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Psychologie: Was Beschimpfungen mit uns machen

Beschimpfungen im Netz, in der Politik und in der Schule: Michaela Brohm-Badry erklärt, was es für uns bedeutet, verbal angegangen zu werden.
Wütender Mann

Beschimpfungen sind neuerdings Trumpf in der Politik. Beziehungsweise Trump: Der US-Präsidentschaftskandidat ist inzwischen so berüchtigt für seine verbalen Ausfälle, dass das »Time Magazine« jüngst einen Donald-Trump-Beleidigungsgenerator kreiert hat – für alle Menschen, die sich »übergangen fühlen, weil Donald Trump bisher noch nicht dazu gekommen ist, sie oder ihre Freunde zu beleidigen« (»Time Magazine«).

Michaela Brohm-Badry
Michaela Brohm-Badry | Michaela Brohm-Badry ist Professorin für Empirische Lehr-Lern-Forschung sowie Dekanin an der Universität Trier. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Motivation, Positive Psychologie, Leistung.

Aus Forschungsperspektive ist der Trump-Typ richtig spannend: Er ist verbal aggressiv, dominiert körpersprachlich und gibt den Alleinherrscher. Doch was machen solche Menschen mit uns, also mit denjenigen, die zumindest nicht permanent die Wildsau rauslassen? Dazu haben wir zahlreiche empirische Befunde – beispielsweise aus dem Sport. An einer Stichprobe von 168 griechischen Athletinnen und Athleten untersuchte Alexandra Bekiari im Jahr 2014, ob die verbale Aggression und der Führungsstil während des Trainings Einfluss auf die intrinsische Motivation der Sportler haben.

Die Wissenschaftlerin fand starke empirische Zusammenhänge: Jene Befragten, die Trainer oder Trainerin als verbal aggressiv einschätzten, empfanden weniger Freude am Training, durften weniger mitbestimmen und strengten sich weniger an. Sie empfanden den Führungsstil als stark autokratisch und hatten wesentlich mehr Angst – besonders Frauen fürchteten sich sehr stark vor solchen Trainerinnen oder Trainern und zeigten noch weniger Anstrengungsbereitschaft und Freude als Männer.

Mit anderen Worten: Verbale Aggression demotiviert, deenergetisiert. Im Sport, in Schulen, in Hochschulen: Verbal aggressive Lehrpersonen führen ihre Schüler und Studierenden in eine erlernte Hilflosigkeit, die stark mit Depressionen korreliert ist, sie demotivieren im Klassenzimmer, verringern den sozialen Zusammenhalt und verstärken die Aggressivität. Als besonders schlimm für die Motivation, so Sara Myers und Kelly Rocca in einer Studie aus dem Jahr 2000, erweisen sich Attacken auf die Kompetenz, den Charakter, den Hintergrund, Verdammung/Flüche, Drohungen, nonverbale Aggressionssymbole (zum Beispiel einen Vogel zeigen) und Lächerlichmachen ("Love watching you fail!").

Verbale Aggressionen schwächen also. Es sei denn, sie lösen Abwehrreaktionen in uns aus und wir wehren uns endlich – was in eskalierende Aggressionsspiralen führen kann, was wiederum die Angst verstärkt. Und die Trumps, die Fundamentalisten, die Merkel-Bespucker wissen das: Verbale Aggression schwächt uns, und wahrscheinlich soll sie ja genau das.

Und doch: »Es ist kein leerer, schmeichelnder Wahn, erzeugt im Gehirne des Toren, im Herzen kündet es laut sich an: zu was Besserem sind wir geboren. Und was die innere Stimme spricht, das täuscht die hoffende Seele nicht« (Schiller). Ein integres, wertesicheres »Bis hierhin und keinen Schritt weiter« in Klassenräumen, Sportvereinen, politischen Parteien, in Profit- und Non-Profit-Organisationen könnte die Deenergetisierung von Mensch und Zivilgesellschaft stoppen.

Gibt man übrigens in den »Time-Magazine«-Beleidigungsgenerator den Namen »Donald« ein, so antwortet der virtuelle Trump prompt: »Donald works really hard but is a guy who doesn't have it – a total loser!« Neben klar gelebten Werten ist wohl auch Humor eine effektive Form der Abwehr.

42/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 42/2016

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