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Psychologie mit Ernst: Wann es sich lohnt, pessimistisch zu sein

Mit ihrem sonnigen Gemüt sind Optimisten zwar allseits beliebt. Doch mit einer Prise Skepsis ist man oft besser vorbereitet, stellt unser Kolumnist Heiko Ernst fest.
Ein Regenschirm vor verregnetem Himmel

»Wir schaffen das!«, sagte die Bundeskanzlerin, als 2015 hunderttausende Flüchtlinge nach Deutschland strömten. Es war ein ungewöhnlicher Satz aus dem Munde dieser so kontrollierten, vorsichtigen und mitunter geradezu unterkühlt wirkenden Frau. Der Aufruf zur Zuversicht wird Angela Merkel bis heute um die Ohren gehauen. Denn inzwischen sind die »besorgten Bürger« deutlich in der Mehrheit, über alle Parteigrenzen hinweg. Der kurze Sommer des deutschen Optimismus (und mit ihm die Willkommenskultur) ist verflogen wie ein Rausch. Unter dem Druck der Probleme und angesichts einiger administrativer Fehler in der Flüchtlingspolitik scheint die aktuelle deutsche Devise zu lauten: wird schon schiefgehen!

Vielleicht ist uns Deutschen Pessimismus als nationale Gemütslage doch gemäßer als Optimismus, allein schon aus historischen Gründen. Müsste man dann eigentlich nicht eher von Skeptizismus sprechen – jener erfahrungsgesättigten Haltung zwischen naivem Optimismus und schwarzmalerischem Pessimismus? Wann ist Optimismus überhaupt angebracht? Kann man ihn erlernen? Sind Pessimisten, zum Luther-Jubiläum sei das Zitat erlaubt, habituell »verzagte Ärsche«? Oder sind sie die wahren Realisten? Auch hier kann die Psychologie inzwischen einiges zum besseren Verständnis beitragen.

»Pessimisten küsst man nicht«(Martin Seligman)

Optimismus gilt besonders seit dem Aufkommen der so genannten Positiven Psychologie als äußerst vorteilhaftes Persönlichkeitsmerkmal: Ein sonniges Gemüt, das sich beispielsweise schon durch ein Lächeln auf Jugendfotos zeige, lasse auf späteren Lebenserfolg, auf mehr Glück und Gesundheit schließen. Und zahlreiche Studien haben diese These erhärtet. »Pessimisten küsst man nicht«, hieß ein populärwissenschaftliches Buch von Martin Seligman aus den Anfangsjahren der Positiven Psychologie.

Inzwischen hat die nicht so positive Psychologie jedoch gezeigt, dass die Dinge wesentlich komplexer sind: Wenn es um den »Lebenserfolg« (der jeweils genau definiert werden muss) geht, hat auch Pessimismus seine vorteilhaften Seiten – und ist einem allzu großen Optimismus sogar oft überlegen. Fazit der Forschung: Es kommt, wie bei vielem, vor allem auf die Dosis oder die Mischung der Zutaten an. Allzu große Zuversicht kann schaden. Ein skeptisch-pessimistisches Erwartungsmanagement dagegen ist oft die sinnvollere und letztlich erfolgreichere Herangehensweise.

Eine gute Portion Skepsis schützt vor Enttäuschungen

Beispiel Ehe: Anfänglicher Optimismus in Sachen Beziehung trägt den Keim von Krise und Problemen in sich, während anfängliche Skepsis eher stabilisierend wirkt, berichtete das »Journal of Personality and Social Psychology« 2013. Und ein Beispiel aus dem Berufsleben: Das britische Institute for the Study of Labor kam 2015 zu dem Schluss, dass optimistische Selbstständige über zwei Jahrzehnte hinweg im Schnitt 25 Prozent weniger Einkommen erzielten als ihre pessimistischen Kollegen. Und zuletzt noch ein Beispiel zum Thema Studium: Psychologiestudierende, die sich vor einer Prüfung optimistisch zeigten, versanken bei einem unerwartet schlechten Ergebnis eher in einem emotionalen Loch, während sich pessimistische Kommilitonen besser fühlten.

Die letztgenannte Studie liefert ein gutes Beispiel für die segensreiche Wirkung eines »defensiven Pessimismus«, wie ihn die Psychologinnen Julie K. Norem und Nancy Cantor bereits 1986 im »Journal of Personality and Social Psychology« beschrieben hatten. Um Versagensängsten und dem drohenden Verlust an Selbstwertgefühl vorzubeugen, drosseln Menschen ihre Erwartungen – ganz im Sinne des nur halb ernst gemeinten »Wird schon schiefgehen!« Das unterscheidet sich vom platten, katastrophisierenden Pessimismus dadurch, dass die geringeren Erwartungen besseres Arbeiten und damit auch bessere Ergebnisse ermöglichen. Viele Studien erbrachten weitere Beweise dafür, dass diese Einstellung hilfreich ist – bei Mathematikaufgaben ebenso wie beim Dartspielen oder beim Erreichen der Lebensziele.

»Die Kunst des Lebens besteht mehr im Ringen als im Tanzen«(Marc Aurel, 121–180, römischer Kaiser)

Ist es also sinnvoll, in vielen Lebenslagen eher das halb leere Glas zu sehen anstatt das halb volle? Wenn es um die Lebenserwartung und die Gesundheit im Alter geht, ist diese Frage zu bejahen, sagt der deutsche Psychologe Frieder Lang von der Universität Erlangen-Nürnberg. In einer groß angelegten Studie untersuchte er zusammen mit Kollegen die Frage, ob defensiver Pessimismus aufs Ganze gesehen eine gute Strategie ist. Unabhängig von Bildung, Alter, Geschlecht oder Einkommen erreichen Menschen ein höheres Alter und das auch noch bei besserer Gesundheit, wenn sie ihre eigenen Perspektiven eher negativ, also pessimistisch oder skeptisch einschätzten. Vermutlich motiviert diese Haltung (unter anderem) dazu, bessere Vorsorge zu treffen und Gesundheitsrisiken eher zu meiden, als es die optimistischen Zeitgenossen tun.

Dass ein defensiver Pessimismus sehr gesund sein kann und dass Vorsicht die Mutter der Lebensweisheit ist, haben bereits die Stoiker der Antike gelehrt. Sie empfahlen die geistige Einübung in eine Technik namens »praemeditatio«: Rechne jeden Tag mit dem Schlimmsten, und male es dir ruhig plastisch aus, dann bist du gewappnet, wenn es eintritt! Marc Aurel, der nicht nur römischer Kaiser, sondern auch ein großer Stoiker war, hat es so formuliert: »Die Kunst des Lebens besteht mehr im Ringen als im Tanzen.«

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