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Warkus' Welt: Von zählbaren und nicht zählbaren Dingen

Schneemänner können wir zählen, Schnee aber nicht. Zumindest nicht ohne Hilfsmittel. Dahinter steckt mehr als eine sprachliche Feinheit, erklärt unser Kolumnist Matthias Warkus.
SchneemannLaden...

Wer Bekannte hat, die ein Fenster und einen Social-Media-Account besitzen, hat es vermutlich mitbekommen: In weiten Teilen Deutschlands hat es geschneit. Hier und da wurden sofort Schneemänner gebaut und Schneeballschlachten ausgefochten. Mutmaßlich wurde traditionell davor gewarnt, Steine in Schneebälle einzurollen. Hunde und Katzen tapsten durch das weiße Zeug. Das Meiste davon ist inzwischen wieder zu Wasser geschmolzen. Vielleicht hat der eine oder andere den Anlass genutzt und Glühwein aufgesetzt oder zumindest Tee gekocht.

Wenn wir über diese Dinge reden, bemerken wir, dass sie sich, so unterschiedlich sie sind, in zwei große Kategorien einordnen lassen. Steine, Hunde und Katzen können wir problemlos zählen; Wasser, Glühwein und Tee nicht. Auch Schnee können wir nicht zählen, wir können aber Gegenstände wie Schneemänner und Schneebälle daraus formen, die sich dann gut zählen lassen (solange sie nicht schmelzen).

Dieser Unterschied ist auf den ersten Blick banal. Er wird aber interessanter, je eingehender man sich damit beschäftigt. Es gibt ja keine grundlegende naturwissenschaftliche Differenz zwischen all diesen Gegenständen, Schnee und daraus entstehendes Schmelzwasser sind materiell sogar einfach dasselbe. Aber dennoch zieht sich der Unterschied zwischen zählbaren und nicht zählbaren Gegenständen durch unsere Sprache. Vor allem dann, wenn wir Ausdrücke verwenden, um Gegenstände zu portionieren. Wir sagen »zwei Tassen Glühwein« und »vier Eimer Schnee«. Und wir verwenden solche Ausdrücke offensichtlich auch unabhängig davon, ob tatsächlich eine Tasse oder ein Eimer vorkommt: Wenn wir beispielsweise sagen, dass »noch zwei Tassen Tee in der Kanne sind«. Umgekehrt sind Portionierungsausdrücke, die auf zählbare Gegenstände angewendet werden, eine Quelle der Komik. Etwa, wenn wir »eine Schüssel Katze« zu einer Katze sagen, die sich in eine Schüssel geschmiegt hat. Es ist schließlich völlig klar, dass diese Schüssel voll Katze nicht aus einer großen Menge von homogenem Katzenstoff herausgeschöpft wurde.

Gibt es vernünftige Rassisten? Hat nicht nur der Ärger unseres Vorgesetzten eine Ursache, sondern auch alles andere auf der Welt? Und was ist eigentlich Veränderung? Der Philosoph Matthias Warkus stellt in seiner Kolumne »Warkus' Welt« philosophische Überlegungen zu alltäglichen Fragen an.

Eine Schüssel Katze und eine Flasche Pommes

Diese Unterscheidung läuft in der Sprachphilosophie unter dem Schlagwort »sortal«: Sortale beziehungsweise sortale Ausdrücke bezeichnen Gegenstände, die problemlos identifizierbar und zählbar sind und die zu portionieren keinen Sinn macht (wie Katzen und Pommes). Dass das Wort sich auf sprachliche Ausdrücke bezieht und nicht auf die Gegenstände selbst, ist deswegen sinnvoll, weil es hier und da doch vom Kontext abzuhängen scheint. So ist Dieter Hallervordens legendäre Flasche Pommes frites vielleicht absurd, aber an keiner Imbissbude würde sich irgendeine Augenbraue heben, wenn es um eine Schüssel Pommes geht, da dort dauernd mit solchen hantiert wird. Genauso ist »eine Tasse Stein« intuitiv nicht ganz richtig, auf einer Baustelle kann man jedoch durchaus mal nach einem Bottich Kies fragen, obwohl man einzelne Kiesel locker zählen kann und die einzelnen Kiesel aus Stein bestehen.

Die Frage danach, ob die Unterscheidung sortal/nichtsortal bloß sprachlich ist oder nicht, hat letztlich mit dem ontologischen Standpunkt desjenigen zu tun, der sie beantwortet. Wer glaubt, dass die Existenz von allem oder zumindest großer Teile der materiellen Welt objektiv und unbestreitbar ist, wird auch sagen, dass es ganz natürlich und objektiv ist, dass man Glühwein zwar portionieren muss, Katzen aber nicht. Wer umgekehrt findet, dass alle Gegenstände letztlich irgendwo konstruiert sind, wird sagen, dass das Zählen von drei Katzen ebenfalls nichts anderes ist als das Zählen von drei Farbklecksen oder das Abmessen von drei Tassen Glühwein: Man muss genauso sicherstellen, dass das, was man zählt, von seinem Hintergrund getrennt und identifiziert wird sowie während des Zählvorgangs nicht abhaut oder mit einem anderen Gegenstand unbemerkt verschmilzt.

Bei beiden Optionen kommt also die Frage danach auf, welche der Selbstverständlichkeiten in unserer Alltagsumgebung am Ende Menschenwerk sind und welche nicht. Beziehungsweise die Frage, anhand welcher Ressourcen man dies überhaupt entscheiden kann. So führt uns die »Schüssel Katze« (oder die »Flasche Pommes frites«) letztlich auf die Frage nach der Möglichkeit von Philosophie als Wissenschaft; und das kann einen dann durchaus zur Tasse Glühwein greifen lassen.

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