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Grams' Sprechstunde: Vom Zuhören und der »Droge Arzt«

Ein Mediziner kann wie Medizin sein: mit Wirkungen und Nebenwirkungen. Gute Ärzte nutzen das zum Wohl des Patienten.
Ein Mediziner führt ein PatientengesprächLaden...

Neulich, beim Fernsehen, war zwischendurch Zeit für einen Plausch mit der Gästebetreuerin. Ach, sagte die, »Sie wissen ja nicht, wie lange ich mich schon mit meinen Rückenschmerzen herumschlage. Immer ein Auf und Ab, und wirklich besser wurde es nie. Ich habe schon alles ausprobiert, auch Homöopathie und Akupunktur. Nun hat ein junger Arzt die Hausarztpraxis neu übernommen, da war ich erst ganz schön skeptisch. Er hat sich mit mir unterhalten, gar nicht mal sehr lange, aber ganz locker, sogar bei der Untersuchung hat er mir in Ruhe zugehört. Und dann hat er mir was Neues aufgeschrieben. Und was soll ich sagen: So gut wie danach ist es mir in den letzten 20 Jahren nicht gegangen!« Ich bat darum, mir das Wundermittel einmal ansehen zu dürfen. Es war ein Standardpräparat – eines mit exakt dem gleichen Wirkstoff in der exakt gleichen Dosierung wie jenes, das die Dame zuvor schon immer genommen hatte. Nur mit einem anderen Handelsnamen.

Wie kann das sein? Als die Frau weiter von ihrem neuen Doktor schwärmte und das »neue« Medikament gar nicht mehr erwähnte, schien es mir, dass hier noch etwas anderes entscheidend mitgespielt haben könnte.

Willkommen auf dem weiten Feld der Psychosomatik. Die Psychosomatik, also die Lehre der gegenseitigen Abhängigkeit von körperlichen und nichtkörperlichen Beschwerden, ist Alltag bei jeder ärztlichen Konsultation und lässt sich aus der Medizin nicht wegdenken. Trotzdem, und das finde ich immer besonders erstaunlich, begegnen viele dem Begriff der Psychosomatik mit Abwehr – oft genug sogar genau die Menschen, die sich über zu wenig Zeit und Zuwendung beim Arztbesuch beklagen.

Dabei liegt das Wechselspiel von Körper und Geist doch wirklich auf der Hand. Tatsächlich ist Psychosomatik oder »Body-Mind-Medizin« eines der wichtigsten und – wie ich persönlich meine – für die Zukunft der Medizin bedeutendsten Forschungsfelder. Psychosomatik-Forscher gehen von einem sehr hohen Anteil von Patienten in Allgemeinpraxen aus, bei denen körperliche Symptome ein – wohlgemerkt völlig reales – Folgebild psychischer und psychosozialer Belastungen darstellen, ohne dass eine eigentliche Organkrankheit vorliegt und diagnostiziert werden könnte. Ein »Ich bin doch nicht verrückt« ist als Reaktion also ganz unangebracht; ebenso wenig hat der Placeboeffekt etwas mit Einbildung zu tun. Es gibt keinen Grund zur Abwehr, wenn Ihnen der Arzt sagt, dass er bei Ihnen eine psychosomatische Ursache für Ihre körperlichen Beschwerden vermutet. Reden Sie mit ihm darüber! Und seien Sie froh, dass er Sie nicht einfach in die nächste Etappe der Hightech-Diagnostik weiterreicht! Die ärztliche Kunst sollte sich der Body-Mind-Medizin im Alltag noch viel deutlicher zuwenden. Aber das erfordert nicht nur Wissen und Können des Arztes, sondern auch die entsprechenden Rahmenbedingungen. Und damit wären wir wieder bei der sprechenden – eigentlich besser: zuhörenden – Medizin angelangt.

Eigentlich ist es erstaunlich, dass es noch so viele Defizite und Vorbehalte auf Therapeuten- wie auf Patientenseite gibt. Denn immerhin begann man schon vor 65 Jahren mit den ersten systematischen Ansätzen, den Ärzten sozusagen eine Grundausstattung an psychosomatischen Kenntnissen und Fähigkeiten zu vermitteln. Als Erster hat der Psychiater und Psychoanalytiker Michael Balint 1954 ein Konzept entwickelt, das praktische Ärzte zu einem besseren Verständnis von Patientenanliegen und damit zu besseren Behandlungskonzepten führen sollte. Drei Jahre später erschien sein Buch »The doctor, his patient and the illness«, das in den USA und Europa großen Einfluss gewann. Die so genannten Balint-Gruppen wurden Bestandteil der ärztlichen und psychotherapeutischen Weiterbildung und auch in anderen betreuenden und kommunikativen Berufszweigen bekannt.

Vielleicht ist Ihnen schon einmal die Metapher von der »Droge Arzt« begegnet. Sie geht auf Balint zurück, er formulierte es als »der Arzt als Pharmakon«. Balint verglich den Einfluss der Person des Arztes auf den Patienten ganz unmittelbar mit dem eines Arzneimittels – einschließlich »unerwünschter Nebenwirkungen« im Sinne negativer Auswirkungen auf das Arzt-Patienten-Verhältnis, die Bereitschaft des Patienten zu Vertrauen und Mitarbeit (der »Compliance«) und die Erfolgsaussichten der Behandlung.

Erkennt der Arzt nicht, dass sich hinter dem vom Patienten beklagten körperlichen Symptom auch mal eine psychosomatische Ursache verbirgt, so wird die Behandlung wahrscheinlich erfolglos bleiben und Patient und Arzt werden unzufrieden auseinandergehen. Das kann der Beginn einer oft zu Recht beklagten »Patientenkarriere« sein, die von Arzt zu Arzt führt und dann häufig bei einem »alternativen« Therapeuten endet – der dem Patienten zuhört (weil er die Zeit dafür bezahlt bekommt). Und der dabei dann, trotz unwirksamer Mittel und Methoden, nicht selten Erfolg hat.

Balint und viele weitere wollen den Arzt zur Einsicht in diese Zusammenhänge befähigen und ihm eine innere Haltung nahebringen, die es ihm möglich macht, die »Botschaft« des Patienten zu verstehen. Das gelingt nicht immer ganz direkt: »Wer Fragen stellt, erhält Antworten – aber sonst nicht viel«, so ein weiteres Bonmot von Balint. Wichtig ist dagegen, die gesamte Kommunikation des Patienten zu verstehen, die ja zumindest am Anfang meist nur indirekt vermittelt wird. Es gibt Studien, die nachweisen, dass eine derartige Vorgehensweise insgesamt sogar Zeit (und Geld) spart, unter anderem, weil die Qualität der Diagnostik deutlich steigt.

Das ist ganzheitliche ärztliche Kunst, die Kunst des Heilens. Wehren Sie also nicht ab, wenn Ihr Arzt Ihnen bei der Diagnose etwas von »psychosomatisch« erzählt – außer Sie haben das Gefühl, dass er darauf gar nicht eingehen will. Es ist falsch und widersprüchlich, sich einerseits über zu wenig ärztliche Zuwendung zu beklagen und andererseits sauer auf den Arzt zu sein, weil er einen »als Psycho ansieht«. Verstehen Sie diesen Ansatz vielmehr als Vertrauensbeweis und Gesprächsangebot – und machen Sie den Arzt zum »zuhörenden Mediziner«. Beide Seiten werden davon profitieren. Eine im besten Sinne ganzheitliche Body-Mind-Medizin ist weder Privileg noch Domäne »alternativmedizinischer« Therapien.

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