Gefährliche Medienfiguren: Das Prinzip Winterhoff

Der Prozess startete im Februar 2025, jetzt ist das erste Urteil gesprochen: neun Monate auf Bewährung für den 71-jährigen Bonner Kinderpsychiater Michael Winterhoff. Doch nicht nur ihn trifft Schuld, nein, auch die Medien sind ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden.
Der Angeklagte hatte 2008 sein erstes Buch mit dem Titel »Warum unsere Kinder Tyrannen werden« veröffentlicht. Die These: Kinder hätten bis zum siebten Lebensjahr noch keine Persönlichkeit; man müsse sie mit starker Hand führen und lenken. Überspitzt: Wer versuche, Kinder mit Wärme und auf Augenhöhe zu behandeln, mache einen großen Fehler. Denn er füttere das gierige Ego dieser kleinen Menschen, die heimlich danach streben, die großen zu beherrschen.
Seine Bücher verkauften sich millionenfach.
In seiner Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie attestierte er gehäuft »frühkindlichen Narzissmus« – eine wissenschaftlich nicht bekannte Diagnose. Wollte man den gefallenen Halbgott in Weiß einmal ähnlich kühn zurückanalysieren, könnte einen der Verdacht beschleichen, es handle sich um Projektion.
Für sein mehr als fragwürdiges Vorgehen musste sich Winterhoff, der seine Approbation bereits los ist, nun verantworten: Hat er die ihm verliehene Macht als Arzt missbraucht? Körperverletzung lautet das Urteil, das allerdings bisher nicht rechtskräftig ist, neun Monate Haft auf Bewährung die Strafe. Die Staatsanwaltschaft will eine Revision.
Eine Mitverantwortung tragen neben Winterhoff selbst aber auch die Medien, die im Namen der journalistischen Ausgewogenheit oft auch die gegenteilige Meinung an den Talkshow-Tisch holen – und sei sie noch so abwegig. Doch nicht nur das. Bevorzugt werden die eingeladen, die am lautesten ins Mikrofon blöken. So wie Michael Winterhoff, der nach seinem Bucherfolg in allen Primetime-Sendungen von Lanz bis Maischberger saß und seine unbarmherzigen Thesen verbreiten konnte.
Beim Publikum trafen die einen Nerv. Denn sie sprechen das Harte und Kleinliche im Menschen an, das Müde und Frustrierte. Das, was sagt: »Die Jugend von heute«, »Uns wurde doch früher auch nichts geschenkt« und »Wenn wir es schlecht hatten, wieso sollt ihr es besser haben?«.
Am Stammtisch herrscht Einigkeit: Kinder, die stören, könnten mal wieder ein paar hinter die Löffel vertragen – oder eben eine satte Dosis Pipamperon. Das Neuroleptikum, das normalerweise bei Psychosen und schweren Unruhezuständen kurzzeitig zum Einsatz kommt, hat der Psychiater Winterhoff Minderjährigen, gar Kleinkindern, mutmaßlich reihenweise ohne passende Indikation zur Dauerbehandlung verordnet. So angewendet kann Pipamperon mehr schaden als nutzen, da es nicht kalkulierbare gesundheitliche Schäden hervorrufen kann. Winterhoff gibt jedoch an, er habe das Medikament nur dann verordnet, wenn Patienten sozial nicht mehr ansprechbar oder schulunfähig gewesen seien.
Ausgerechnet Heimkinder hat er in seiner Praxis in einer Bonner Altbauvilla busweise empfangen und wohl zum Teil kränker gemacht, als sie waren. Und dabei gut verdient.
Bei Winterhoff folgten auf steile Thesen auch Taten – das macht seinen Fall besonders. Aber er ist längst nicht der Einzige, der mit gewagten Behauptungen die Medien dominiert. Andere »Experten« verfluchen das Internet, nennen die junge Generation faul und verzogen, raunen, das Smartphone lasse unsere Kinder verdummen, schüren Ängste vor wirksamen ADHS-Medikamenten oder nähren die Idee, an den psychischen Problemen ihres Nachwuchses seien stets die Eltern schuld.
Jene »Experten« spielen in Fachkreisen keine Rolle. Niemand, der sich wirklich auskennt, nimmt sie ernst. Meist forschen sie nicht einmal selbst zu dem Thema, über das sie sich in den Medien laut und meinungsstark äußern. Doch was sie sagen, klingt alles gut. So schön einfach. Schuld sind die anderen – wie praktisch. Nur dass es leider meistens nicht stimmt.
Wir müssen wachsam sein gegenüber Medienfiguren, die mit steilen Thesen Kasse machen. Manche mögen harmlos sein, andere sind es offenbar nicht, wie der Fall Winterhoff nahelegt. Mit Bühnenauftritten und Bestsellern verdienen sie Hunderttausende und werden sich ihrer Sache immer sicherer, je mehr Applaus sie ernten.
So erwartbar, so menschlich.
Deshalb sollten sich Öffentlichkeit und Medienmacher hüten vor Leuten mit allzu einfachen Antworten, einem harten und unbarmherzigen Ton und einer verdächtig großen Selbstgewissheit – der Nächste, der uns blenden will, wird kommen.
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