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Freistetters Formelwelt: Alle zweieinhalb Jahre ist der Mond blau

Wenn wir von einem »blue moon« sprechen, ist allerdings oft nicht das gemeint, was der Begriff ursprünglich bedeuten sollte.
Der Mond aus dem Erdorbit

Kürzlich habe ich ein paar astronomische Dinge recherchiert. Als ich einen ganz bestimmten Begriff in die Suchmaschine eingegeben habe, ist plötzlich folgende Formel aufgetaucht:

Auf den ersten Blick wirkt das wie eine sehr obskure Gleichung, von der – zumindest aus mathematischer Sicht – der Teil rechts des Gleichheitsszeichens noch am verständlichsten ist. 1,16699016·10-8 Hertz bedeutet, dass ein Phänomen einmal pro 85 690 525,45 Sekunden stattfindet. Oder, umgerechnet, einmal in 2,716 Jahren beziehungsweise 2 Jahren und zirka 8 Monaten. Das ist die durchschnittliche Zeitspanne zwischen dem Auftreten eines »blue moon«.

Die legendärsten mathematischen Kniffe, die übelsten Stolpersteine der Physikgeschichte und allerhand Formeln, denen kaum einer ansieht, welche Bedeutung in ihnen schlummert: Das sind die Bewohner von Freistetters Formelwelt.
Alle Folgen seiner wöchentlichen Kolumne, die immer sonntags erscheint, finden Sie hier.

Im deutschsprachigen Raum gibt es keine Tradition des blauen Mondes. Im Englischen steht der Ausdruck »blue moon« oder »once in a blue moon« für etwas, das sehr selten passiert. Wie selten? Das sagt die Zahl, die die Suchmaschine ausgeworfen hat, und die sich aus ein paar astronomischen Fakten leicht berechnen lässt. Ein (gregorianisches) Jahr ist 365,2425 Tage lang. Der Zeitraum, mit der sich eine bestimmte Mondphase wiederholt, ein synodischer Monat, beträgt im Mittel 29,5309 Tage. In ein Jahr passen also 12,368 synodische Monate. Im Kalender stehen aber nur 12 Monate; pro Jahr fallen dadurch 0,368 Monate aus der Rechnung, die sich im Lauf der Zeit summieren. Nach 2,716 Jahren hat sich der Überschuss zu einem vollen Monat summiert, so dass es 13 Vollmonde pro Jahr geben kann. Wieso diese Tatsache als »blauer Mond« bezeichnet wird, ist unklar – genau genommen hat man damit ursprünglich ein anderes Phänomen bezeichnet.

Vier Vollmonde pro Jahreszeit?

Die fälschliche Bezeichnung stammt wohl aus dem Jahr 1946, als die populäre Zeitschrift »Sky & Telescope« die Frage nach dem »blue moon« stellte. Der Amateurastronom James Hugh Pruett erklärte daraufhin, dass man »sieben mal pro 19 Jahre« (also alle 2,716 Jahre) 13 Vollmonde pro Jahr sehen kann; es also einen Monat mit zwei Vollmonden geben muss. Und er behauptete, dass die Bezeichnung »blue moon« für diesen zweiten Vollmond eines Monats verwendet würde.

Offenbar kannte Pruett aber die alten landwirtschaftlichen Kalender des 19. Jahrhunderts nicht. Auch dort beschäftigte man sich mit Mondphasen, nummerierte die Vollmonde aber pro Jahreszeit durch. Vier Jahreszeiten zu je drei Monaten, macht 12 Vollmonde pro Jahr und drei pro Jahreszeit. Es kann allerdings vorkommen, dass in manchen Jahren vier Vollmonde in einer Jahreszeit zu sehen sind. Der dritte dieser vier wurde dann in den Landwirtschaftkalendern als »blue moon« bezeichnet.

Das Missverständnis wurde erst 1999, ebenfalls in einem Artikel in »Sky & Telescope«, aufgeklärt. Ob es einen blauen Mond nach der korrekten Definition gibt, hängt vom konkreten Tag ab, an dem der zusätzliche Vollmond stattfindet. 2023 etwa wird der Sommer am 21. Juni beginnen. Der nächste Vollmond folgt dann am 3. Juli, anschließend am 1. und am 31. August. Der nächste Vollmond folgt am 29. September, an dem laut astronomischer Definition aber schon der Herbst begonnen hat. Trotz der beiden Vollmonde im August gibt es im Sommer insgesamt nur drei Nächte mit vollem Mond. Anders wird es 2024 sein: Da fängt der Sommer ebenfalls am 21. Juni an und schon am nächsten Tag scheint ein Vollmond. Es folgen Vollmonde im Juli und August und einer am 18. September, nur 5 Tage, bevor der Herbst anfängt. Es gibt 2024 also keinen Monat mit zwei Vollmonden, dafür aber vier im Sommer.

Ob man der alten Definition anhängt oder der »falschen« (die sich mittlerweile weit verbreitet hat), ist eigentlich egal. Aus astronomischer Sicht macht der Mond das, was er immer schon gemacht hat. Er kann schließlich nichts dafür, dass wir unseren Kalender so schlecht organisiert haben.

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