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Warkus' Welt: Starker Kater, gesprächige Katze

Geschlechterstereotype beeinflussen unser Denken – selbst wenn wir uns Mühe geben, sie abzuschütteln. Das lässt sich manchmal selbst bei unserem Umgang mit Haustieren beobachten.
Mensch und KatzeLaden...

Aufmerksame Leserinnen und Leser dieser Kolumne wissen, dass ich (unter anderem) mit zwei Katzen zusammenwohne. Die beiden sind jetzt ein gutes halbes Jahr alt und nähern sich der Geschlechtsreife. Als sie Ende Juni in unsere Wohnung kamen, waren sie noch ganz klein, aber wer Grundkenntnisse von Katzenanatomie hat und aufmerksam hinschaute, konnte sehen: eine der beiden, die gefleckte, hat keine Hoden, gilt also als weiblich (fachsprachlich eine Kätzin), die andere, graue, hat hingegen welche, gilt also als männlich (ein Kater).

Bereits nach kurzer Zeit fiel auf, dass die Kätzin wesentlich geschwätziger ist als der Kater, also viel mehr katzentypische kleine Laute von sich gibt, um irgendwelche Situationen zu »kommentieren«; sie ist außerdem etwas gehorsamer, anschmiegsamer und hat das flauschigere Fell. Der Kater ist hingegen schneller gewachsen und hat vor allem schneller zugenommen, er ist größer, schwerer und stärker, weniger brav und reagiert schneller ungehalten, wenn man ihn ausdauernd krault.

Einige dieser Eigenschaften sind mit organischen Geschlechtsmerkmalen verknüpft. Dass die graue Katze stärker und schwerer ist, liegt vermutlich daran, dass sie bestimmte Hormone produziert, die die gefleckte Katze jedoch nicht hat. Andere Merkmale sind offensichtlich nicht mit dem Geschlecht verknüpft. So ist zum Beispiel die Flauschigkeit des Fells einer Katze bekanntlich sehr zufälligen genetischen Einflüssen unterworfen, und es gibt seidenweiche Kater ebenso wie struppige Katzen. Dass unsere Kätzin sozusagen das schönere Kleid hat als der Kater, »passt« also nur, wenn man sie als »Mädchen« vermenschlicht und ihr dadurch bestimmte Eigenschaften zuschreibt, die in unserer Gesellschaft traditionell auch Frauen zugeschrieben werden.

Wenn Vorurteile sich fortpflanzen

Dasselbe gilt für Eigenschaften wie Gesprächigkeit und Gehorsam. Weibliche Katzen machen nicht mehr oder weniger Laute als männliche, dies ist weitgehend zufällig (menschliche Frauen reden übrigens auch nicht mehr als Männer). Auch hinsichtlich ihrer Folgsamkeit unterscheiden sich die Tiere untereinander stark, wie jeder weiß, der schon einmal ein bisschen mit Katzen zu tun hatte. Ein und dieselbe Katze gehorcht in ein und derselben Situation mal mehr, mal weniger, je nach Tagesform.

Nun bin ich selbst, so hoffe ich zumindest, verhältnismäßig reflektiert beim Zuschreiben von Geschlechtereigenschaften. Wenn ich mit menschlichen Kindern zu tun habe, gebe ich mir alle Mühe, nicht in die Falle zu tappen und zum Beispiel bei Mädchen vor allem Niedlichkeit und bei Jungen Mut oder Interesse für die Welt wahrzunehmen. Und dennoch fiel mir bereits weniger als einen Monat, nachdem die beiden eingezogen waren, auf, dass ich bei dem »Mädchen« unter unseren beiden Katzen tatsächlich vor allem Merkmale wahrnahm, die in unserer Gesellschaft weiblich konnotiert sind und bei dem »Jungen« entsprechend eher männliche. (Unsere Tierärztin sagte übrigens sofort Prinzessin zur gefleckten Katze, sobald sie erfahren hatte, dass sie weiblich war.)

Wenn wir über Kategorien wie Geschlecht nachdenken, ist es wichtig, zu erkennen, dass wir uns zu ihnen nicht neutral und völlig distanziert verhalten können

Offenbar wende ich sogar bei der Betrachtung von zwei Kätzchen, bloß, da ich deren biologisches Geschlecht zu kennen meine, unterschwellig Schemata an, die nicht nur aus der menschlichen Gesellschaft kommen, sondern mit denen ich eigentlich selbst nicht einverstanden bin. Vielleicht ist es sogar so, dass ich die beiden pelzigen Tiere aus diesem Grund unbewusst unterschiedlich erzogen habe, obwohl ich allen guten Willen habe, Menschen nicht nach ihrem Geschlecht in Schubladen zu sortieren.

Wenn dem so ist, dann zeigt sich daran, dass die Geschlechterkategorien, in die wir in unserer Kultur und unserer Gesellschaft hineinerzogen werden, alles durchdringen. Philosophisch denken heißt, Begriffe und begriffliche Unterscheidungen zu klären, es heißt aber auch, ihre Herkunft und ihre Entstehung zu hinterfragen. Wenn wir über Kategorien wie Geschlecht nachdenken, ist daher das Wichtigste, zuerst zu erkennen, dass wir, ganz gleich wie vernünftig oder wie gut wir ausgebildet sind, uns zu ihnen nicht neutral und völlig distanziert verhalten können. Wir schwimmen in solchen Kategorien wie Fische im Wasser, und jedes Nachdenken über das Wasser muss damit beginnen, zu erkennen, dass wir überhaupt von ihm umgeben sind.

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