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Storks Spezialfutter: Die Klimaproteste werden radikaler

Grund dafür ist die Untätigkeit der Politik. Solange die Proteste friedlich bleiben, könnte das ein notwendiger Impuls im Kampf gegen die Klimakrise sein, meint unser Kolumnist.
Mitglieder von Greenpeace, Fridays for Future und linksradikalen Gruppen haben Ende Oktober 2021 in Lützerath gegen den Kohleabbau protestiert.

Mitte Dezember sind in Berlin fünf junge Frauen festgenommen worden, weil sie Parolen an die Fassade des Kanzleramts gepinselt hatten. »Essen retten Agrarwende (Ge)setz jetzt« war da in krakeliger Schrift zu lesen. Es waren Klimaaktivistinnen der Gruppe »Aufstand der letzten Generation«. Im Herbst hatten die Mitglieder schon einmal größere mediale Aufmerksamkeit erlangt: Während des Bundestagswahlkampfs hatten sie in der Nähe des Reichstags ein Zeltcamp errichtet. Einige von ihnen waren in den Hungerstreik getreten, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen und Gespräche mit den Kanzlerkandidaten und der Kanzlerkandidatin durchzusetzen.

An einem lauen Abend bin ich der Gruppe zufällig begegnet. Gemeinsam mit Freunden hatte ich mich zum »Festival of Lights« aufgemacht, einem großen, bunten Spektakel, bei dem Fernsehturm, Brandenburger Tor und andere Wahrzeichen im Dunkeln mit animierten Bildern angestrahlt wurden. Wir waren früh dran und verbummelten die Zeit unweit des Klimacamps. Eine Gruppe junger Leute ebenso ernst wie hager lief an uns vorbei Richtung Camp. Sie hatten ein Pappschild dabei, auf dem »Hungerstreik« stand. Darunter waren parallele Striche gezeichnet – einer für jeden Tag, den sie gehungert hatten.

Der Welt steht ein Umbruch bevor – ob die Menschheit will oder nicht: Die Landwirtschaft muss nachhaltig und fit für den Klimawandel werden, gleichzeitig gilt es, eine wachsende Weltbevölkerung mit wachsenden Ansprüchen zu versorgen. Was bedeutet das für unsere eigenen Ansprüche? Und was für Umwelt und die Lebewesen darin?
In »Storks Spezialfutter« geht der Umweltjournalist Ralf Stork diesen Fragen einmal im Monat auf den Grund.

Für mich war das eine Begegnung, die nachwirkte: Während ich einfach nur einen netten Abend mit Freunden verbringen wollte, setzten sie ihre Gesundheit, vielleicht sogar ihr Leben aufs Spiel – getragen von der Überzeugung, die Welt retten zu müssen oder es wenigstens zu versuchen. Die flüchtige Begegnung löste eine ganze Kaskade von Emotionen bei mir aus: Angst um die Gesundheit der jungen Leute; Bestürzung darüber, dass sie keinen anderen Ausweg gesehen haben; auch Respekt. Daneben verspürte ich Schuld, weil ich zwar mit der Klimabewegung sympathisiere, aber im Familienalltag noch weit davon entfernt bin, mich mit allem, was ich habe, für den Klimaschutz zu engagieren. Und da war das Gefühl der Ablehnung, weil Forderungen mit einem Hungerstreik durchsetzen zu wollen, eben immer auch bedeutet, andere zu erpressen.

Große Verzweiflung angesichts der drohenden Klimakatastrophe

»Es erschöpft mich total, dass ich dachte, in meinen Zwanzigern ein schönes Leben zu haben, an den Wochenenden schöne Dinge zu machen, und jetzt sitzen wir hier und reden über die Klimakrise«, sagte Lea Bonasera, eine der Hungerstreikenden, als sie im Gespräch mit Olaf Scholz war. Allein in diesem Satz zeigt sich eine große Verzweiflung angesichts der drohenden Klimakatastrophe. Und sehr vielen jungen Menschen geht es genauso wie Bonasera. Im September 2021 erschien dazu eine wissenschaftliche Studie im Fachblatt »The Lancet«: Welche Emotionen verbinden junge Leute mit dem Klimawandel? Dafür wurden 10 000 Menschen im Alter von 16 bis 25 Jahren in zehn verschiedenen Ländern befragt. Knapp 60 Prozent gaben an, wegen des Klimawandels extrem oder sehr besorgt zu sein. Mehr als 50 Prozent fühlten sich deshalb ängstlich, traurig, hilflos, machtlos oder schuldig. Mehr als 45 Prozent gaben an, dass ihre Gefühle bezüglich des Klimawandels ihr tägliches Leben negativ beeinflussten.

Die Ergebnisse der Studie, aber auch das Agieren von Gruppen wie »Aufstand der letzten Generation« zeigen, welche Entwicklung die Klimabewegung in den vergangenen Jahren genommen hat und wie es in naher Zukunft damit weitergehen könnte.

Zunächst einmal: DIE Klimabewegung gibt es nicht. Längst könnte man von Bewegungen sprechen, weil das Ganze so groß geworden ist, dass sich viele verschiedene Gruppen und Strömungen gebildet haben. Allein unter dem Dach von »Fridays For Future« (FFF) engagieren sich mittlerweile auch Eltern, Großeltern, Wissenschaftler, Ingenieure, Psychologen oder Christen. Sie haben sich jeweils zusammengeschlossen zu Gruppen wie »Parents For Future« oder »Omas for Future«. Darüber hinaus sind Organisationen wie »Extinction Rebellion« oder »Ende Gelände« und kleinere Gruppierungen wie »Aufstand der letzten Generation« aktiv. Auch bei den etablierten Naturschutzverbänden spielt der Klimawandel eine wichtige Rolle. Wenn man bedenkt, dass der erste Schulstreik von Greta Thunberg nicht einmal dreieinhalb Jahre zurückliegt, sind Mobilisationsvermögen und Organisationsgrad bemerkenswert! Dank FFF und anderen Gruppen ist das Problem des Klimawandels mittlerweile nicht mehr aus dem öffentlichen Bewusstsein wegzudenken.

Es braucht eine »Radikalisierung der Aktionsformen«

Um so frustrierender muss es für die Aktivistinnen und Aktivisten sein, dass Politik und Gesellschaft trotzdem noch nicht die notwendigen Schritte ergriffen haben, um den Temperaturanstieg zu bremsen. Angesichts dieser Stagnation ist es eigentlich nur folgerichtig, wenn sich die Gruppen Gedanken darüber machen, mit welchen zusätzlichen Aktionsformen sie in Zukunft am ehesten ihre Ziele erreichen können: In einem Interview mit der »taz« hat FFF-Sprecherin Carla Reemtsma unlängst davon gesprochen, dass es eine »Radikalisierung der Aktionsformen« brauche. Auch in vielen lokalen FFF-Gruppen wird über mögliche Formen zivilen Ungehorsams diskutiert.

Das heißt nicht, dass die gesamte Bewegung dabei ist, sich zu radikalisieren. Vielleicht kann man es sich ähnlich wie bei den Naturschutzverbänden vorstellen. Auch die decken ein breites Spektrum und unterschiedliche Aktionsformen ab. Während Greenpeace auch schon mal Schornsteine und Brücken besetzt, werden bei Nabu und BUND eher Spenden für Naturschutzgebiete oder für den Schutz einzelner Arten gesammelt. Trotz solcher Unterschiede bilden die Verbände ein Bündnis, in dem die einzelnen Mitglieder voneinander profitieren. Greenpeace wird von Teilen der Gesellschaft vielleicht weniger als Bürgerschreck wahrgenommen, weil es zu einem großen, auch bürgerlichen Netzwerk gehört. Die anderen Verbände profitieren wiederum von der medialen Aufmerksamkeit, die die Aktionen von Umweltaktivisten erzeugen. Erst so entfaltet das Naturschutzbündnis seine größtmögliche Schlagkraft.

Ähnliches dürfte für die Klimabewegung gelten. Wir werden in den kommenden Monaten vermutlich mehr beschmierte Wände, besetzte Straßenkreuzungen, Wälder und Kohlekraftwerke sehen. Solange der Protest friedlich bleibt, wäre das eine Entwicklung, die – wegen der anhaltenden Tatenlosigkeit der Politik – vielleicht von größeren Teilen der Gesellschaft als vorübergehendes, notwendiges Übel zumindest nachvollzogen werden könnte. Voraussetzung dafür ist, dass die Klimaaktivistinnen und -aktivisten weiterhin auf möglichst breiter Basis den Austausch mit der Gesellschaft suchen und ihre Beweggründe erklären.

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