Krebs verstehen: Deutschland tut zu wenig, um Krebs zu verhindern

Statistisch gesehen erkrankt fast jeder zweite Mensch im Lauf seines Lebens an irgendeiner Art von Krebs. Weil man selbst betroffen ist oder eine betroffene Person kennt, geht das Thema damit alle etwas an. Gleichzeitig wissen viele Patientinnen und Patienten sowie ihre Angehörigen sehr wenig über die Erkrankung. Was passiert dabei im Körper? Warum bekommt nicht jeder Krebs? Und wie individuell läuft eine Krebstherapie eigentlich ab? Diese und weitere Fragen beantwortet die Ärztin Marisa Kurz in ihrer Kolumne »Krebs verstehen«.
Ein neues Jahr beginnt für viele mit guten Vorsätzen. Als Ärztin in der Onkologie wünsche ich mir, dass Deutschland einen besonderen Vorsatz fasst: mehr für die Krebsvorsorge zu tun. Rund 40 Prozent aller Krebsfälle ließen sich durch einen gesünderen Lebensstil vermeiden. Und würden mehr Menschen Früherkennungsangebote wahrnehmen, könnten viele Krebserkrankungen in einem frühen, noch gut behandelbaren Stadium entdeckt werden.
Doch wie konsequent setzt Deutschland wissenschaftlich empfohlene Maßnahmen zur Gesundheitsprävention um? Eine Analyse des AOK-Bundesverbands und des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) stellt dem Land ein schlechtes Zeugnis aus. Und das, obwohl es mehr Geld für Gesundheit ausgibt als jedes andere in der EU. Von 18 untersuchten Staaten in Europa belegt Deutschland Rang 17, am schlechtesten schneidet die Schweiz ab.
Die wichtigsten vermeidbaren Risikofaktoren für Krebs, aber auch für Herz-Kreislauf-, Lungen- und Lebererkrankungen sind bekannt: Rauchen, Alkoholkonsum, Übergewicht und Bewegungsmangel. Bei Tabak, Alkohol und Ernährung landet Deutschland im internationalen Vergleich auf den hinteren Rängen, bei Bewegung im unteren Mittelfeld. Spitzenreiter der Analyse sind Großbritannien, Finnland und Irland, auch Norwegen und Frankreich schneiden gut ab. Was machen diese Länder besser?
Dort kosten Tabak und Alkohol mehr, sind schwerer zugänglich und werden nicht beworben. Sie stehen nicht offen im Laden, sind neutral verpackt ohne Markenlogos. Viele rauchfreie Zonen schützen Nichtraucher, insbesondere Kinder und Jugendliche. Zudem investieren die Länder mehr Geld in Aufklärungskampagnen und bieten mehr Unterstützung, etwa zur Rauchentwöhnung inklusive kostenfreier Nikotinersatzprodukte.
Ein »begleitetes« Trinken von Alkohol ab 14 Jahren, wie es in Deutschland erlaubt ist, oder der Ausschank von Wein und Bier ab 16 Jahren gibt es in den Ländern auf den Spitzenpositionen nicht. Auch schränken diese die Werbung für Lebensmittel mit hohem Zucker-, Salz- und Fettgehalt ein, vor allem, wenn sie sich an Kinder richtet. In Schulkantinen gibt es gesünderes Essen, Snackautomaten an Schulen unterliegen Mindeststandards.
Diskussion um Tabak- und Zuckersteuer
Viele solche Maßnahmen ließen sich relativ leicht umsetzen und könnten erheblich zur Krebsvorsorge beitragen. Ein Beispiel: Höhere Tabaksteuern senken nachweislich den Tabakkonsum. Modellrechnungen zeigen, dass in Deutschland allein eine Anhebung der Tabaksteuer in den kommenden 30 Jahren rund 13 Prozent der rauchassoziierten Krebsfälle verhindern könnte.
Rauchen, Alkohol, Übergewicht und Bewegungsmangel verursachen jährlich hierzulande direkte und indirekte Kosten von rund 200 Milliarden Euro
Auch eine Softdrinksteuer ist in zahlreichen Staaten – darunter in etlichen Nachbarländern – längst etabliert. Hierzulande wird darüber noch unter dem irreführenden Begriff »Zuckersteuer« diskutiert. Der Konsum zuckerhaltiger Getränke erhöht erwiesenermaßen das Risiko für Übergewicht. Eine Steuer motiviert Hersteller, den Zuckergehalt ihrer Produkte zu reduzieren – und führt so dazu, dass Menschen weniger freien Zucker konsumieren.
Dabei schützen Präventionsmaßnahmen nicht nur den Einzelnen, sondern entlasten auch die Gesellschaft. Denn Rauchen, Alkohol, Übergewicht und Bewegungsmangel verursachen bei uns jährlich direkte und indirekte Kosten von rund 200 Milliarden Euro.
HPV‑Impfung: Schutz, der zu selten genutzt wird
Auch in anderen Bereichen schöpft Deutschland das Potenzial für mehr Krebsvorsorge nicht aus. Ein wichtiges Beispiel sind die unzureichenden Impfraten gegen das Humane Papillomvirus (HPV). Das Virus kann Krebs an Gebärmutterhals, Vulva, Penis, Anus und im Rachen auslösen. Die HPV-Impfung schützt nachweislich vor solchen Tumoren.
Ich erinnere mich noch sehr gut an eine junge Mutter, die vor Krieg nach Deutschland geflohen war. Ich musste ihr erklären, dass ihr Krebs unheilbar ist. Eine HPV-Impfung hätte sie vermutlich vor dem bösartigen Tumor bewahrt. In Deutschland sind nur rund 55 Prozent der Mädchen und 36 Prozent der Jungen geimpft. Meiner Meinung nach sind vor allem mangelnde Aufklärung und Fehlinformationen hierfür verantwortlich. Jeden Tag betreue ich Menschen mit Krebs. Dass es eine Impfung gibt, die vor mehreren Krebsarten schützt und nicht von allen genutzt wird, finde ich zutiefst bedauerlich.
Auch die Krebsfrüherkennung wird in Deutschland zu wenig genutzt. Beispiel Darmspiegelung: Versicherte ab 50 Jahren haben Anspruch auf zwei derartige Untersuchungen im Abstand von zehn Jahren. Alternativ können sie alle zwei Jahre Stuhltests durchführen lassen. Doch nur rund 60 Prozent der über 55-Jährigen haben in den letzten zehn Jahren eine Darmspiegelung durchführen lassen und weniger als 20 Prozent der Versicherten nutzen solche Vorsorgeuntersuchungen systematisch.
Aus meiner Arbeit an einem großen Darmkrebszentrum weiß ich: Je früher wir eine Erkrankung entdecken, desto größer sind die Heilungschancen. Die Darmspiegelung ist zudem mehr als eine Früherkennungsmaßnahme. Sie kann sogar Darmkrebs verhindern. Denn sie spürt auch Vorstufen auf, sogenannte Polypen, die dann entfernt werden.
Krebsvorsorge ohne Schuldzuweisung
So sehr ich mir mehr Maßnahmen zur Krebsprävention wünsche, so wichtig ist mir klarzustellen: Krebspatienten sind nicht schuld an ihrer Erkrankung. Ein gesunder Lebensstil kann das Risiko für Krebs und andere Leiden senken. Doch nur wenige Krankheiten lassen sich auf einen einzigen oder auf wenige Faktoren zurückführen. Meist wirken verschiedene Auslöser zusammen, die wir nicht vollständig kennen und schon gar nicht beeinflussen können. Manche Menschen halten sich an alle Empfehlungen und erkranken trotzdem an Krebs. Andere rauchen und trinken ihr Leben lang und bleiben gesund. Ob man erkrankt oder nicht, ist am Ende Zufall. Prävention senkt das Risiko, ist aber keine Garantie.
Manchmal höre ich Sprüche wie: »Der hat geraucht und soll seine Behandlung selbst zahlen. Dafür zahle ich keine Krankenkassenbeiträge!« Solche Aussagen deprimieren mich. Zum Menschsein gehört meiner Meinung nach dazu, nicht immer perfekt gesund zu leben. Wir sollten uns nicht gegenseitig verurteilen. Der eine fährt gerne Ski, der andere isst mal eine Tüte Chips und trinkt eine Cola. Ich halte es für völlig absurd, darüber zu streiten, wer sich in größere medizinische Gefahr begibt und der Gemeinschaft mehr zumutet. Wir können uns glücklich schätzen, dass unser solidarisches Versicherungssystem jedem Menschen in Deutschland eine erstklassige medizinische Versorgung ermöglicht, ohne dass er sich verschulden muss.
Ein gesunder Lebensstil ist zudem ein Privileg, mit dem nicht alle Menschen aufgewachsen sind. Ob jemand etwa raucht, Alkohol trinkt oder übergewichtig ist, hängt auch von den Lebensumständen ab, in die er hineingeboren wurde, etwa vom Verhalten der Eltern oder dem Bildungsstand. Auch psychische Erkrankungen oder Traumata beeinflussen das Gesundheitsverhalten. Alkohol- und Tabakabhängigkeit sind darüber hinaus schwere Suchterkrankungen, die Betroffene nicht einfach so ablegen können. Sie brauchen dafür mitunter professionelle Hilfe.
Gerade deshalb müssen wir Rahmenbedingungen schaffen, die allen ein gesünderes Leben erleichtern: konsequente Tabak‑ und Alkoholpolitik, wirksame Maßnahmen gegen stark zuckerhaltige Getränke, bessere Gesundheitskommunikation, niedrigschwellige Entwöhnungsangebote, verbindliche Standards in Schulen, hohe HPV‑Impfraten und eine stärkere Nutzung der Früherkennung. So machen wir es allen leichter, gesund zu bleiben.
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