, das zwei Jahre vor der »akademischen Geburt« (der ersten eigenen Publikation) entstanden ist.

Kein Wunder also, dass Fachleute, wie die Daten deutlich belegen, mit zunehmenden Jahren immer weniger Disruptionen auslösen. Dafür sorgen die reiferen Semester für Vernetzung der Konzepte und Absicherung des Wissens.

Im internationalen Vergleich das gleiche Bild: Die akademisch jungen Teams aus den zügig aufholenden Ex-Entwicklungsländern Indien und China liefern tendenziell mehr folgenreiche Innovationen als die etablierten Großmächte der Wissenschaft.

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  • Quellen
Cui, H. et al., Science 10.1126/science.ady8732, 2026

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