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Psychologie mit Ernst

Warum auch manche Reiche mit ihrem Wohlstand hadern

Menschen vergleichen sich vor allem mit jenen, denen es noch besser geht. Wohlhabende können aber noch aus anderen Gründen unter Ungleichheit leiden.
Mann zerteilt Dollarnote mit der Schere

In den meisten Ländern der Erde wächst die Schere zwischen einigen Superreichen und dem großen Rest, der sich mehr oder weniger benachteiligt oder gar abgehängt fühlt. Die Mittelschicht, lange Zeit ein Hort von Zuversicht und Wohlstand, schrumpft vielerorts oder wird von Abstiegsängsten geplagt. Das Matthäus-Prinzip scheint sich zu bewahrheiten: Wer hat, dem wird gegeben, und wer wenig hat, dem wird genommen. Die Gewinner des digitalisierten, weitgehend deregulierten Turbokapitalismus bilden eine neofeudalistische Parallelgesellschaft; die Verlierer erhoffen sich Rettung immer häufiger von Populisten und Autokraten. Düstere Szenarien für die verbliebenen Demokratien …

Gerechtigkeit und Gleichheit sind wesentliche Ideale moderner Gesellschaften. Aber wie bei den meisten Idealen bleibt viel Spielraum für Interpretation und Ideologie: Was heißt schon "gerecht"? Welche Gleichheit meinen wir jeweils? Chancengleichheit ist etwas anderes als Umverteilung. Zu viel Nivellierung oder die Deckelung von Einkommen bringt angeblich Nachteile für Innovation und Wettbewerb. Völlige Gleichheit und absolute Gerechtigkeit wird es ohnehin niemals geben.

Welche Art Ungerechtigkeit am meisten schmerzt

Und vor allem: Gerechtigkeit hat eine starke subjektive Komponente; sie ist immer auch empfundene, gefühlte Gerechtigkeit. Damit werden diese Werte zu einem Fall für die Psychologie, umso mehr, als verletzte Gerechtigkeitsgefühle und objektiv wachsende Ungleichheit ganze Gesellschaften zu zerreißen drohen. Der amerikanische Psychologe Keith Payne von der University of North Carolina hat intensiv untersucht, wie sich die Spreizung der Realeinkommen – also die objektiv messbaren Unterschiede in Löhnen und Gehältern – emotional und sozial auswirkt. Was geschieht beispielsweise, wenn jemand erfährt, dass ein Kollege, der eine vergleichbare Arbeit macht, deutlich mehr verdient? Wie sehr ärgern sich Menschen über die Fantasiegehälter von Firmenbossen? Oder schmerzt sie vor allem das Gefühl, dass die eigene Arbeit nicht gut genug entgolten wird?

In seinem Buch "The Broken Ladder: How Inequality Affects the Way We Think, Live and Die" hat Payne eigene Experimente ausgebreitet und eine große Zahl relevanter Forschungsbefunde zusammengetragen. Ein Teil der Arbeiten kreist um die emotionale Reaktion auf die Tatsache, dass man deutlich mehr oder deutlich weniger verdient als Kollegen in vergleichbarer Position. In einer großen Studie konnten tausende Universitätsangestellte in Kalifornien die Gehälter von 300 000 Staatsbediensteten einsehen, die in einer Datenbank frei zugänglich gemacht wurden. Die Reaktionen derer, die unterdurchschnittlich verdienten, fielen erwartbar aus: Sie äußerten Unzufriedenheit, fühlten sich nicht wertgeschätzt, und sie wollten sich, wenn möglich, nach einer anderen Arbeit umsehen. Überraschender war die Reaktion der überdurchschnittlich Bezahlten: Sie empfanden kaum oder gar keine Befriedigung, sondern verglichen sich im Grunde immer weiter "nach oben" – es gibt schließlich immer jemanden, der noch mehr verdient.

Selbst die obere Mittelschicht fühlt sich subjektiv arm

Payne resümiert: Emotional betrachtet gibt es in einer stark gespreizten Einkommensstruktur keine Gewinner, aber viele Verlierer. Dazu trägt auch bei, dass alte Sicherheiten und Aufstiegshoffnungen fragil geworden sind. Das Gefühl, auf Dauer benachteiligt zu sein, das im untersten Einkommensfünftel deutlich ausgeprägt ist, wirkt sich auch dann negativ aus, wenn diese Menschen in relativem Wohlstand leben – verglichen etwa mit den wirklich Armen in unterentwickelten Ländern. Das Wort "relativ" ist dabei wichtig, denn das subjektive Armutsgefühl tritt auch in der oberen Mittelschicht auf. Status ist ein bewegliches Ziel, und wir sind alle ständig dabei, uns nach "oben" zu vergleichen. Und Ungleichheit erscheint subjektiv als Armut. Diese gefühlte Verarmung nimmt zu, je größer die Kluft zwischen dem einen Prozent (also den Superreichen) und dem großen Rest wird.

Reale und gefühlte Benachteiligung beeinflussen das Selbstbild, die Lebensweise, sogar die Gesundheit: Wer sich (auch materiell) wenig gewürdigt und wertgeschätzt fühlt, hält sich meist für weniger kompetent und neigt zu riskanteren Entscheidungen und Verhaltensweisen. Payne zitiert Studien, die belegen, dass die Ärmeren überdurchschnittlich viel Geld für Glücksspiele ausgeben – so viel, dass man staatliche Lottoeinnahmen als eine "Steuer für Arme" ansehen könnte.

Haben die Menschen auf den oberen Sprossen der sozialen Leiter ebenfalls Probleme mit der Ungleichheit? Die Soziologin Rachel Sherman hat das Problem der auseinanderdriftenden Gesellschaft aus deren Blickwinkel betrachtet. In ihrem Buch "Uneasy Street. The Anxieties of Affluence" berichtet sie über das Lebensgefühl von 50 Menschen, die objektiv zur Oberschicht gehören (Jahreseinkommen über 500 000 Dollar, Immobilien und Aktienpakete), sich aber als Mittelschicht ansehen und ängstlich darauf bedacht sind, nicht zu den Superreichen, den "Bankern, Hedgefondsmanagern und Start-up-Millionären" gezählt zu werden.

Diese "ängstlichen Wohlhabenden" betrachten sich Sherman zufolge offenbar als "ganz normale", ehrliche, hart arbeitende Menschen, denen jedes Statusgehabe fremd ist. Sie würden sich gerade in Konsumfragen eines oft rigorosen Moralismus befleißigen. Ihre Kinder wollen sie zu Rücksicht und Bescheidenheit erziehen. Zumindest in der Selbstdarstellung und im Selbstverständnis wird ein Wunsch nach Gleichsein erkennbar, der eigenen Privilegiertheit zum Trotz. Offenbar wirkt ökonomische Ungleichheit anders als erwartet: Für die Benachteiligten bedeutet sie Stress, für die Bessergestellten relativ wenig Freude und viel "empfundene" Verantwortung.

Gleich viele Süßigkeiten für alle!

Psychologische Studien zum Gerechtigkeitsempfinden stoßen immer wieder auf eine gut dokumentierte Tatsache: Schon Kleinkinder reagieren hochsensibel auf Probleme der Fairness. So sehr und so verlässlich, dass man von einer evolutionären Prägung ausgehen kann: Gerechtigkeitsempfinden ist nicht kulturell gelernt, sondern scheint eine Art Instinkt zu sein, der unseren Vorfahren den Zusammenhalt ihrer überlebenswichtigen Gruppen sicherte.

Selbst Dreijährige erkennen schon deutlich, wenn es ungerecht zugeht. In einem Experiment sollten Kinder eine kleine Leistung vollbringen. Eine Hälfte der jungen Versuchspersonen wurde mit vier Stück Süßigkeiten belohnt, die andere Hälfte nur mit zwei. Die geringer entlohnten Kinder blickten neidisch zu ihren Mitstreitern, zeigten Unbehagen, und manche protestierten auch. Die besser Entlohnten fühlten sich – das ist die gute Botschaft – gleichfalls unbehaglich. Nicht wenige gaben sogar eine Süßigkeit ab, so dass die zunächst benachteiligten Kinder ebenso viele Süßigkeiten wie sie hatten. Gleichstand scheint ein quasinatürlicher Zustand zu sein, bei dem sich alle gut fühlen!

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