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Hirschhausens Hirnschmalz

Schockt nicht

Selbst nach traumatischen Erlebnissen gelingt es den meisten Menschen, psychisch stabil zu bleiben oder sogar an den gemachten Erfahrungen zu wachsen.
Eckart von Hirschhausen

Im August 1845 besuchte Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen, die neu errichtete Sternwarte der Universität in Bonn und begrüßte den Astronomen angeblich mit den Worten: "Na, was gibt es Neues am Himmel?" Wie kolportiert wird, bekam er zur Antwort: "Kennen Majestät das Alte schon?"

In dieser Kolumne ist es schöne Tradition, neue und besondere Studien auf ihren Wert für unseren Alltag hin abzuklopfen. Heute möchte ich ausnahmsweise mal eine "alte" Studie von 2004 vorstellen, die nach meiner Ansicht viel zu wenig gewürdigt wird. Ja, ich gehe sogar noch weiter zurück: Eines meiner großen Vorbilder ist Viktor Frankl. Wegen seiner jüdischen Herkunft kam er 1942 ins KZ – und er überlebte. Auf der Basis seiner Erfahrungen begründete er später die Logotherapie, nach der es sinnvoll ist, sich mit dem Sinn (griechisch: logos) des Lebens und Leidens zu beschäftigen. Denn Menschen sind selbst unter den widrigsten Umständen in der Lage, ihrer Situation einen Sinn abzutrotzen.

Frankl verabredete mit anderen KZ-Häftlingen, sich jeden Tag einen Witz zu erzählen, und erklärt im Nachhinein, die gezielte Beschäftigung mit Humor habe ihn davor bewahrt, aufzugeben. Frankl ist für mich einer der bedeutendsten Psychologen und ein Wegbereiter all dessen, was heute unter dem Stichwort "Resilienz" oder "posttraumatisches Wachstum" verhandelt wird.

Viele Jahre später wurde die Welt von den Anschlägen des 11. September 2001 in New York erschüttert. Da kaum ein anderer Ort ein so dichtes Netz an Psychotherapeuten besitzt, konnte man in der Folge gut beob­achten, wie Menschen mit einem solchen Trauma fertigwerden. Der Therapieforscher George Bonanno fand so heraus, dass sich bei den meis­ten Betroffenen die akute Stressreaktion nach drei Monaten legte. Viele, die anfangs gar nicht darüber reden wollten und erst später mit Freunden oder der Familie ihre Erfahrungen teilten, fühlten sich im Schnitt besser als jene, die sich therapeutisch mit dem Erlebten auseinandergesetzt hatten.

Bonnanos überraschende Botschaft: Mehr als 80 Prozent der Menschen, die brutale Schicksalsschläge erleben, kommen damit klar. Es braucht seine Zeit, aber auch ohne Therapie waren die meisten Betroffenen nach zwei Jahren nicht mehr beeinträchtigt, oft sogar seelisch gestärkt. Unfälle, Krankheit, Trennung und Tod gehören zum Leben. Es gibt das "Böse" – warum, weiß Gott oder der Geier. (Und ich hoffe inständig, dass es sich hier um zwei verschiedene Instanzen handelt.) Doch Menschen besitzen die schier unglaubliche Fähigkeit, Schicksalsschläge zu überstehen und sogar daran zu wachsen – meist ohne professionelle Hilfe.

Warum hört man von dieser Forschung nur so wenig? Auch das ist menschlich: Es war schwer genug, die anerkannten Verfahren der Psychotherapie in unserem Versorgungssystem zu etablieren. Da haben ihre Vertreter begreiflicherweise wenig Interesse, Ergebnisse zu propagieren, die ihre Dienste in Frage stellen. Wer macht sich da etwas vor? In erster Linie jene Seelen­experten, die meinen, die Psyche des Menschen sei ein zartes Pflänzchen, das rundum beschützt werden müsse und therapeutische Hilfe brauche, um nicht abzuknicken. Manche Psychotherapeuten haben den Schock darüber, wie wenig sich Menschen dauerhaft schockieren lassen, anscheinend noch nicht verdaut.

4/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 4/2018

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