Direkt zum Inhalt
Vince Ebert extrapoliert

Was wäre, wenn aufreizende Kleidung Erdbeben auslösen würde?

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Damenshirts und der Plattentektonik? Vince Ebert geht der Sache wissenschaftlich auf den Grund.
Zwei luftig gekleidete Frauen beim Auslösen eines Erdbebens.

Vor einigen Jahren hat der iranische Geistliche Kasem Sedighi in einer Teheraner Moschee behauptet, er wisse jetzt endlich, wodurch Erdbeben verursacht werden. Und zwar durch – Achtung, jetzt kommt's – Frauen, die nicht angemessen gekleidet sind. Eine gewagte These. Mir persönlich ist es schleierhaft, was die Kleidung von Frauen mit plattentektonischen Mechanismen zu tun haben soll. Aber der Mann ist schließlich Geistlicher und, wie man hört, in seinem Heimatland eine Koryphäe.

Vielleicht ist ja tatsächlich etwas dran an Herrn Sedighis Behauptung. Kann ja sein. Nur, weil sich etwas bescheuert anhört, muss es nicht unbedingt falsch sein. Als seriöser Wissenschaftler sollte man sich nie zu schade sein, eine Theorie auf Fakten zu überprüfen. In meiner Studentenzeit habe ich mal aus Versehen einen Spiegel zerbrochen. »Jetzt drohen dir sieben Jahre schlechter Sex«, sagte mein damaliger Mitbewohner. Und er hatte Recht.

So ist das oft in der Wissenschaft. Ein Typ denkt sich Sachen aus, wird verspottet und manchmal sogar umgebracht. Nach einer Weile sagt man: »Hm, an der Idee des verstorbenen Wie-hieß-der-doch-gleich? ist vielleicht ja doch etwas dran. Wir probieren sie einfach nochmal aus.« Dann verwenden sie seine Idee, machen eine Menge Geld damit und benennen einen Seitenflügel der Bibliothek nach ihm.

Empirische Seismologie ohne Unterwäsche

Zurück zur Erdbebentheorie unseres iranischen Geistlichen. Wenn an ihr etwas dran ist, dann muss sie wissenschaftlich überprüfbar sein. Das dachte sich auch die US-Studentin Jen McCreight. Am 26. April 2010 forderte sie über ihre Facebookseite kanadische und amerikanische Frauen zu einer heiklen Mission auf. Sie sollten an diesem Tag tief ausgeschnittene T-Shirts ohne BH tragen, um ein »Boobquake« auszulösen. Fast 200 000 Frauen beteiligten sich an dem Experiment, das Epizentrum lag in der Stadt Lafayette in Indiana.

Doch unverständlicherweise konnten daraufhin keine signifikanten seismographischen Tätigkeiten festgestellt werden. Andererseits gab es an jenem Tag eine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit, auf eine Frau zu treffen, die sexy angezogen war. Ein Teilsieg, immerhin. Manchmal hat der Fundamentalismus auch seine schönen Seiten.

Vielleicht lag aber auch ein Messfehler vor. Deswegen sollte meiner Meinung nach der Versuch in allen Erdbebengebieten der Welt wiederholt werden. Und in allen anderen auch. Gerne mehrmals im Jahr. Für wissenschaftliche Erkenntnisse müssen eben auch mal Opfer gebracht werden.

Inzwischen weiß man natürlich längst, wodurch Erdbeben wirklich ausgelöst werden. Die Erdoberfläche ist eine dünne Kruste aus Gestein, das an vielen Stellen zerbrochen ist. Die enorm großen Bruchstücke – die tektonischen Platten, die grob unsere Kontinente definieren – schwimmen auf einem heißen Erdmantel aus zähflüssigem Magma. Temperaturunterschiede im Erdmantel rufen Ausgleichsströmungen hervor, die zusammen mit der Erdrotation dazu führen, dass sich die Kontinentalplatten langsam gegeneinander verschieben. Geologen haben errechnet, dass sich die afrikanische Platte mit einer Geschwindigkeit, mit der unsere Fingernägel wachsen, gegen die europäische Platte schiebt.

Körperkult in der Kollisionszone

Das bedeutet, dass in 50 Millionen Jahren Länder wie Polen und die Ukraine das Voralpenland bilden und die Türken zum zweiten Mal vor Wien stehen. Auch das Mittelmeer wird dann verschwunden sein. Sollten Sie also überlegen, ein Haus auf Mallorca zu kaufen, lassen Sie es! Die einzigen, die von dem ganzen Trubel nicht betroffen sein werden, sind die Engländer. Aber die haben mit der EU sowieso wenig am Hut.

In einigen Regionen jedoch schieben sich die Plattenränder nicht gleichförmig und störungsfrei zusammen. In der berühmten San-Andreas-Spalte in Kalifornien etwa erfolgen die Bewegungen der pazifischen Platte und der nordamerikanischen von Zeit zu Zeit ruckartig. Und jeder Ruck entspricht einem Erdbeben. In dieser Zone ist zu befürchten, dass innerhalb der nächsten 30 Jahre eine so starke Kollision erfolgt, dass sie mit gewaltigen Zerstörungen im Gebiet von Los Angeles oder San Francisco einhergehen wird.

Irgendwie ist es schon auffällig, dass im größten Erdbebengebiet der Welt auch gleichzeitig der Körper- und Fitnesskult seinen Höhepunkt hat. Der iranische Geistliche hatte möglicherweise doch Recht …

Mehr über den Wissenschaftskabarettisten und Buchautor erfahren Sie unter www.vince-ebert.de.

Lesermeinung

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Leserzuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Leserzuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmer sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Vielen Dank!

SciViews