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Unwahrscheinlich tödlich: Tod durch Oralsex

Etwa eine von drei Personen in Deutschland leidet unter mindestens einer Allergie. Selbst der Liebesakt bringt manche Betroffene in Lebensgefahr.
Schwarz-Weiß-Aufnahme von zwei Menschen – eine Person liegt auf dem Rücken, die zweite beugt sich von hinten über ihren Torso, dazwischen ist Weißraum
Eine intime Begegnung kann auch ganz unerwartete Folgen haben – etwa eine lebensgefährliche allergische Reaktion.
Eines ist sicher: Irgendwann geben wir alle den Löffel ab. Weniger absehbar ist das »Wie«. Denn es gibt eine schier unendliche Zahl an Wegen, die einen Menschen ins Grab bringen können – manche von ihnen außergewöhnlicher, verblüffender und bizarrer als andere. In der Kolumne »Unwahrscheinlich tödlich« stellen wir regelmäßig solche Fälle vor, von bissigen Menschen über giftige Reisbällchen bis hin zu lebensgefährlichem Sex.

Im Jahr 2006 machte eine damals 38-jährige Frau in Spanien eine äußerst unangenehme sexuelle Erfahrung. Nach dem Geschlechtsverkehr mit ihrem Ehemann schwoll ihr Gesicht an und verfärbte sich tiefrot. Dazu entwickelte sie schwere Atemprobleme. Ihre Symptome, die auf eine allergische Reaktion hindeuteten, begannen sofort nach der Ejakulation ihres Mannes. Bei den Malen zuvor, als die beiden Kondome benutzt hatten, war das Problem nicht aufgetreten. Weil die Frau schwanger werden wollte, hatte das Paar aber diesmal auf die Verhütung verzichtet.

Einige Stunden später suchte die Betroffene im Krankenhaus medizinische Hilfe. Die Ärztinnen und Ärzte fanden schnell die Ursache für ihre Beschwerden. Mittels Pricktest (siehe »Der Pricktest«) wiesen sie bei ihr eine Allergie auf die Samenflüssigkeit ihres Mannes nach. Das kommt sehr selten vor – in der wissenschaftlichen Literatur findet man gerade einmal rund 100 entsprechende Fallberichte, und bei keinem davon führte der Geschlechtsakt direkt zum Tod von Betroffenen. Doch das heißt nicht, dass jede allergische Reaktion beim Sex glimpflich ausgeht.

Fatal oral

Das zeigt etwa ein 2021 veröffentlichter Report aus Kanada, der beschreibt, wie ein junger Mann infolge von Fellatio das Leben verlor. Über eine Dating-App lernte er seinen neuesten Partner kennen und sie trafen sich bald darauf zum Stelldichein. Was die beiden nicht wussten: Der Erste hatte eine schwere Erdnussallergie, der Zweite hatte kurz vor dem Rendezvous Erdnussbutter gegessen. Während der zweite Mann den Allergiker oral befriedige, bekam dieser Atemprobleme. Als Asthmatiker hatte er einen Bronchodilatator dabei, den er sofort benutzte. Dennoch kollabierte er wenig später und verlor das Bewusstsein. Ein Notfallteam beatmete ihn künstlich und belebte ihn wieder, nachdem sein Herz stehen geblieben war. Tags darauf verstarb er jedoch an den Folgen des Zwischenfalls.

Dass leidenschaftliche Küsse für Erdnussallergiker gefährlich sein können, war bereits zuvor bekannt. Beschwerden treten erwiesenermaßen bis zu sechs Stunden nach einem nussigen Snack des Partners auf. Eine Studie dokumentierte schwere Allergiesymptome zwei Stunden nach der Mahlzeit – und das, obwohl die Person sich zwischendurch gründlich die Zähne geputzt und den Mund gespült hatte. Bei dem Fall aus Kanada hatten sich die beiden Männer während ihres gesamten Treffens sogar überhaupt nicht geküsst. Allein der Kontakt der erdnusskontaminierten Mundhöhle des einen mit der Eichel des anderen reichte hier aus, um die fatale Reaktion zu entfachen.

Gefahr im Sperma

Auch im Ejakulat können sich Allergene ansammeln, wie ein 2019 dokumentierter Fall aus Spanien zeigt. Eine zu dem Zeitpunkt 31-jährige Frau kam ins Krankenhaus, nachdem sie am gesamten Körper Nesselsucht entwickelt hatte. Sie musste sich außerdem mehrfach übergeben und klagte über Kurzatmigkeit. Kurz zuvor hatte sie ungeschützten oralen sowie vaginalen Geschlechtsverkehr gehabt. Auf Sperma hatte sie in der Vergangenheit nie derart reagiert, einzig Antibiotika aus der Gruppe der Penizilline vertrug sie nicht. Wegen eines Infekts nahm ihr Partner aber gerade ein solches ein. Weil die Ärztinnen und Ärzte keine weiteren Allergien entdecken konnten, schlossen sie darauf, dass Spuren des Wirkstoffs in die Samenflüssigkeit gelangt waren und die Beschwerden ausgelöst hatten. Die Patientin bekam Medikamente und erholte sich binnen einer Woche vollkommen.

All diese Beispiele zeigen: Der Austausch von Körperflüssigkeiten birgt für manche von uns mehr Gefahren als für andere. Menschen mit schwer ausgeprägten Lebensmittel- oder Arzneimittelallergien müssen beim Liebesspiel demzufolge darauf achten, dass Allergene nicht indirekt über den Partner in den eigenen Körper gelangen. Ein Kondom kann das verhindern  – und schützt demnach nicht nur vor sexuell übertragbaren Infektionskrankheiten, sondern auch vor potenziell lebensgefährlichen Immunreaktionen.

Den Kinderwunsch der eingangs erwähnten Patientin konnte das Ärzteteam ihr übrigens trotz Allergie auf Samenflüssigkeit erfüllen. Dazu reinigten sie das Ejakulat ihres Partners auf und isolierten seine Spermien. Mit diesen führten sie bei der Frau erfolgreich eine künstliche Befruchtung durch, die in die Geburt eines gesunden Babys mündete. Ob das Kind die Allergie seiner Mutter geerbt hat, verrät der Fallbericht allerdings nicht.

Der Pricktest

Pricktest | Eine wässrige Lösung mit Allergenen wird mit einer Pipette auf die Haut aufgetragen und diese wird dann mit einem kleinen Nadelpiks verletzt, um etwaige Allergien sichtbar zu machen.

Einen Markerstift, ein paar Tropfen unterschiedlicher Allergenlösungen und eine feine Nadel – mehr braucht es nicht für den Pricktest. Die Methode dient dazu, allergische Sofortreaktionen nachzuweisen. Die aufgetragenen Flüssigkeiten enthalten eine stark verdünnte Lösung von jeweils einem möglichen Allergen, etwa Baum- und Gräserpollen oder Nahrungsmittel. Schwillt die Haut an, wird sie rot und fängt die Stelle nach dem Piks mit der Nadel zu jucken an, deutet das auf eine Allergie auf den Stoff hin. In schweren Fällen können systemische Symptome dazukommen.

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