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Sex matters: Was Pornovorlieben verraten (und was nicht)

Wenn jemand eine Sexszene im Film erregend findet, hat das nicht unbedingt etwas mit seinen realen Wünschen zu tun, sagt der Sexualtherapeut Carsten Müller. Wie Paare mit ihren Pornovorlieben umgehen können – eine Kolumne.
Eine Person liegt im Bett und tippt auf einem Laptop. Die Szene ist in gedämpftem Licht gehalten, was eine entspannte Atmosphäre schafft. Der Fokus liegt auf den Händen, die die Tastatur bedienen. Im Hintergrund ist ein Tisch zu sehen.
Manches bleibt besser privat.

»Vor drei Tagen habe ich mit meinem Freund Malte zum ersten Mal über Pornos geredet. Ich war einfach neugierig und dachte, wir könnten das teilen. Ich habe ihm erzählt, was ich schaue – Lesben-Sex zum Beispiel. Aber als er gesagt hat, dass seine Lieblingskategorie ›große Brüste‹ sei, hat mich das total verunsichert. Kann er mich überhaupt begehrenswert finden?« (Tara*, 32)

Erst einmal: Danke an Tara, dass sie diese Frage gestellt hat und mit ihrem Freund in die Beratung gekommen ist. Denn das, was so banal anfing, ist eine ziemlich vertrackte Situation. Erst geht es »nur« um Pornos. Und dann plötzlich um die Frage: Bin ich gut genug für dich?

Fangen wir mit dem Missverständnis an, das mir besonders oft begegnet: »Was uns im Porno erregt, ist das, was wir uns wünschen.« Das stimmt so nicht. Was uns auf dem Bildschirm anmacht, wollen die meisten keineswegs im echten Leben nachspielen. Es würde auch niemand einen Menschen, der gerne Actionfilme schaut, ernsthaft fragen: »Willst du dir ein Maschinengewehr anschaffen und durch die Gegend ballern?« Der Film ist Unterhaltung, keine Blaupause fürs eigene Leben.

Der Coolidge-Effekt

Aber warum erregen uns selbst Pornos dann, wenn wir in einer glücklichen Beziehung sind und unsere Partnerperson sexy finden? Die Antwort steckt in unserer Biologie. Unser Gehirn gewöhnt sich an wiederkehrende Reize. Was anfangs unglaublich aufregend war – ein Körper, eine Berührung, ein bestimmter Blick –, wird mit der Zeit vertraut. In der Sexualforschung gibt es dafür einen schönen Begriff: den Coolidge-Effekt. Neues ist erregend, Bekanntes beruhigt. Das ist kein Defekt und kein Grund zur Panik. So ticken wir eben. Und genau hier sind Fantasien nützlich. Fantasien sind so etwas wie ein Erregungsbooster: Sie bringen Neuheit in den Kopf, ohne dass es einen realen Partnerwechsel braucht. Sie sind mentale Szenarien, die stimulieren, und Pornos können dazu beitragen.

Das war weder Tara noch ihrem Freund bewusst, als sie das Porno-Gespräch begonnen haben. Es wurde kompliziert, weil Tara seine Antwort auf sich bezog. Seine Vorliebe machte sie unsicher. In meiner Praxis habe ich Malte noch mal gefragt, was er mag. In Pornos. Er zögerte. Dann sagte er: »Ich finde große Brüste schon attraktiv. Auch in echt. Das ist einfach so.«

Das Gespräch stockte. Tara verschränkte die Arme. Verständlich – denn der Satz stand zwischen ihnen wie eine Wand. Aber wer dann das Gespräch abbricht, bleibt mit dem schlimmsten Szenario im Kopf sitzen. Und das ist fast nie die Wahrheit. Deswegen habe ich weitergefragt. Wie gefällt Ihnen Tara? Er möge ihren Körper und fasse sie gern an, sagte er. Und er fände sie sexy. »Tara und Porno – das sind doch ganz verschiedene Dinge.«

Als ich Tara fragte, was genau sie verletzt hatte, wurde klar: Es ging nicht darum, ob Malte große Brüste attraktiv fand. Ihre Angst war, dass er mit ihren Brüsten unzufrieden war, dass sie ihm nicht genug war. Und diese Angst ist nachvollziehbar – denn die Bilder, die wir in Pornos sehen, sind im Grunde unerreichbar. Perfekte Körper, reibungslose Abläufe, garantierte Lust. Wenn wir anfangen, uns daran zu messen, wird es schwierig.

Tatsächlich gibt es wissenschaftliche Belege dafür, dass Pornos unser Körperbild beeinflussen können. Ein Forschungsteam hat 2022 in einer großen Übersichtsstudie untersucht, wie Pornokonsum und Selbstwahrnehmung zusammenhängen. Das Ergebnis: Wer häufig Pornos schaute, war tendenziell unzufriedener mit dem eigenen Körper – und das galt für beide Geschlechter.

Auch in Beziehungen dürfen Dinge privat bleiben. Denn es gibt einen Unterschied zwischen Privatsphäre und Heimlichkeiten

Pornos zerstören nicht automatisch das Körperbild. Aber sie können verunsichern, wenn inszenierte Körper zum Maßstab für echte werden. Und sie können zum Problem werden, wenn sie reale Intimität ersetzen. Oder wenn der reale Partner und das reale Sexualleben an dem gemessen werden, was auf dem Bildschirm passiert. Dann ist es Zeit, den Blick bewusst zu verändern. Weg vom Bildschirm, hin zum Leben.

Jeder darf selbst entscheiden, ob er oder sie Pornovorlieben wirklich mit dem Partner teilen möchte. Viele meiner Klienten tun es bewusst nicht, und das ist völlig in Ordnung. Auch in Beziehungen dürfen Dinge privat bleiben. Denn es gibt einen Unterschied zwischen Privatsphäre und Heimlichkeiten. Privatsphäre bedeutet: Ich behalte etwas für mich, weil es mir gehört. Heimlichkeiten bedeuten: Ich verstecke etwas, weil ich Angst vor den Konsequenzen habe. Heimlichkeiten können belastend werden. Privatsphäre ist gesund.

Tara und Malte waren sich am Ende der Stunde einig: Sie wollten ihre Pornovorlieben künftig nicht mehr teilen. Das gehörte ab sofort in die Privatsphäre. Stattdessen wollten sie sich lieber sagen, was sie aneinander mochten und miteinander tun wollten – in echt.

* Namen geändert

Und nun sind Sie dran:

Setzen Sie sich mit Ihrem Partner gemeinsam hin. Benennen Sie drei Dinge, die Sie am anderen mögen – am Körper, aber auch am Verhalten oder Charakter. Keine Floskeln, sondern ganz konkret: ein bestimmter Blick. Die Art, wie Hände zugreifen. Wie sie oder er Kaffee macht. Hören Sie einander zu, ohne zu kommentieren, und lassen Sie die Worte wirken.

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  • Quellen
Paslakis, G. et al. Journal of Health Psychology 10.1177/135910532096708, 2022

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