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Daniel Lingenhöhl
Sie hatten sich schon geeinigt, und der politische Streit zwischen Bundesumweltminister Sigmar Gabriel und Bundesforschungsministerin Annette Schavan über ein Forschungsprojekt des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) schien beigelegt. Die Bremerhavener Forscher wollten mit ihrem Schiff "Polarstern" ein Experiment zur Eisendüngung der Ozeane durchführen, um zu überprüfen, ob und wie das Plankton darauf reagiert und welche ökologischen Folgen auftreten.

Einige Politiker und Wissenschaftler sehen in dieser menschlichen Nährstoffzufuhr ein geeignetes Mittel, den Klimawandel einzudämmen: Die künstliche Algenblüte soll Kohlendioxid verbrauchen und so den Treibhauseffekt abmildern. Bisherige Experimente haben gezeigt, dass die Eisenzufuhr tatsächlich die Algen anregt, doch blieb unklar, wie effektiv diese Art des so genannten Geoengineerings tatsächlich ist. Hier sollte das Alfred-Wegener-Institut zusammen mit indischen Forschern ansetzen und neue Daten sammeln.
Dies stieß auf Widerspruch des Bundesumweltministers, der ein erst letztes Jahr auf der Weltnaturschutzkonferenz in Bonn unter deutscher Federführung ausgehandeltes Moratorium der Vereinten Nationen sowie die London-Konvention verletzt sah: Beide untersagen die großflächige Eisendüngung der Ozeane, weshalb Gabriel beim Forschungsministerium intervenierte und zumindest einen Aufschub des Experiments erzwang. Neue Gutachten sollten bestätigten, dass das Vorhaben unbedenklich ist und im Einklang mit internationalen Gesetzen steht.


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Polarstern | Das Forschungsschiff Polarstern auf offener See
Tatsächlich erlauben Klauseln in der Bonner Konvention Eisendüngung in kleinem Maßstab in küstennahen Gewässern, damit besser verstanden wird, was im Meer passiert. Das AWI erhielt nach den entsprechenden Gutachten grünes Licht. Doch nun entzündete sich neuerlich Streit zwischen beiden Ministerien, da das AWI das Versuchsgebiet verlegt hat, weshalb der Test nach Gabriels Standpunkt nicht mehr im küstennahen Bereich stattfände, sondern auf dem offenen Meer – ergo fühlt sich der Minister getäuscht, und er betrachtet den Versuch als illegal. Zahlreiche Umweltverbände sekundieren ihm dabei nach Kräften, sehen sie doch ebenfalls die Gesundheit des Ökosystems gefährdet. Das AWI verweist wiederum auf die Herkunft des Meeresstrudels und seiner Planktonflora, die beide aus Küstengewässern stammen – weshalb das Experiment seiner Meinung nach auf einer rechtlich einwandfreien Basis stünde, was das Forschungsministerium bestätigt.

Handelt es sich nun also um einen kleinkarierten politischen Streit um Fußnoten – zumal in einem wichtigen Wahljahr? Oder manifestiert sich in der Auseinandersetzung bereits eine in Teilen wissenschaftsfeindliche Haltung, die Grundlagenforschung zu bestimmten Themen – sei es aus ethischen, ökologischen oder gesellschaftlichen Gründen – verneint, weil man die Ergebnisse nicht hören will? Ähnliche reflexhafte Abwehrbewegungen lassen sich schließlich auch bei den Diskussionen zu einem Endlager für Atommüll oder der Stammzellforschung beobachten.

Sigmar Gabriel hat sicherlich Recht, wenn er auf die Einhaltung internationaler Regeln pocht – alles andere führte nur zu anarchischen Zuständen auf hoher See. Das kann keiner wollen. Und auch seine Skepsis ist berechtigt, was Geoengineering anbelangt. Die Folgen derartiger Klimamanipulation sind völlig unabsehbar, denn es ist nicht auszuschließen, dass sie schwere ökologische Schäden verursachen – von den anfallenden Kosten ganz zu schweigen.

Dennoch schießt der Minister über das Ziel hinaus. Da ist zum einen die Dimension des Versuchs: Auf einer Fläche von 300 Quadratkilometern wollen die Forscher 20 Tonnen Eisensulfat ausbringen – ein einzelner Wirbel in ozeanischen Strömungen nimmt schon 10 000 Quadratkilometer Fläche ein. Durch die Düngung erhöht sich zudem die natürliche Eisenkonzentration des Gebiets um maximal 2,4 Nanomol pro Liter, während die natürliche Eisenkonzentration bei unter einem Nanomol liegt. Zum Vergleich: Küstennahe Gewässer besitzen mitunter Konzentrationen von 60 Nanomol pro Liter, ein schmelzender Eisberg kann sie um zwei bis neun Nanomol pro Liter erhöhen – und Eisberge tauchen im Untersuchungsgebiet durchaus auf.

Das vorhandene Plankton vor Ort ist an diese ökologischen Schwankungen gut angepasst und reagiert wie bei der üblichen Frühjahrsblüte mit einer Massenvermehrung, die nach Ansicht der Forscher nicht stärker ausfällt als unter ursprünglichen Bedingungen. Das Experiment ist zwar das bislang größte seiner Art, doch erreicht es noch lange nicht eine unnatürliche Größe.

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Senkstofffalle | Eine Senkstofffalle wird zu Wasser gelassen. Mit der Falle werden zum Meeresgrund absinkende Algen aufgefangen
Zum anderen verfolgt das AWI mit dem LOHAFEX genannten Projekt keinerlei kommerzielle Zwecke, sondern rein wissenschaftliche, für die strenge Maßstäbe gelten. Damit unterscheidet sich die Unternehmung komplett von Vorhaben, wie jenem der mittlerweile in finanzielle Schwierigkeiten geratenen Firma Planktos: Sie wollte letztes Jahr 10 000 Quadratkilometer Ozean vor den Galapagosinseln in einem Testlauf mit einer Frachterladung Eisen düngen, um später mit dem Verfahren Geld verdienen zu können. Planktos stand damals allein schon wegen der geplanten Dimensionen zu Recht in der Kritik.

Das AWI betreibt dagegen dringend nötige Grundlagenforschung, die wohl auch Kritikern des Geoengineerings stichhaltige Argumente liefert, mit denen sie auf politische Wünsche dereinst antworten können. Darüber hinaus bringen überschaubare Experimente wie LOHAFEX eine Vielzahl an wichtigen Daten, die Modelle zum Klimawandel oder unser Verständnis der Ozeane verbessern.

Gabriels Widerstand brüskiert daher nicht nur die beteiligten Forscher und seine Kollegin Annette Schavan. Er schadet auch und vor allem dem Wissenschaftsstandort Deutschland, der gerade in der Klima- und Ozeanforschung mit dem Alfred-Wegener-Institut zur internationalen Spitze zählt. Dieses Renommee sollte nicht dem Wahlkampf geopfert werden.
7. Woche 2009

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 7. Woche 2009

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