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Vince Ebert extrapoliert: Was wäre, wenn Anti-Drogen-Kampagnen wirkungslos wären?

Deutschland gibt Millionen für die Suchtprävention aus. Doch ist das immer sinnvoll? Wissenschaftskabarettist Vince Ebert macht sich Gedanken über die Coolness von Rauchern und die Konsequenzen.
Der Kabarettist Vince Ebert

Jeder, der irgendwann mal bewusstseinserweiternde Substanzen zu sich genommen hat, weiß: Drogen führen zu keinem Ziel, aber die Fahrt dorthin kann landschaftlich sehr reizvoll sein.

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation nehmen mehr als 250 Millionen Menschen mindestens einmal im Jahr illegale Drogen. 15 Prozent davon sind in irgendeiner Form davon abhängig – von den legalen Mittelchen gar nicht erst zu sprechen. Viele trinken so lange auf die Gesundheit anderer, bis sie ihre eigene ruiniert haben. Nach Umfragen der Hauptstelle für Suchtfragen gelten in Deutschland 1,3 Millionen Menschen als alkoholkrank. Und das sind eher zu niedrig angesetzte Schätzwerte. Besonders Vieltrinker schummeln ihre real existierende Schlagzahl bei Umfragen gerne runter. »Ach, ab un' zu mal 'n Piccolösche, fürn Blutdruck.« Der Großteil der Hochkonsumenten sagt erst gar nicht aus, weil er gerade im Koma liegt.

Konservative Menschen vertreten gerne das Ideal einer drogenfreien Gesellschaft, wie es beispielsweise in der CSU vorherrscht. Dort ist Bier freilich kein Suchtstoff, sondern ein Grundnahrungsmittel. Würde die CSU Alkohol verbieten, würde sie bei der nächsten Landtagswahl locker unter die 0,5 Promillegrenze rutschen. Marihuana dagegen gilt dort als hochgefährlich, weil angeblich die meisten Heroinkranken mit Marihuana angefangen haben. Das stimmt zwar, noch mehr Süchtige haben sich ursprünglich jedoch pure Milch reingezogen. Auch ich war mal auf diesem Trip. Aber das war eine Jugendsünde.

Liberalere Bürger vertreten die Auffassung, dass Drogenmissbrauch aus Leichtsinn und Unwissen heraus entsteht, und plädieren für rigorose Aufklärungskampagnen. Seit einiger Zeit müssen auf Zigarettenschachteln Warnhinweise aufgedruckt sein. »Rauchen macht impotent«, steht da zum Beispiel. Wenn das stimmt, pflanzen sich Raucher also nicht mehr fort, und das Problem erledigt sich von selbst. Für mich als Physiker gäbe es ohnehin viel wichtigere Hinweise, die man auf die Schachteln schreiben sollte: »Dieses Produkt besteht zu 100 Prozent aus Materie. Im Fall des Kontaktes mit Antimaterie kommt es zu lebensgefährlichen Explosionen!«

Die Überzeugung, dass der Mensch gegen seinen Willen verdorben werden kann, führte immer wieder dazu, dass Autoritäten rigorose Verbote erließen, deren Sinn oftmals fraglich war. Im 17. Jahrhundert ließ zum Beispiel der türkische Sultan Murad IV 25 000 Raucher hinrichten und beschlagnahmte ihr Eigentum. Inzwischen hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass man das Eigentum viel besser von lebendigen Rauchern beschlagnahmen kann: durch Steuern. Die Hinrichtung erledigen die Konsumenten dann später ohnehin selbst.

Derzeit gibt unsere Regierung Millionen für Anti-Drogen-Kampagnen aus, erlässt Verbote für Alkopops und pfercht unschuldige Raucher in aufgemalte Quadrate, um zu verhindern, dass sich die Giftstoffe mit der Umgebungsluft vermischen. Ein Verfahren, das etwa so sinnvoll ist, wie ein Schwimmbecken für Pinkler und Nichtpinkler zu unterteilen.

Doch wie sinnvoll sind diese Maßnahmen? Ist es wirklich das Unwissen über die Gefährlichkeit, das Menschen zu Suchtmitteln greifen lässt? Vor einigen Jahren befragte der Ökonom Kip Viscusi eine Gruppe von Kettenrauchern, wie viele Lebensjahre das Rauchen sie kosten würde. Sie schätzten neun Jahre. Die richtige Antwort lautet rund sechs Jahre. Raucher sind folglich nicht deshalb Raucher, weil sie die Risiken unterschätzen. Sie rauchen sogar, wenn sie die Gefahr überschätzen. Amerikanische Forscher untersuchten in einer Studie den Einfluss von staatlichen Anti-Drogen-Kampagnen auf Teenager. Das Resultat: Die Kampagnen hatten so gut wie keine Wirkung auf die Einstellung der Jugendlichen. Im Gegenteil: Das Interesse an bestimmten Drogen stieg sogar in einigen Fällen.

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass suchtgefährdete Menschen überdurchschnittlich oft eine rebellischere, risikofreudigere Persönlichkeit besitzen. Und genau das ist das Dilemma: Jugendliche sehen unangepasste Typen, die rauchen, und denken: Die sind cool, WEIL sie Rauchen. In Wirklichkeit jedoch ist Rauchen nicht der Grund für ihr Rebellentum, sondern lediglich eine Begleiterscheinung. Eine Erkenntnis, die unsere Regierung für eine etwas andere Anti-Raucher-Kampagne nutzen könnte. Statt den blauen Dunst zu verteufeln, müsste man einfach nur besonders uncoole, langweilige Politiker dazu bringen, öffentlich zu qualmen. Ich bin mir sicher: Spätestens wenn unsere Kanzlerin in einem roten Hosenanzug auf einem Marlboro-Pferd ungelenk in die Abendsonne reitet, würde den Jugendlichen die Lust am Rauchen vergehen.

Mehr Infos über den Wissenschaftskabarettisten und Bestsellerautor erfahren Sie unter www.vince-ebert.de.

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