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Extreme Klimaprognose: Was ist dran an der Heißzeit?

Alarmierende Studie oder reine Panikmache? Fachleute warnen, dass die Erderwärmung außer Kontrolle geraten könnte. Eine Einordnung.
Sonne und Nebel über Bäumen

Die Erde könnte sich in einen fremden Planeten verwandeln: keine Spur von Eis selbst am Südpol, Küsten und Häfen 60 Meter tief unter Wasser, die Menschheit zusammengedrängt auf der geschrumpften Landmasse einer dampfenden, tropischen Welt. Das drohe der Welt – vielleicht jedenfalls – durch den menschengemachten Klimawandel, sagt eine internationale Arbeitsgruppe um die Klimaforscher Will Steffen und Hans-Joachim Schellnhuber.

Das Szenario ist extrem, und der Vorwurf von Übertreibung und Panikmache steht im Raum. Aber das wäre zu voreilig, denn tatsächlich haben diese Überlegungen einen sehr realen Hintergrund: Die angedrohte »Heißzeit« ist erdgeschichtlich gesehen der normale Zustand unseres Planeten.

Das gegenwärtige Klima, in dem an den Polen dauernde Kälte herrscht und Eiskappen zyklisch wachsen und schrumpfen, ist in der Erdgeschichte eher die Ausnahme: Nur vier derartige Perioden gab es in den letzten 700 Millionen Jahren seit dem Entstehen der ersten vielzelligen Lebewesen. Zwischen dem Ende des letzten Eiszeitalters und dem Beginn von unserem lagen mehr als 200 Millionen Jahre; nach allem, was wir wissen, entstanden, herrschten und verschwanden die Dinosaurier, ohne je einen Gletscher gesehen zu haben.

Affen im Eishaus

Das, was wir als unser normales Klima betrachten, ist dagegen keineswegs normal. Seit die letzte Treibhausepisode vor etwa 34 Millionen Jahren endete, befindet sich die Erde in einem Eishausklima mit regelmäßigen etwas weniger kalten Phasen. Die gesamte menschliche Zivilisation entstand in so einem kurzen, warmen Zeitraum mit ungewöhnlich stabilem Klima. Unser Planet kann aber auch anders – er ist bisher nur noch nicht dazu gekommen.

Deswegen sollte man solche Überlegungen nicht vorschnell von der Hand weisen, auch wenn die Thesen schwer zu belegen sind. Alle derzeitigen Maßnahmen rund um den Klimaschutz basieren auf der grundsätzlichen Annahme, dass sich die globalen Temperaturen langfristig stabilisieren lassen – und wir dann zwar in einem ungewöhnlich warmen Eishaus leben, aber eben immer noch in unserem gewohnten kühlen Eiszeitalter. Die Frage scheint nur zu sein, ob es dann zwei Grad Celsius wärmer ist oder vielleicht vier.

Was aber, wenn das nicht stimmt? Es ist eben nicht abwegig, dass das Erdklima, getrieben durch menschliche Aktivitäten, in jenen heißen Zustand zurückkehrt, der für vier Fünftel der letzten halben Milliarden Jahre der Normalzustand war. Überlegungen, ob es dafür bestimmte Schwellenwerte gibt und was dann passiert, sind natürlich spekulativ und schwer zu belegen: Das letzte derartige Ereignis ist schließlich 230 Millionen Jahre her, und was es ausgelöst hat, wissen wir nicht.

Nur dass es etwas mit Vulkanen und hohen Kohlendioxidkonzentrationen zu tun hatte, scheint plausibel. Vor allem wissen wir natürlich nicht, wie lang so ein Übergang dauerte. Ziemlich sicher dürfen wir da nicht in Jahrzehnten oder Jahrhunderten rechnen, bis das Klima der Dinosaurier wiederkommt; einige Jahrtausende oder gar mehr dürften da die untere Grenze sein.

Die Erde kann auch anders

Und es gibt auch Argumente dafür, dass das Eishausklima langfristig stabil ist: Möglicherweise gab der Aufstieg des Himalaja, der vor 40 Millionen Jahren begann, den entscheidenden Impuls zur globalen Abkühlung. Wenn die gigantischen Mengen Gesteinsschutt des Gebirges verwittern, binden sie enorme Mengen Kohlendioxid und könnten so langfristig die Erde wieder abkühlen. Selbst wenn der Mensch die Erde in ein Treibhausklima kippt, währt es vielleicht nur 100 000 Jahre.

Ein Einwand gegen die Studie stimmt jedenfalls. Die nächsten zwei, drei Generationen werden keine Heißzeit erleben. Für die Menschheit allerdings macht es einen ganz erheblichen Unterschied, ob sich das Klima in den nächsten Jahrhunderten irgendwo stabilisiert oder nicht. Die Geschichte zeigt, dass Gesellschaften ein stabiles Klima brauchen und dass selbst die winzigen Klimaschwankungen der letzten paar tausend Jahre über Wohl und Wehe ganzer Zivilisationen entscheiden konnten.

Was es für zukünftige Kulturen bedeuten würde, keine stabile Welt zu kennen, weil das Klima über zigtausende Jahre langsam wärmer wird und die Küstenlinien unaufhaltsam zurückweichen, ist sicher ein großartiger Ansatzpunkt für Sciencefiction. Als Vorschau auf die Zukunft der Menschheit ist das eher eine gruselige Vorstellung.

32/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 32/2018

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