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Angemerkt!: Überschrift? Sie haben die Wahl

Jan OsterkampLaden...
Ein kleines Umfrage-Experiment, los geht's: Welche Schlagzeile reizt Sie mehr zum Lesen dieses Artikels: Menschlicher Geist in Mensch-Maus-Mischwesen übertragen? oder Vorversuche eines In-vitro Ansatzes im Primaten zur Zellersatztherapie humaner dopaminerger Neuronen abgeschlossen?

Diese Frage ist, zumal am Anfang eines Artikels, typisch journalistisch. Will heißen, sie enthält ein wenig Wahrheit, nichts grundlegend Falsches, und soll Sie ganz eindeutig in einem bestimmten Sinn beeinflussen. Und ein wenig ärgern, aber nicht zu sehr – Sie sollen sich schließlich mit dem Thema beschäftigen und aufmerksam werden. Fragt sich allerdings, ob die provokante Frage überhaupt nötig gewesen wäre, denn eigentlich verspricht das Thema, das hier behandelt werden könnte, auch ohne Mätzchen genug Spannung: Fragen zu embryonaler Stammzellforschung und das Klonen von Organismen, zu medizinischer Ethik und dem Wert von Menschen und Tieren. Es ginge dann auch um gesellschaftliche moralische Normen, Politik und wirtschaftliche Interessen. Dennoch ist die Frage im Einstieg wichtig: Behandelt wird hier nur die Art, in der Medien über derart große Themen berichten können.

Ein Beispiel ist gerade am Montag hereingeflattert, bekanntermaßen der Tag der größten deutschen Nachrichtenmagazine. Aufgespießt wird ein Thema, das tatsächlich dringend genau unter die Lupe genommen werden sollte: Die Transplantation differenzierter embryonaler menschlicher Stammzellen in das Gehirn von Versuchsaffen. Derartige Experimente finden statt, etwa in den Labors des Deutschen Primaten-Zentrums in Göttingen. Vorausgegangen ist ein wissenschaflicher Erfolg: Analog waren Stammzellen von Mäusen in Gehirne von Ratten eingebracht worden, nun sollte nach erfolgter Genehmigung vom Robert-Koch-Institut die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf Primaten geprüft werden. Ziel des gesamten Forschungsprojektes ist, in (noch ferner) Zukunft vielleicht einmal defekte Zellen im Gehirn von Parkinson-Patienten mit funktionsfähigen Neuronen zu ersetzen. Diese Zellen könnten dann den fehlenden Botenstoff Dopamin wieder in ausreichenden Mengen produzieren und die Krankheit so heilen.

Von einer Zellersatztherapie dopaminerger Neuronen allerdings liest nur der, der sich die Mühe macht, beim Forschungsinstitut selbst nachzurecherchieren. Am Montag auf den Redaktionsschreibtischen landete diese Botschaft im Abseits des Magazinartikels versteckt zwischen den Zeilen, die sich mit der Produktion von Mischwesen aus Mensch und Tier – so genannten Chimären – beschäftigt. Die Produktion solcher Mischwesen wird angeprangert (zu Recht), und auch zu Recht wird dort vom Vorsitzenden des Nationalen Ethikrates, Spiros Simitis, ein "bioethischer Diskurs" zum Thema gefordert, der nicht von vollendeten Tatsachen in den Forscherlabors überrannt werden darf.

Nur wollte eigentlich niemand ein Mischwesen produzieren, wie bald auch in einer eher empörten Stellungnahme der verantwortlichen Forscher auf den Seiten des federführenden Max-Planck-Institutes nachzulesen war. Zu spät allerdings: erste (später diskret, nicht aber subtil umgearbeitete) Agenturmeldung hatten aus dem Spiegel-Artikel schon eine knackige Nachricht à la "Forscher forschen an Mensch-Tier-Verschmelzung" herausdestilliert. Dazu sind allerlei ebenso schillernde Stellungnahmen zu finden.

Und dabei schaukelte sich die Geschichte der noch vagen Parkinsonheilungsmöglichkeit hoch zu abstrusen Science-Fiction-Überlegungen, denen in der Gegenwart nicht nur jeglicher Anteil Science abgeht. Etwa der angeblich ernsthaft in Betracht gezogenen Befürchtung, ob der "menschliche Geist" mittels embryonaler menschlicher Stammzellen auf das Gehirn von Tieren übertragen ließe und, dort glücklich angekommen, "entwickeln" könnte. So zumindest fasst eine Nachrichtenagentur anlässlich der umgespiegelten Max-Planck-Ergebnisse nun Überlegungen eines Expertengremiums des Nationalen Wissenschaftsrates der USA zusammen. Das Gremium hatte sich übrigens tatsächlich – soviel Facts müssen bei derartig viel Fiction sein – für die Fortsetzung der Stammzellforschung ausgesprochen und dafür, die Integration von Stammzellen in den Funktionsapparat des Gehirns zu untersuchen und zu überwachen.

Auch hier fordert also niemand einen Freibrief für die Wissenschaftsgemeinde, im Gegenteil. Die Frage nach den moralischen und ethischen Folgen von gegenwärtig und zukünftig wissenschaftlich Machbarem muss immer erlaubt bleiben – mehr noch, sie sollte Pflicht sein. Jeder Forscher, der Teil einer Konsensgesellschaft sein möchte (und von ihr Forschungsgelder einfordert), sollte immer auch in der Lage sein und willig, Befürchtungen der Öffentlichkeit aufzunehmen und diese sachgerecht zu kommentieren und einzuordnen. Und er müsste sich dazu verpflichtet fühlen, auch gegen eigene Vorstellungen auf Forschung zu verzichten, die aus dem Rahmen eines ausdiskutierten Gesellschaftsvertrages herausragt. Forscher müssen Rechenschaft ablegen und Verantwortung tragen, und allzu leicht macht sich, wer etwa die Furcht vor Chimären als Schimäre – ein Hirngespinst – abtut.

Und so gesehen sind – siehe die angebotenen Überschriften-Varianten oben – wohl immer auch mehrere journalistische Herangehensweisen denkbar: Eine, in der legitime und unangenehme Fragen überspitzt aufgeworfen werden, und eine, die auf wissenschaftlicher Grundlage Hintergründe erklärt und dabei Sorgen und Ängste nicht verschweigt. Beides kann eine gesellschaftliche Diskussion voranbringen – nicht aber eine wissenschaftsfreie Herumgruselei oder eine kalt-technokratische Faktenaufzählung, die ein fachfremdes Publikum mit berechtigten Fragen alleine lässt.

Ob dies gelingt, hängt übrigens von einem weiteren Mitspieler der Gesellschaft ab: dem Publikum. Das darf einseitiger Berichterstattung gerne auch langsam müde werden und nach einer guten Mischung verlangen – die macht's. Und gemeint ist nicht – da sind sich ernstzunehmende Forscher und ernstzunehmende Kritiker einiger als gerne kolportiert wird – die Mischung zwischen menschlichen und äffischen Gehirnen.
04.05.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 04.05.2005

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