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Vorsicht, Denkfalle!: Trügerische Präzision

Wer mit Details protzt, wirkt überzeugender, weil er es ganz genau zu wissen scheint. Das gilt für Menschen wie für Smartwatches, weiß unser Psychologie-Kolumnist.
Eine Nähnadel mit sechs bunten Fäden, die durch das Nadelöhr gezogen sind. Die Fäden haben die Farben Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau und Lila und sind zu beiden Seiten der Nadel gespannt. Der Hintergrund ist schwarz, was die farbigen Fäden hervorhebt.
Exaktheit strahlt aus – doch mit welchen Folgen?

Meine Watch ist so smart, dass es wehtut. Sie zeigt mir auf die Kalorie genau meinen Energieverbrauch an, die Bewegungsintensität, Schlafqualität, Herzratenvariabilität und lauter Dinge, die ich gar nicht wissen will. Manchmal verkündet sie mit einem Trommelwirbel, ich hätte mein »Tagesziel« um 117 Prozent überboten – obwohl ich gar kein Tagesziel habe. Weiß meine Uhr besser, was ich will, als ich selbst?

Jedenfalls kennt sie jede Minute, die ich schlafe. Gestern Nacht zum Beispiel waren es 7:34 Stunden, davon 1:12 in der REM-Phase. Die Wachzeit betrug 19 Minuten. Was komisch ist, denn ich lag am frühen Morgen längere Zeit wach – der Wecker kann’s bezeugen! Vermutlich deutete die Uhr meine Bewegungslosigkeit als Schlaf.

Vermeintliche Genauigkeit bis zur Nachkommastelle

Denn es ist ja so: Eine handelsübliche Sportuhr extrapoliert aus nur drei Parametern – GPS, Bewegungssensor und Pulsmessung am Handgelenk – alles Mögliche. Wobei man bei der Einrichtung noch Geschlecht, Alter, Gewicht und Körpergröße eingibt. (Ups, meine Uhr »glaubt« wohl immer noch, ich wöge bloß 75 Kilo!) Was dabei herauskommt, sind grobe Schätzungen mit hohem Unsicherheitsfaktor. Was die Uhren-Designer freilich nicht hindert, auf die Nachkommastelle exakte Angaben zu machen. Denn das strahlt Verlässlichkeit aus.

Psychologische Studien zeigen, dass wir Angaben mehr trauen, wenn sie (selbst überschüssige) Details enthalten. Dies ist als »illusory precision effect« bekannt, zu Deutsch: Effekt der vermeintlichen Genauigkeit. So legte ein Team um Miao Zhong von der Universität in Hongkong Probanden verschiedene Wissensfragen und Antworten vor. Diese erschienen glaubhafter, wenn darin vertiefende, allerdings irrelevante Informationen vorkamen.

Der fragwürdige Charme der Exaktheit begegnet uns andauernd. Politiker wissen selbstverständlich immer genau, wie viele Steuern ein Gesetz einspart. Und in der Werbung sind exakt 94 Prozent aller Kunden von dem Produkt überzeugt. Jahrelang stritten auch Psychoanalytiker darüber, ob man mit fünf Sitzungen oder auch bloß mit vier, drei oder – Gott behüte – nur einem Treffen pro Woche Menschen heilen könne.

Business-Tipps für Esoteriker

Überhaupt ist die Steigerung des vermeintlich detaillierten Wissens die hyperexakte Anleitung. Sollten Sie beispielsweise eine Esoterik-Masche zu Geld machen wollen – sagen wir Ratschläge zum »feinstofflichen Manifestieren aller Wünsche« –, dann rate ich Ihnen, Ihre Methode mit angeblich höchst wichtigen To-dos zu spicken. Etwa so: »Tragen Sie dabei unbedingt Ringelsocken, setzen Sie sich einen Aluhut auf den Kopf und blinzeln Sie auf keinen Fall mit den Augen – sonst funktioniert es nicht!« So etwas bürgt für parapsychologische Kompetenz und immunisiert zugleich gegen Kritik. Denn funktioniert die an sich unfehlbare Technik ausnahmsweise nicht, hat derjenige eben etwas übersehen. Selbst schuld, Dummerchen!

Dass ich meiner Smartwatch nicht trauen darf, weiß ich seit jenem Halbmarathon, den ich unter zwei Stunden beenden wollte. Ich achtete beim Laufen penibel auf die von der Uhr gemeldeten Durchgangszeiten und war tatsächlich nach 1:58:44 h im Ziel – für die Uhr. Leider musste ich noch 500 Meter weiterlaufen.

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  • Quellen
Zhong, M. et al., Journal of Experimental Psychology 10.1037/xlm0001287, 2024

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