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Sex matters: Unglücklich verliebt in einen Freund

Eine unerwiderte Liebe tut weh – und besonders kompliziert wird es, wenn man mit der geliebten Person befreundet ist. Ist ein Kontaktabbruch die einzig mögliche Lösung? Der Paartherapeut Carsten Müller weiß Rat.
Eine Person zeichnet mit dem Finger ein Herz auf eine regennasse Fensterscheibe. Draußen ist eine verschwommene, grüne Landschaft zu sehen. Die Szene vermittelt eine ruhige und nachdenkliche Stimmung.
Nicht jede Sehnsucht wird erfüllt.

»Ich bin verliebt. In meinen besten Freund. Wir kennen uns ewig, und lange Zeit hatten wir beide Partner. Dann kam diese Phase, in der wir beide Single waren. Wir hatten Sex, und danach habe ich gemerkt, dass ich verliebt bin. Ich habe es ihm gesagt, aber er erwidert meine Gefühle nicht. Ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll. Soll ich den Kontakt komplett abbrechen? Das raten mir alle Leute in meinem Umfeld. Aber ist das wirklich die einzige Möglichkeit?« (Nina*, 28)

Als Nina zu mir kommt, ist sie ein Häufchen Elend: verliebt und verzweifelt. Sie steht in regelmäßigem Kontakt mit ihrem Freund, ist jedoch unsicher, ob das so weitergehen kann. Ihr Umfeld rät ihr, die Freundschaft zu beenden: Lass es einfach, geh auf Abstand!

Nina hatte ihren Freund im Büro kennengelernt. Sie waren Arbeitskollegen, beide in festen Beziehungen – und mit der Zeit eng befreundet, auch dann noch, als sie den Arbeitgeber wechselte. Dann veränderte sich etwas: Trennung bei ihm, Trennung bei ihr. Beide plötzlich Single. Der Gedanke kam auf, der Freundschaft ein Plus hinzuzufügen – ohne Liebe, so war die Absprache. Also hatten sie Sex, mit viel Nähe und Vertrauen. Und bei ihr danach das Gefühl: Ich habe mich verliebt.

Wenn wir auf die Neurochemie schauen, ist es logisch, dass Sex verliebt machen kann: weil dabei Botenstoffe wie Oxytocin ausgeschüttet werden. Und wenn ohnehin schon eine vertrauensvolle Verbindung besteht, wächst die Liebe umso leichter.

Ein emotionales Kuddelmuddel

Nina hatte gehofft, dass ihr Freund sich auch verlieben würde. Doch das passierte nicht. Also vereinbarten sie, den Sex zu beenden – vernünftig. Nina erwartete, dass ihre Liebe mit der Zeit wieder verschwinden würde. Aber sie blieb, und das tat weh. Dazu kamen Schuldgefühle: Schließlich hatten sie sich vor dem Sex geeinigt, dass sie keine Liebesbeziehung wollten. Jetzt hatte Nina das Gefühl, die Verabredung nicht eingehalten zu haben. Also schwieg sie zunächst, als der Freund nun regelmäßig von Dates mit anderen Frauen erzählte, aus Angst, die Freundschaft zu verlieren. Aus dieser war freilich längst ein emotionales Kuddelmuddel geworden.

Wenn Menschen in so einer Situation zu mir kommen, frage ich nach, wie die Beziehung zur geliebten Person konkret aussieht. Wie regelmäßig gibt’s Kontakt? Läuft das in Form von verabredeten Treffen? Oder gibt es wiederkehrende Rituale?

»Wir schreiben uns jeden Tag ›Guten Morgen‹«, erzählte Nina. Ein Ritual, wie es sonst eher Paare pflegen. Nina war sich dessen gar nicht bewusst, bis ich sie fragte, ob Außenstehende das vielleicht so sehen könnten. Erst dann realisierte sie: Es gab immer wieder Momente, die sich anfühlten wie eine Beziehung – bloß ohne, dass es eine war.

Die tägliche Dosis emotionaler Nähe verstärkte bei Nina den Wunsch nach mehr. Doch der blieb unerwidert. Und sie merkte: So geht es nicht weiter.

Eine Möglichkeit war, sich zu distanzieren. Doch damit würde sie auch einen langjährigen guten Freund verlieren.

Warum den Kontakt überhaupt vollständig abbrechen? Sobald es um Liebe geht, sehen viele Menschen die Welt nur noch in Schwarz-Weiß. Aber pauschal zu sagen, man dürfe keinen Kontakt mehr haben, weil die Gefühle nicht auf Gegenseitigkeit beruhen: Das halte ich für Quatsch.

Neue Eckpfeiler für die Freundschaft

Es gibt einen Mittelweg. Dafür braucht es Akzeptanz. Ja, das geht: Ich akzeptiere das Gefühl, in einen Menschen verliebt zu sein, der diese Liebe nicht erwidert. Wir können diesen Zustand beim Namen nennen: unerfüllte Liebe.

Die Aufgabe, die sich dann stellt, ist allerdings groß. Sie lautet: Setzt eure Freundschaft neu auf. Das klingt einfacher, als es ist. Die Neurochemie im Gehirn ist noch im Verliebtheitsmodus. Die bewusste Einsicht, dass daraus nichts wird, muss sich erst einmal durchsetzen. Dafür braucht es manchmal jemanden von außen – zum Beispiel einen Therapeuten –, der dabei hilft, Wunsch und Realität auseinanderzuhalten.

Was Nina half, war vor allem eines: ein ehrliches Gespräch mit ihrem Freund. Sie offenbarte ihm, dass sie immer noch verliebt war. Sein erster Impuls war Verunsicherung: Was ist denn jetzt okay? Wie können wir noch befreundet sein? Genau diese Fragen sind wichtig, und sie verdienen eine ernsthafte Antwort. Auch wer die Gefühle des anderen nicht teilt, steht plötzlich vor einer Aufgabe: Wie gehe ich damit um, dass mir jemand seine Liebe gesteht? Was brauche ich, damit unsere Freundschaft trotzdem trägt?

Für Nina und ihren Freund war es neu, über diese Themen zu reden. Aber am Ende haben sie und ihr Freund neue Eckpfeiler für ihre Freundschaft verhandelt. Ja zum Kontakt – aber mit etwas mehr Abstand. Keine morgendlichen Rituale mehr, die sich nach Paarbeziehung anfühlen. Eine Freundschaft, die den aktuellen Umständen entspricht. Ja, ich weiß: Das ist kein perfektes Happy End. Doch es ist ehrlich. Und es gibt der Freundschaft eine neue Chance.

* Name geändert

Und nun sind Sie dran!

Haben Sie eine Beziehung – ob Freundschaft, Bekanntschaft oder mehr –, in der die emotionalen Wünsche der Beteiligten gerade nicht übereinstimmen? Überlegen Sie: Welche Rituale oder Gewohnheiten pflegen Sie in dieser Beziehung? Und welche davon entsprechen dem, was Sie wirklich möchten und brauchen?

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