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Warkus' Welt: Was ist Ihre Philosophie?

Unser Kolumnist Matthias Warkus erklärt, warum die Frage nach der eigenen Philosophie eigentlich nichts mit Philosophieren zu tun hat.
Drei Gläser: Voll, halb voll und leer

Wenn man Philosophie studiert hat – und natürlich auch schon während des Studiums selbst –, gibt es einige Fragen, mit denen man immer wieder von anderen gelöchert wird. In Deutschland sind Neugierige oft besonders scharf darauf, zu erfahren, was man für den Sinn des Lebens hält oder ob es Gott gibt – und natürlich darauf, wie man mit alledem am Ende denn mal Geld verdienen möchte. Aber eine Frage bleibt uns erspart, die sich Philosophen und Philosophinnen in den englischsprachigen Ländern stattdessen ständig anhören müssen: »What is your philosophy?« – »Was ist Ihre Philosophie?«

Dahinter steckt ein Verständnis von »philosophy«, das im Deutschen etwas seltener ist als im Englischen, aber zum Beispiel bei Begriffen wie »Unternehmensphilosophie« durchscheint: Philosophie als eine Art Herangehensweise an die Welt, die Dinge, das Leben im Allgemeinen. Früher hätte man es auch mit »Weltanschauung« übersetzen können, doch das Wort ist durch seinen inflationären Gebrauch in der Sprache des Nationalsozialismus beschädigt worden und hat einen Bedeutungswandel durchgemacht, so dass es heute eher für »Ideologie« steht, für unreflektierte Einstellungen zur Welt.

Was stört uns also daran, wenn wir diese Information über uns preisgeben sollen? Im Prinzip gibt es zwei Probleme: Zum einen deutet die Frage an, dass jeder einzelne Mensch »eine Philosophie« hat. Dieser Gedanke ist nah bei der Vorstellung, dass wir »ja alle Philosophen« sind und dass jedes Nachdenken, das ein bisschen vom Alltag losgelöst ist, »Philosophieren« ist. Zu der Vorstellung, die wir heute von Philosophie haben, gehört aber dazu, dass sie zwar bei Themen und Fragen ansetzt, die allen Kulturen, allen Menschen und allen Lebenssituationen gemein sind, dass sich dazu aber eben nicht jeder Mensch voraussetzungslos mit gleichem Anspruch auf Gehör äußern kann. Philosophie treiben heißt, argumentativ zu reden, immer erklären zu können, was man mit etwas meint, und die geleisteten Vorarbeiten anderer zur Kenntnis zu nehmen, bevor man sich zu etwas äußert.

Eine kalte Dusche macht noch keine Philosophie!

Wir erwarten heutzutage, dass Philosophie immer auch verallgemeinert – und zwar begründet. Einfach irgendwelche Regeln für die eigene Lebensführung haben (»Beim Duschen am Ende immer auf kalt drehen! Und jeden Tag frische Socken, mein Junge!«) reicht nicht aus. Es reicht auch nicht aus, sie auf alle Menschen auszudehnen und vielleicht aus der täglichen kalten Dusche eine Ideologie zu machen. Man muss erklären können, warum es so sein soll, und im Zweifel auch die logischen Regeln kennen, die man bei dieser Erklärung selbst genutzt hat.

Spätestens dabei zeigt sich dann auch das zweite große Problem: Von »einer Philosophie« im Singular zu reden widerspricht der Überzeugung (oder zumindest Intuition), dass sich alles ernsthafte Philosophieren sozusagen im selben Raum abspielt, auch wenn man zuweilen manchmal anders redet. Dies gilt wie bei allen anderen Wissenschaften. Die Kernphysikerin Lise Meitner (1878–1968) sagte 1959, die Entdeckung der Kernspaltung sei gelungen »mit einer ungewöhnlich guten Chemie von Otto Hahn und Fritz Straßmann, mit einer phantastisch guten Chemie, die zu dieser Zeit wirklich niemand anderer gekonnt hat«. Das heißt aber natürlich nicht, dass diese Chemie nach anderen Regeln funktioniert hätte oder andere Gegenstände gehabt hätte als andere »Chemien«. Entsprechend gehört auch alles, was unter philosophischer Flagge läuft, zur Philosophie – ohne unbestimmten Artikel.

Wer also fragt »Was ist Ihre Philosophie?«, will eigentlich wissen: »Was macht die Besonderheit Ihrer persönlichen Sicht der Dinge aus?« Und gerade um Besonderheiten und persönliche Sichten geht es der wissenschaftlichen Philosophie in der Regel eben nicht.

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