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Warkus' Welt: Was ist der Sinn des Lebens?

Die Sinnfrage gehört zu den beliebtesten Themen der Alltagsphilosophie. Doch ihre Beantwortung ist kniffelig – sofern man nicht besonders religiös oder ein Kartoffelschäler ist.
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Philosophie hat viel mit Sinnfragen zu tun. Es wird darüber nachgedacht, was den Sinn und/oder die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke ausmacht, aber auch, ob die Geschichte der Menschheit vielleicht einen Sinn haben könnte. Und natürlich geht es in der Philosophie auch um das, was vielleicht die im Alltag beliebteste philosophische Frage ist: die nach dem Sinn des Lebens.

Ja, was ist er denn nun? Gibt es da Indizien? Allein deshalb, weil man, wenn man sich als Philosoph zu erkennen gibt, oft sofort danach gefragt wird, wäre es doch praktisch, wenn meine Kolleginnen und ich eine Antwort hätten.

Ich befürchte allerdings, so einfach ist es nicht, und das allein deswegen, weil ja erst einmal zu klären ist, was »Sinn« überhaupt bedeutet. Ein Ziel oder eine Richtung kann es im zeitlichen Sinne kaum sein, denn solange wir Menschen nicht die Unsterblichkeit erfinden (und danach sieht es in nächster Zeit nicht aus), ist das Ziel und die Richtung des Lebens in gewisser Weise banal: Jeder von uns stirbt irgendwann, und die Zeit, die uns bleibt, verrinnt unerbittlich und lässt sich um keine Sekunde zurückdrehen. Es gibt zwar große und bedeutsame philosophische Werke, die sich mit der Gewissheit des Todes und dem, was daraus folgen könnte, beschäftigen. Aber ich glaube, dass kaum jemand auf die Frage »Was ist der Sinn des Lebens?« die Antwort »irgendwann zu sterben« akzeptieren wird.

Kaum jemand wird auf die Frage »Was ist der Sinn des Lebens?« die Antwort »irgendwann zu sterben« akzeptieren

Was kann Sinn also noch heißen außer Ziel und Richtung? Es gibt den Sinn von Wörtern, Bildern oder Zeichen: das, wofür sie stehen beziehungsweise auf welche Weise sie dafür stehen. Wofür steht nun das Leben? Ist das Leben so etwas wie ein Wort oder ein Zeichen? Und wie soll man herausfinden können, was es bedeutet? Dass wir das Leben einer Person als Zeichen sehen, kennen wir vor allem aus unserer eigenen Sicht auf andere. Jemand, der ein Vorbild ist, hat ein Leben, das sozusagen dafür steht, dass andere auch so leben sollen wie er. Wieder andere Menschen haben Biografien, die eher als abschreckendes Beispiel dienen können. Aber ist das die Antwort? Ist der Sinn meines Lebens das, was andere durch es bezeichnet sehen? Es geht doch eher um den jeweils eigenen Blick auf sich selbst. Dann aber wäre es Sache jedes Einzelnen, über den Sinn seines Lebens zu entscheiden wie über den eines selbst gemalten Bilds.

Eine Gebrauchsanweisung für das Leben

Unter Sinn könnte man zuletzt auch einen Zweck verstehen – also einen bestimmungsgemäßen Gebrauch beziehungsweise das dadurch herbeizuführende Ergebnis. Ein Kartoffelschäler hat einen klar definierten Zweck, nämlich Kartoffeln zu schälen, und einen optimalen Gebrauch. Hat ein menschliches Leben etwas Vergleichbares?

Wie auch immer man es dreht und wendet: Man kann den Eindruck gewinnen, dass die Frage »Was ist der Sinn des Lebens?« für viele gleichbedeutend ist mit »Was soll ich tun?« (übrigens eine der Leitfragen der Philosophie, wenn man Immanuel Kant glauben darf). Die Frage nach dem Sinn ist die nach Regeln zu einer sinnvollen Gestaltung – oder zu einer sinnvollen Interpretation dessen, was schon geschehen ist. Auf beides lässt sich traditionell vor allem dann unproblematisch antworten, wenn man sich zu einer Religion bekennt. (Als gläubiger Christ wäre es zum Beispiel nicht falsch, schlicht zu sagen: Der Sinn meines Lebens ist die Gemeinschaft mit Gott.) Doch spätestens seit dem, was wir in Europa Aufklärung nennen, gilt für uns Selbstbestimmung beziehungsweise Autonomie (das heißt: Selbstgesetzgebung) als geboten, und die Sinnstiftung durch äußere Autoritäten wird hinterfragt. Dass wir uns von jemand anderem einen Sinn geben lassen, muss selbst wieder begründet und reflektiert sein. Das macht es nicht einfacher.

Ein wenig Beruhigung mag es zumindest meinen Kolleginnen und mir verschaffen, dass es seit Aristoteles eine Tradition gibt, den Zweck der menschlichen Existenz im Philosophieren zu sehen – denn das ist in dieser Betrachtungsweise unser Alleinstellungsmerkmal, so wie es das des Kartoffelschälers ist, besser als irgendetwas anderes Kartoffeln schälen zu können. Philosophie treiben kann auf dieser Welt nur der Mensch. Ich bin mir nicht immer sicher, wie es mir mit dieser Überlegung geht – auch, weil die Frage »Was ist der Mensch?« selbst wieder alles andere als einfach zu beantworten und eng verknüpft mit der gleichfalls offenen Frage nach dem guten Leben ist. Ob die Auseinandersetzung mit Philosophie Ihrem eigenen Leben mehr Sinn verleiht, können Sie jedenfalls nur selbst herausfinden.

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