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Warkus' Welt: Was ist eigentlich Veränderung?

In Motivationsseminaren wird man häufig mit Floskeln zur Veränderung erschlagen. Doch was steckt eigentlich philosophisch dahinter?
Eisenbahn im SonnenaufgangLaden...

»Leben heißt Veränderung. Stillstand heißt Rückschritt. Nichts ist so beständig wie der Wandel.« Kaum etwas ist ein so beliebtes Rednerklischee wie diese Sätze. Dass sich alles ändert (und das auch noch immer schneller), gilt als ausgemacht. In der Wirtschaftslehre gibt es mit dem »Change Management« sogar eine eigene Disziplin, die sich damit beschäftigt, wie Unternehmen und andere Organisationen mit der ständigen Veränderung klarkommen sollen.

Aber was heißt Veränderung überhaupt? Müsste man nicht einmal wissen, was sie ist, bevor man sie überall vermutet? Sobald sich die Frage danach stellt, was etwas so Allgemeines wie Veränderung überhaupt oder eigentlich ist, sind wir wie so oft mitten in der Philosophie.

Ganz naiv könnte man sagen: Veränderung ist, wenn etwas erst irgendwie ist und später nicht mehr (oder umgekehrt). Es ist nun ganz gängig, das Etwas einen Gegenstand zu nennen und das "Irgendwie-Sein" eine Eigenschaft. Veränderung wäre also zu konstatieren, wenn ein Gegenstand eine Eigenschaft hat und später nicht mehr – oder umgekehrt. Dass ein Gegenstand eine Eigenschaft hat oder nicht, wird seit der Hinwendung der Philosophie zur Sprache Ende des 19. Jahrhunderts wiederum meistens darauf heruntergebrochen, dass ein wahrer Satz einem Subjekt ein Prädikat zuschreibt.

Damit können wir griffig definieren, was Veränderung ist: der Unterschied im Wahrheitswert zwischen zwei Sätzen, die einem Gegenstand zu verschiedenen Zeitpunkten dieselbe Eigenschaft zuschreiben. Ein Beispiel: Die Sätze »Frankreich war 1788 ein Königreich« und »Frankreich war 1794 ein Königreich« sind gleich bis auf die Nennung unterschiedlicher Zeitpunkte und die Tatsache, dass der erste wahr, der zweite dagegen falsch ist. In dieser präzisen Form geht diese Definition von Veränderung übrigens auf den großen britischen Mathematiker und Philosophen Bertrand Russell (1872-1970) zurück, der sie 1903 erstmals so formulierte.

Seither gibt es unterschiedliche philosophische Diskussionslinien über Veränderung. Anhänger dieser Definition versuchen zu klären, welche Randbedingungen man zu ihr hinzufügen muss, damit sie »wirkliche Veränderung« wiedergibt. Es ist nämlich zunächst so, dass vernünftigerweise nicht jeder Gegenstand sich verändern kann. Wenn mir beispielsweise eine Teetasse herunterfällt, dann kann das bedeuten, dass der Satz »5 war gestern die Anzahl meiner Teetassen« falsch, der Satz »5 ist heute die Anzahl meiner Teetassen« jedoch wahr ist. Heißt das nun, dass die Zahl 5 sich geändert hat? Ich vermute, die meisten würden sagen, dass das eine absurde Vorstellung wäre. Veränderung kann nicht beliebige Gegenstände betreffen. Aber welche sind denn dann veränderungsfähig?

Auch kann nicht jede Eigenschaft eine Veränderung ausmachen. Verrücke ich meinen Schrank, dann mag der Satz »Mein Schrank war gestern einen Meter von der Wand entfernt« falsch, der Satz »Mein Schrank ist heute einen Meter von der Wand entfernt« wahr sein. Aber der Schrank ist ja immer noch derselbe, er steht nur an einer anderen Stelle. Eigenschaften, die bloße Beziehungen zwischen Gegenständen beschreiben, so vermuten viele, sind also für Veränderungen nicht relevant; Veränderung soll ihnen zufolge nur da vorliegen, wo intrinsische Eigenschaften wechseln, also solche, die Gegenstände quasi ohne fremde Hilfe haben. Das Problem ist nun, dass es regalmeterweise Literatur über die Frage gibt, wann Eigenschaften intrinsisch sind.

Ich muss mich hier ein bisschen bremsen, weil ich über das Thema promoviert habe und die Kolumne nicht zu lang werden soll. Mir persönlich scheint es jedenfalls sinnvoller, über Veränderung als ein Handeln zu reden: Veränderung ist dann, grob gesagt, ein Handeln, das ein anderes Handeln ermöglicht oder verunmöglicht. Aber darum soll es hier gar nicht in erster Linie gehen.

Mir war vor allem wichtig, eines zu zeigen: Im Endergebnis führt hier der Versuch zu großen Schwierigkeiten, eine alltägliche Intuition über einen allgemeinen Begriff (»Veränderung ist, wenn etwas irgendwie ist und dann nicht mehr«) so weit wie möglich zu präzisieren. Solche Präzisierungen zu versuchen und gegebenenfalls immer wieder an ihnen zu scheitern, damit beschäftigt sich die Philosophie – jedenfalls viel mehr als mit der Produktion unverbindlicher Sprüche à la »Leben heißt Veränderung«.

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