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Angemerkt!: Warum dann nicht Kyoto?

Sie sollen wohl Eindruck machen, die Zahlen, die Spencer Abraham den Lesern des Wissenschaftsmagazins Science präsentiert. Ob nun der Wahlkampf der Auslöser ist oder der Klimaschocker "The Day after Tomorrow", es war offenbar an der Zeit, dass der Energieminister noch einmal deutlichst auf die vielfältigen und kostenintensiven Anstrengungen seiner Regierung in Sachen Klima hinweist.
Und sie wirken durchaus beeindruckend, diese Zahlen, zumindest auf den ersten Blick. In bester PR-Manier listet Spencer Abraham Millionen- und Milliardenbeträge auf, welche die Forschung und Technologie zur Reduktion der Treibhausgase des weltweit größten Emittenten voranbringen sollen – ein Viertel der globalen Belastung mit diesen Gasen stammt aus US-amerikanischen Quellen. Bis zum Jahr 2012 will Präsident George W. Bush diesen Ausstoß um – ehrgeizige? – 18 Prozent gemindert haben; dafür muss er schon ein paar Cent springen lassen. Das Fragezeichen hinter "ehrgeizige" hat seinen guten Grund, denn dieses Ziel hat die Bundesrepublik Deutschland beispielsweise schon jetzt erreicht – wenn hier auch die Schließung vieler Industrieunternehmen in den neuen Bundesländern nach der Wiedervereinigung einen großen Teil beigetragen hat.

18 Prozent allerdings sind lange nicht das, was auf die USA bei Ratifizierung des Kyoto-Abkommens zugekommen wäre: Dann nämlich hätten sie ihren Treibhausgas-Ausstoß auf 93 Prozent des Wertes von 1990 reduzieren müssen. Das Energieministerium selbst geht davon aus, dass die Treibhausgas-Emissionen in den USA im Jahr 2010 den Wert von 1990 um ein gutes Drittel übersteigen werden, so es denn keine Gegenmaßnahmen gibt. Eine Verminderung um 18 Prozent erfüllt damit noch nicht einmal das auch von den USA 1992 unterzeichnete Klimarahmenabkommen (UNFCCC), nach dem die Staaten ihren Ausstoß mindestens auf dem Wert von 1990 stabilisieren sollten.

Aber: Man tut ja etwas fürs Klima. Die stolz vorgetragene Liste wird sicherlich bei weitem nicht vollständig sein, und doch klingt die Summe von insgesamt sieben Milliarden US-Dollar zunächst einmal schon nicht schlecht – wer nicht milchmädchenmäßig nachrechnet. Vor allem liegt sie deutlich niedriger als die befürchteten Kosten für die Erfüllung des Kyoto-Protokolls, die vom Energieministerium mit 4,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes veranschlagt wurden. Dies wären bei dessen Gesamtvolumen von derzeit guten zehntausend Milliarden US-Dollar keine Peanuts und daher für die Bush-Regierung absolut inakzeptabel – ein Grund für den Rückzug der Unterschrift. Seltsam nur, dass andere Studien, darunter auch welche des Intergovernmental Panel of Climate Change (IPCC), nur auf gut ein Prozent kommen, bei Einbeziehung landeseigener Kohlenstoffsenken und erlaubtem Emissionshandel sogar auf nur ein halbes Prozent. Und damit rutscht Kyoto durchaus in einen bezahlbaren Bereich – warum also doch nicht gleich richtig, in Schulterschluss mit der internationalen Gemeinschaft?

Die Schlussworte des Energieministers sind deutlich: "Obwohl die wissenschaftlichen und technischen Herausforderungen beträchtlich sind, hält der Präsident daran fest, in Sachen Klimawandel wegweisend zu sein – sowohl zu Hause als auch weltweit." Bietet er damit etwa einen alternativen Weg zu Kyoto? Nein, denn seine "Verkehrsvorschriften" sind viel zu milde. Aber auch ein Michael Moore'scher Anti-Bushismus ist hier nicht angebracht, denn John Kerry und seine Demokraten würden das Abkommen wohl auch nicht unterzeichnen, wie jetzt auf dem Wahlparteitag durchklang.

Da bleibt eigentlich nur die Hoffnung, dass Russland doch bald seine Unterschrift spendieren und das Kyoto-Protokoll in Kraft setzen wird – um diesen noch immer versperrten Weg, der auch so manche Hürden und Schwächen aufweist, endlich zu öffnen. Sonst ist es selbst mit Schlussspurt zu spät.
31.07.2004

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 31.07.2004

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