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Storks Spezialfutter: Die Umwelt als Kollateralschaden des Kriegs

Wegen des Ukraine-Kriegs weicht die EU den frisch verhandelten Green Deal auf. Die Argumentation dafür ist mehr als fragwürdig, findet unser Kolumnist Ralf Stork.
Ein Mähdrescher holt die Ernte ein

In Zeiten von Krisen werden die Rufe nach Unabhängigkeit und Sicherheit immer besonders laut und emotional. Hätte sich Deutschland in den vergangenen Jahren nicht so abhängig von Gasimporten aus Russland gemacht, wäre das Land heute weniger erpressbar und würde nicht Tag für Tag viele Millionen Euro an die russische Kriegskasse überweisen. Ein Verteilen der Energieimporte auf mehrere andere Länder wäre wahrscheinlich teurer, aber sicherheitspolitisch und moralisch die deutlich bessere Lösung gewesen.

Der Krieg treibt aktuell jedoch nicht nur die Energiepreise in die Höhe, sondern ebenso die Preise für Getreide. Bevor Russland das Land zum blutigen Schlachtfeld machte, wurden in der Ukraine 14 Prozent der am Weltmarkt gehandelten Mengen an Weizen, Gerste und Mais produziert. Dieses Jahr wird die Ernte erheblich geringer ausfallen, und auch für die nächsten Jahre muss mit starken Einbußen gerechnet werden. Dazu kommt der erschwerte Export. Viele Länder im globalen Süden sind auf die ukrainischen Getreidelieferungen angewiesen. Bleiben sie aus oder steigen die Preise weiter in ungeahnte Höhen, sind Millionen Menschen von Armut und Hunger bedroht. Die Lage ist also tatsächlich ernst.

Um die Not zu lindern, werden in Deutschland und Europa Forderungen laut, deren Begründungen jedoch ziemlich fadenscheinig sind. Die Argumentation geht vereinfacht gesagt so: Weil Hungersnöte drohen, muss dort, wo es möglich ist, mehr Getreide produziert werden. In der EU sind das die so genannten Stilllegungsflächen und Brachen. Das sind vier Prozent der Ackerfläche, die jeder landwirtschaftliche Betrieb ab 2023 aus Umweltschutzgründen aus der Produktion nehmen muss.

»Jede Tonne mehr an Weizen in der EU dieses Jahr ist nicht nur eine Tonne mehr für die Ernährungssicherheit in der EU und die Bekämpfung des Hungers in der Welt. Es ist auch eine Tonne mehr gegen Putin und für die Stärkung von Demokratie und Freiheit«, sagte beispielsweise Norbert Lins (CDU), Leiter des Agrarausschusses der EU.

Schnell gehandelt

Mittlerweile ist aus den Forderungen Realität geworden: In Deutschland können die Pflanzen von ökologischen Vorrangflächen dieses Jahr als Tierfutter genutzt werden. Die EU geht noch deutlich weiter. Grundsätzlich wird den Mitgliedsstaaten für 2022 die Möglichkeit gegeben, solche Flächen in Acker umzuwandeln und sogar Pflanzenschutzmittel darauf anzuwenden.

Es steht zu befürchten, dass es nicht bei diesen temporären Lockerungen bleibt. Der Deutsche Bauernverband (DBV) jedenfalls stellte schon zu Beginn des Kriegs einen Großteil der in der EU-Agrarpolitik enthaltenen Naturschutzmaßnahmen grundsätzlich in Frage: »Es drängt sich die Frage auf, ob ein Green Deal richtig gewichtet ist, der für Landwirtschaft und Ernährung auf Einschränkungen der Erzeugung, Stilllegungen und höhere Importe setzt. Die Farm-to-Fork-Agenda mit ihren eindimensionalen pauschalen Reduktionszielen für Düngung und Pflanzenschutz und ihren Lücken in Sachen Handelspolitik und Versorgungssicherheit passt nicht in diese neue Realität«, formulierte Generalsekretär Bernhard Krüsken die Position des BDV.

Man könnte in der Tat argumentieren, dass wegen der besondere Notlage unbequeme Entscheidungen getroffen und der Umweltschutz hinten angestellt werden müsse, wenn dafür Menschenleben gerettet werden könnten. Der Beitrag, den die europäischen Brachen für die Getreideproduktion spielen würden, ist allerdings mehr als bescheiden. Selbst wenn man auf allen 2019 in der EU vorhandenen Brachflächen Getreide anbaut, würde sich die weltweite Weizenproduktion gerade einmal um 1,2 Prozent erhöhen. Die Annahme ist überdies sehr realitätsfern, weil die Brachen häufig an Standorten liegen, an denen eine landwirtschaftliche Produktion wenig Sinn macht, weil sie zu trocken, zu feucht oder aus anderen Gründen extrem sind.

Große alternative Potenziale

Ein anderes Einsparpotenzial findet in der derzeitigen Diskussion dagegen nicht statt: »Rund zwei Drittel des EU-Getreides landet in Futtertrögen, vor allem von Geflügel und Schweinen. Zumindest ein Teil davon könnte problemlos als Brotgetreide eingesetzt werden«, sagt Christian Rehmer, Referent für Agrarpolitik beim BUND. Wenn die Politik den Landwirten und Landwirtinnen eine Prämie dafür zahlen würde, dass sie weniger Schweine halten, ließen sich also große Mengen an Getreide einsparen, dass dann direkt den Menschen zugutekommen könnte. Gleiches gilt für die Produktion von Biokraftstoffen aus Getreide: Wenn man mehr Anbaufläche für die Versorgung der Menschen schaffen will, könnte man die Produktion der schon lange in die Kritik geratenen Biokraftstoffe drosseln.

Über diese Einsparpotenziale wird bislang kaum diskutiert. Deshalb könnte sich der Verdacht aufdrängen, dass es bei der Erhöhung der Getreideproduktion innerhalb der EU gar nicht vorrangig um die Bekämpfung des Welthungers geht. Und dass die aktuelle Krise vielmehr als Vehikel genutzt wird, um die – ohnehin noch sehr zarte – ökologische Neuausrichtung der europäischen Agrarpolitik zu torpedieren.

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