Energiekrise: Zurück in die Zukunft, bitte!

Viele Menschen in Deutschland erleben gerade ein Déjà-vu: Wie schon im Jahr 2022 treibt ein Krieg die Energie- und Spritpreise in die Höhe. Wieder wird über Tankrabatte, Gaspreisbremsen und die Freigabe von Ölreserven diskutiert. Inzwischen wird sogar wieder heimisches Gas‑Fracking als Option ins Spiel gebracht. Auch die Pendlerpauschale könnte sich nochmals erhöhen.
Noch ist unklar, wie sich die neuerliche Energiekrise langfristig auf die Heizkosten und die Tankrechnung der Bürgerinnen und Bürger auswirkt. Klar ist dagegen: Die Bundesregierung scheint aus vergangenen Krisen wenig bis nichts gelernt zu haben. Statt Öl und Gas konsequent den Rücken zu kehren und in eine nachhaltigere Zukunft aufzubrechen, klebt uns die schwarz-rote Koalition unter Friedrich Merz in einer fossilen Gegenwart fest. Insbesondere die Unionsparteien scheinen mehr daran interessiert zu sein, die Energiewende als ein ideologisches Projekt der Grünen darzustellen und entsprechend zu torpedieren, als sie als langfristige Grundlage für künftigen Wohlstand zu begreifen.
Dabei befand sich Deutschland zuletzt auf einem guten Weg. Der Ausbau von Windkraft- und Photovoltaikanlagen schritt massiv voran. Im Jahr 2025 stammten 58,6 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien. Zudem nimmt die Elektromobilität an Fahrt auf: Jeder fünfte neu in Deutschland zugelassene Pkw war 2025 ein E-Auto. Die Wärmepumpenhersteller verzeichnen ebenfalls steigende Absatzzahlen: 2025 wurden in Deutschland erstmals mehr Wärmepumpen als Gasheizungen verkauft. Die aktuelle Koalition sollte diese positiven Entwicklungen weiter vorantreiben, stattdessen tritt sie auf die Bremse. Die jüngst beschlossene Reform des Heizungsgesetzes und der Solarförderung wie auch die Aufweichung des Verbrenner-Aus zementieren den fossilen Ist-Zustand und verhindern eine echte Transformation.
Wir treten auf der Stelle
Der Krieg rund um den Iran zeigt einmal mehr, wie fragil das globale Energiesystem ist, das vorrangig auf fossilen Rohstoffen beruht. Angriffe auf Schiffe in der Straße von Hormus treiben den Ölpreis weltweit nach oben. Kein Wunder: Rund ein Fünftel der globalen Öl- und Flüssiggastransporte passiert diese Meerenge – eine geostrategische Engstelle. Entsprechend nervös reagieren die Märkte: Seit Beginn der Eskalation sprang der Preis für Rohöl zeitweise auf mehr als 100 Dollar pro Barrel.
Das Bemerkenswerte daran ist jedoch nicht der Preissprung selbst. Energiekrisen sind seit Jahrzehnten Teil geopolitischer Konflikte – von den Ölkrisen der 1970er-Jahre bis zum russischen Angriff auf die Ukraine 2022. Überraschend ist vielmehr, wie wenig sich über all die Jahrzehnte strukturell verändert hat. Noch immer hängen zentrale Bereiche der europäischen Wirtschaft – Verkehr, Wärmeversorgung, Industrie – an Energieträgern, deren Preis und Verfügbarkeit von politischen Auseinandersetzungen in teils weit entfernten Regionen bestimmt werden. Jeder neue Konflikt wirkt deshalb wie ein Stresstest für ein System, das längst robuster sein müsste.
Gerade Deutschland hätte aus der jüngsten Vergangenheit Lehren ziehen können. Der Schock im Jahr 2022, ausgelöst durch die Abhängigkeit von russischem Gas, läutete eine kurze Phase energiepolitischen Aufbruchs ein: Wärmepumpen, Solarenergie und Elektromobilität wurden plötzlich zu strategischen Instrumenten der Sicherheitspolitik. Doch statt diese Transformation anzutreiben und zu beschleunigen, setzt die aktuelle Regierung, allen voran Katherina Reiche, wieder auf Maßnahmen zur Preisstabilisierung fossiler Energien – mit Subventionen, Freigaben von Ölreserven und neuen Infrastrukturprojekten für Öl und Gas. Das lindert zwar kurzfristig Symptome, verhindert aber langfristig einen echten Wandel.
Den Benzinpreis an der Tankstelle politisch zu stabilisieren, sei jedenfalls ökonomisch ineffizient, erklärte jüngst ein Energiesystemökonom von der RWTH Aachen gegenüber der »Aachener Zeitung«. Tankrabatte und Spritpreisbremsen müssten später über höhere Steuern refinanziert werden und ermutigen trotz Krisenzeiten zu einem höheren Verbrauch. Statt Benzin und Diesel für alle billiger zu machen, sollte man lieber gezielt Menschen mit niedrigen Einkommen entlasten oder Übergewinnsteuern prüfen, um einen möglichen Missbrauch durch Mineralölkonzerne einzudämmen.
Der Ausweg ist längst bekannt
Ein Blick auf die Preise stützt diese Argumentation: Sie stiegen an deutschen Zapfsäulen zuletzt deutlich stärker als in vielen anderen EU‑Staaten. Dabei wurde der Sprit an den Tankstellen hierzulande bereits teurer, bevor es überhaupt zu einer tatsächlichen Verknappung kam.
Gleichzeitig wird eine zweite energiepolitische Entscheidung die Verbraucher langfristig belasten. Im Februar 2026 hat die Bundesregierung beschlossen, das Gebäudeenergiegesetz, auch Heizungsgesetz genannt, so stark aufzuweichen, dass weiterhin neue Öl- und Gasheizungen eingebaut werden können. Angesichts der Lebensdauer solcher Anlagen von 20 bis 30 Jahren wird deutlich: Wir zementieren unsere Abhängigkeit von fossilem Gas bis weit in die 2040er-Jahre – also in jene Zukunft, in der wir eigentlich unabhängig sein wollten.
Jede neue Krise bestätigt die Diagnose, doch die politischen Antworten bleiben die alten.
So entsteht eine paradoxe Situation: Jede neue Krise bestätigt die Diagnose, doch die politischen Antworten bleiben die alten. Statt die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern endlich systematisch zu verringern, werden weiterhin nur die Folgen gedämpft. Dabei wäre der Ausweg längst bekannt: E-Autos fahren nicht mit Öl aus Krisenregionen, Wärmepumpen brauchen kein Gas aus geopolitisch instabilen Staaten, und jede Photovoltaikanlage macht Deutschland ein Stück unabhängiger von fossilen Importgütern.
Zur Wahrheit gehört sicherlich auch, dass die Energiewende zwar mehr Unabhängigkeit von Öl und Gas verspricht, zugleich aber neue Abhängigkeiten schaffen kann. Photovoltaikmodule sowie viele zentrale Komponenten für die Elektromobilität stammen aus China. Die Volksrepublik und viele andere rohstoffreiche Länder sind ebenfalls keine Demokratien. Eine kluge Energiepolitik sollte daher versuchen, zumindest Teile dieser Wertschöpfung wieder nach Europa zu holen. Denn echte energiepolitische Souveränität entsteht nicht nur durch erneuerbare Energiequellen, sondern auch durch die Fähigkeit, die dafür nötigen Technologien selbst herzustellen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Deutschland sich die Energiewende leisten kann. Sondern ob wir es uns wirklich weiterhin leisten wollen, in jener fossilen Vergangenheit haften zu bleiben, die uns immer wieder in diese Krisen stürzt.
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