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Warkus' Welt: Vernünftige Rassisten gibt es nicht!

Der Täter von Hanau gilt als rechtsextrem und psychisch krank. Doch ihn von »vernünftig denkenden Rassisten« abzugrenzen, ist schwer. Vermutlich, weil es Letztere gar nicht gibt, argumentiert unser Kolumnist Matthias Warkus.
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Am 19. Februar 2020 tötete ein rechtsextremer Attentäter in Hanau neun Menschen mit Migrationshintergrund. Er hinterließ ein längeres Dokument mit Manifestcharakter, das zusammen mit einem einige Tage älteren Youtube-Video seine Motivation zu dieser Tat beschreibt. Es liefert Anhaltspunkte dafür, dass der Täter nicht nur rechtsextrem und rassistisch war, sondern vermutlich auch schwer psychisch krank. Entsprechend viel ist in den vergangenen Tagen über das Verhältnis dieser beiden Komplexe diskutiert worden.

Da dies eine philosophische Kolumne ist, möchte ich mich mit einem Aspekt dieser Diskussionen beschäftigen, der offensichtlich philosophische Relevanz hat, weil es bei ihm um Fragen von Vernunft und Unvernunft geht. Die Klärung der Frage, was Vernunft beziehungsweise Rationalität eigentlich ist und wie sie von Unvernunft beziehungsweise Irrationalität abzugrenzen ist, gilt schließlich seit jeher als eines der Kernthemen der Philosophie.

Die Klärung der Frage, was Vernunft eigentlich ist, gilt schließlich seit jeher als eines der Kernthemen der Philosophie

Das Manifest des Mörders von Hanau zeigt verschiedene Aspekte einer schweren paranoiden Symptomatik. Der Täter hörte nach eigenen Angaben Stimmen, glaubte sich von Geheimdiensten verfolgt und sah die verschiedensten Vorgänge in unterschiedlichen Lebensbereichen, von Sport und Kino bis hin zur Weltpolitik, durch seine eigenen Wünsche gesteuert. Dass jemand, der so denkt, nicht vernünftig denkt, bedarf keiner großen Erläuterung.

Daneben tauchen in dem Text Überlegungen auf, die auf den ersten Blick weit weniger wahnhaft wirken. So lässt sich der Täter zum Beispiel auch über die angeblichen historischen Verdienste und die unterschiedliche Leistungsfähigkeit verschiedener »Völker« aus sowie über einen Zusammenhang zu »Ausländerkriminalität« – gängige rhetorische Muster unter rechten Politikern und Publizisten. Isoliert man die entsprechenden Passagen aus dem Manifest, dann weist nichts an ihnen darauf hin, dass sie aus der Feder eines psychisch kranken Menschen stammen. Aber heißt das nun, dass sie rational sind? Sicherlich nicht.

Ist Unvernunft nicht gleich Unvernunft?

Gibt es verschiedene Arten von Unvernunft? Und worin bestehen die Unterschiede? Ist es in irgendeiner Weise »rationaler«, zu glauben, große Teile der Menschheit seien aus irgendwie vererbten Gründen minderwertig und müssten deswegen vernichtet oder zumindest kurz gehalten werden, als zu glauben, riesige, global operierende Geheimdienstapparate beschäftigten sich damit, die Wünsche eines arbeitslosen Diplom-Kaufmanns aus Hanau in Erfüllung gehen zu lassen?

Man könnte vielleicht versuchen, damit zu argumentieren, dass in dem einen Fall die Fähigkeit zum logischen Schlussfolgern gänzlich verloren gegangen ist, während im anderen Fall nur die zu Grunde liegenden Annahmen falsch sind. Allerdings sind die Übergänge hier fließend. Wenn jemand zum Beispiel aus einem Bericht über ein einzelnes Verbrechen, das von einem einzelnen Mitglied einer Gruppe begangen wurde, schließt, alle Angehörigen dieser Gruppe seien minderwertig, ist dies ein klassischer logischer Fehlschluss und nicht bloß ein Schluss aus falschen Voraussetzungen. Dennoch akzeptieren wir rechte Politiker, die auf ihren Social-Media-Kanälen und im Rahmen von Wahlkampagnen genau solche Schlüsse fortwährend äußern und verteidigen, als Teilnehmer am medialen Diskurs und laden sie in Talkshows ein. Wir erklären sie nicht für unvernünftig und daher als nicht ernst zu nehmen.

Wenn wir versuchen, scharf abzugrenzen, was einen »vernünftig denkenden Rassisten« von jemandem wie dem Täter von Hanau unterscheiden soll, geraten wir zwangsläufig ins Schleudern. Der Schluss liegt nahe, dass es keinen scharfen Unterschied gibt. Dass hier jemand getötet hat, der womöglich auch schwer psychisch krank war, ändert nichts daran, dass die Ideologie, in die er eingebettet war, selbst eine ist, die nur deshalb funktioniert, weil der Vernunftgebrauch in ihr eingeschränkt ist. Wenn jemand aus seiner rassistischen Vorstellung von einer Ungleichwertigkeit von »Völkern« den Schluss zieht, Millionen Menschen müssten »vernichtet« werden, wie der Täter es tat – und wie es nicht nur einzelne Terroristen, sondern unzählige Vernichtungsbürokraten und Erfüllungsgehilfen im NS-Staat getan haben –, dann ist das sowohl vernunft- als auch zivilisationsfeindlich. Völlig unabhängig davon, ob eine psychische Erkrankung vorliegt oder nicht.

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