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Antibiotika: Meinung: Späte Einsicht

Die falsche Strategie hat die Erforschung neuer Antibiotika um Jahrzehnte verzögert, kommentiert Lars Fischer.
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Seit Ende der 1980er Jahre klafft eine große Lücke in der Medizin: Die letzte medizinisch relevante Klasse an Antibiotika stammt aus dem Jahr 1987 – danach erschienen im Gegensatz nur noch resistente Bakterien. Und diese dafür fast im Wochentakt. Doch der Trend ist wohl gebrochen. Mit dem neuen Stoff Teixobactin steht nun erstmals wieder ein Antibiotikum mit neuem Wirkmechanismus in den Startlöchern.

Die eigentliche Botschaft hinter der Entdeckung ist jedoch eine andere: Die enorme, tödliche Lücke, die in der Antibiotikaforschung klafft, war kein Schicksal, sondern die Konsequenz einer Fehlentwicklung. Neben den oft beschworenen fehlenden ökonomischen Anreizen, neue Antibiotika zu entwickeln, hat sich die gegenwärtig dominierende Strategie der Wirkstoffentwicklung als verhängnisvoll erwiesen. Die besten Pharmazeuten sind nach wie vor lebende Organismen – sie links liegen zu lassen, war ein Fehler.

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Lars Fischer | Lars Fischer ist Wissenschaftsjournalist und Redakteur bei "Spektrum.de".

Im goldenen Zeitalter der Antibiotikaforschung, das etwa bis 1960 reichte, fand man nahezu alle heute verwendeten Basisstrukturen: Sie stammen aus Pilzen und Bodenbakterien, die man damals in Kultur züchtete und systematisch auf interessante Stoffe untersuchte. Im Lauf der Zeit allerdings wurde es immer schwerer, neue aussichtsreiche Stoffe zu finden – zu gering war die Vielfalt der Mikroorganismen, die sich leicht im Labor auf Nährboden züchten ließen.

Umgekehrt blieb die überwältigende Vielfalt des Lebens im Boden unzugänglich: Die meisten dieser Organismen ließen sich nicht kultivieren. Man wusste: Sie sind da. Sie enthalten möglicherweise lebensrettende Wirkstoffe. Aber sie waren nicht zugänglich. Stattdessen durchsuchte man den vergleichsweise kleinen Kreis laborfreundlicher Organismen – und fand immer das Gleiche.

Der chemische Ansatz, bei dem man seit den 1980er Jahren vollständig künstlich hergestellte Strukturen auf ihre Aktivität gegen Organismen oder biochemische Strukturen testet, entstand als Reaktion auf dieses Problem, und bei den meisten Wirkstoffgruppen hat er sich bewährt – nicht aber bei Antibiotika.

Erst jetzt, Jahrzehnte später, kehrt man zu jenen Verfahren zurück, denen wir die Antibiotika verdanken, und damit auch fast alle Fortschritte der Medizin im 20. Jahrhundert: der Suche nach antimikrobiellen Naturstoffen in Bodenorganismen. Den neuen Wirkstoff Teixobactin verdanken wir einem Ansatz, der das eigentliche, ursprüngliche Problem der Antibiotikaforschung direkt angeht – den großen Anteil an interessanten Bakterien, die man in Kultur nicht züchten kann.

Die beteiligten Forscher sind optimistisch, dass auf diesem Weg eine enorme Vielfalt an neuen Wirkstoffen zugänglich ist – wahrscheinlich völlig zu Recht. Selbst wenn man nur einen Bruchteil der bisher nicht kultivierbaren Mikroben auf diese Weise anzapft, dürfte man Dutzende aussichtsreiche Wirkstoffe finden. Es ist Zeit für ein Umdenken in der Wirkstoffforschung: weniger Bibliotheken, mehr Kulturen. Die Erforschung der wahren Vielfalt mikrobiellen Lebens hat gerade erst begonnen.

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