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Warkus’ Welt: Und was macht man dann damit?

Wer als Lehrender oder Lernender an einem Philosophieinstitut herumhängt, muss immer irgendwann die eine Frage beantworten: Was bringt das? Also, so ganz praktisch?
Verschiedene gestapelte Holzklötzchen mit Symbolen

Wenn man Philosophie studiert oder sonst in irgendeiner Funktion (als Doktorand, Dozentin, was auch immer) an einem Philosophieinstitut herumhängt, gibt es eine Frage, der nicht auszuweichen ist: Wo führt das Ganze hin? Was tut man hinterher? Womit verdient man Geld?

Ich möchte jetzt einmal diejenigen ausklammern, die eine Professur ergattern; und auch die anderen, die in den Schuldienst gehen. Wofür eine Professorin oder ein Lehrer bezahlt werden, können sich dann doch so ziemlich alle vorstellen. (Übrigens: In Deutschland gibt es nur in einigen Bundesländern Philosophie als vollgültiges Schulfach. »Ethik«, »Werte und Normen« und wie das Religionsersatzfach sonst von Land zu Land heißt, wird idealerweise auch von Menschen unterrichtet, die einmal an einem Philosophieinstitut studiert haben, aber in der Praxis ist das eher die Ausnahme als die Regel. Was man von dieser Situation, verglichen beispielsweise mit Frankreich, wo Philosophie ein Pflichtfach bis zum Abitur ist, halten soll – urteilen Sie einfach selbst.)

Doch was ist mit den anderen? Als ich 2008 erwähnte, dass ich jetzt meinen Abschluss mache, erwiderte eine Bekannte: »Und was wirst du jetzt? Arbeitslos?« (Übrigens war diese Bekannte Erziehungswissenschaftlerin.) Viele tragen noch das Klischee vergangener Jahrzehnte herum und meinen, meine Fachkollegen seien massenhaft am Steuer von Taxis unterwegs. Ist das nun wirklich so?

Die Statistik sagt uns, dass Philosophie ein Wachstumsfach ist: Die Anzahl der Philosophieabschlüsse an deutschen Hochschulen hat sich zwischen 1992 und 2011 mehr als verdreifacht. Gleichzeitig sind durch die Umstellung auf Bachelor- und Masterabschlüsse die Abbruchquoten gesunken. Die Anzahl der Promotionen ist nicht in gleichem Maß gestiegen. Die Arbeitslosigkeit unter Geisteswissenschaftlern ist keineswegs besonders hoch, sondern ähnlich niedrig wie unter Akademikern allgemein. Irgendetwas machen diese Leute also. Aber was? Ein konkretes und wahrscheinliches Berufsbild gibt es ja außerhalb von Forschung und Lehre tendenziell nicht – anders als bei vielen anderen Fächern (Mediziner werden Ärzte; ein BWL-Dozent hat mir einmal erklärt, die meisten BWLer landeten, ob sie wollen oder nicht, am Ende im Rechnungswesen).

»Und was wirst du jetzt? Arbeitslos?«

Wenn Sie diese Kolumne regelmäßig gelesen haben, wissen Sie, dass es ein großer Teil der Philosophie (wenn auch längst nicht alles) ist, begriffliche Unterscheidungen zu machen: genau sagen zu können, wofür ein Wort steht und ein anderes nicht; worin sich zwei Definitionen unterscheiden; wann ein Gegenstand unter einen bestimmten Begriff fällt und wann nicht. Und die Art und Weise, in der in der Philosophie diskutiert wird, besteht darin, buchstäblich bis an den Punkt, an dem es allgemeiner nicht geht, nach den Gründen für alles und jedes zu fragen, bei jedem Argument darüber nachzudenken, wo es angegriffen und wie es verteidigt werden kann. Was man gelernt hat, wenn man Philosophie studiert hat, ist also unter anderem Genauigkeit und Gründlichkeit, selbst bei den abstraktesten Dingen. Da das Fach nicht nur Wert auf Diskussionen legt, sondern es auch fordert, große Mengen Text zu schwierigen Themen zu lesen und zu schreiben, bringt es typischerweise zudem Absolventinnen mit hoher sprachlicher Kompetenz hervor.

Insofern ist es kein Zufall, dass es viele Philosophen in Berufe zieht, die mit Sprache und/oder abstraktem Denken zu tun haben: Verlagswesen, Presse und sonstige Medien, PR, Wissenschaftskommunikation, Beratungsberufe, durchaus jedoch auch Tätigkeiten in der IT oder im Marketing. Frühere Philosophie-Kommilitonen von mir sind unter anderem in mittleren oder hohen Führungspositionen bei großen IT-, Medien-, Handels- und Logistikunternehmen gelandet. Die Inhalte haben mit dem Fach oft wenig zu tun – aber Philosophie ist ein Fach, das kaum jemand bereut erlernt zu haben, auch wenn er oder sie im Beruf dann nicht mehr viel damit zu tun hat. Was man nicht verschweigen darf: Wie bei den meisten geisteswissenschaftlichen Fächern ist der Berufseinstieg oft beschwerlich und die Einstiegsgehälter im Mittel verhältnismäßig niedrig, weswegen ich niemandem das Philosophiestudium empfehlen kann, der planbar reich werden möchte. Doch sonst sollen gerne alle Philosophie studieren, denen das Fach Freude macht – die Berufschancen sind gut und äußerst vielfältig.

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