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Vince Ebert extrapoliert: Was wäre, wenn es keine Zufälle gäbe?

Wir begegnen dem Zufall eher skeptisch, denn wir glauben gerne, dass unser Leben planbar ist. Doch der Zufall schlägt unerwartet oft zu, meint der Wissenschaftskabarettist Vince Ebert.
Der Kabarettist Vince EbertLaden...

Nicht wenige Menschen sind der felsenfesten Überzeugung: »Es gibt keine Zufälle!« Alles in unserem Universum ist angeblich mit allem verbunden, und deshalb hat auch alles im Leben einen tieferen Sinn. Doch ist das wirklich so? Am ehesten akzeptieren wir das Auftreten des Zufalls beim Glücksspiel. Zumindest solange sich das Glücksspiel an das hält, was wir unter »Zufall« verstehen. 1913 geschah jedoch im Spielkasino von Monte Carlo etwas höchst Verblüffendes. An einem Roulettetisch kam die Kugel 26-mal hintereinander auf einem schwarzen Feld zum Liegen.

Wie man sich vorstellen kann, wurden zunehmend immer höhere Summen auf Rot gesetzt. Die Serie war unglaublich, und im Kasino entstand eine hektische Anspannung. Einige vermuteten sogar Manipulation. In Wahrheit war es einfach nur ein seltener Zufall, der für diese erstaunliche Reihung verantwortlich war. Ein Ereignis, wie es so nur alle 67 Millionen Mal stattfindet. Das ist zwar nicht gerade oft, aber eben auch nicht unmöglich. Zum Vergleich: Ein Hauptgewinn im Lotto kommt nur alle 140 Millionen Spiele einmal vor. Und trotzdem wird regelmäßig der Jackpot geknackt, ohne dass man Manipulation, eine günstige Sternenkonstellation oder die Anwesenheit einer höheren Macht dahinter vermutet.

Der Zufall ist uns zuwider. Wir mögen ihn nicht. Besser gesagt: Unser Gehirn mag ihn nicht. Es ist vor allem darauf ausgelegt, permanent nach Mustern zu suchen. Es filtert dafür riesige Datenmengen, die unablässig auf uns einströmen – und wenn dann plötzlich ein bekanntes Gesicht in der Menge auftaucht, sagt es uns: »Hey! Das ist doch der …, der Dings …«

Evolutionär gesehen ergibt dieser Mechanismus Sinn. Unsere steinzeitlichen Vorfahren haben überlebt, weil sie blitzschnell erkannten, ob der Typ, der da am Hügel auftauchte, der …, na ja, eben der Dings war oder der andere Typ, der letzten Winter die Höhle des Nachbarklans in Schutt und Asche gelegt hat. Erkennt unser Gehirn ein bestimmtes Muster, so zieht es sofort Rückschlüsse: Gesicht 1: Der Dings aus der Buchhaltung – harmlos. Gesicht 2: Der Schnösel von McKinsey – Gefahr!

Leider sucht unser Gehirn auch dann verzweifelt nach Gründen und Erklärungen, wenn ein Muster überhaupt nicht sinnvoll ist. Oder wenn es überhaupt kein Muster gibt. Wenn man zum Beispiel bei der Cheops-Pyramide die Grundfläche durch die Höhe teilt und diese Zahl dann mit der Anzahl der unteren Steinblöcke multipliziert, dann ergibt diese Zahl genau die Telefonnummer vom Vatikan. Das kann doch kein Zufall sein? Eben doch!

Aber da der Zufall kein für uns erkennbares Muster aufweist, macht er uns immer ein wenig hilflos. Und weil unser Gehirn nicht gerne hilflos ist, konstruiert es im Zweifelsfall Zusammenhänge, die es gar nicht gibt. Das ist der Grund, weshalb wir so empfänglich für Verschwörungstheorien sind. Man pickt sich einzelne zufällige Ereignisse heraus und interpretiert dann ein geheimes Muster in sie hinein: »Ist doch klar, warum Mohammed Atta gerade in Hamburg studiert hat. Die deutsche Regierung hält bewusst Beweise zurück, die auf einen ganz anderen Grund für die Anschläge am 11. September hinweisen!« Das ist natürlich eine gewagte These. Denn sie bedeutet: Unsere Regierung wäre in der Lage, eine riesige Sache unter dem Teppich zu halten. Aber denken Sie daran: Es ist dieselbe Regierung, die auch am Bau des Berliner Flughafens beteiligt ist.

Tief in unserem Inneren lehnen wir den Zufall ab und versuchen ihn stattdessen in ein Muster zu pressen. Wir spielen Lotto mit einem »totsicheren« Systemtipp und ignorieren die Tatsache, dass die Wahrscheinlichkeit, auf dem Weg zur Annahmestelle von einem Mähdrescher überfahren zu werden, fünfmal höher ist, als den Jackpot zu knacken. Ob es uns gefällt oder nicht, unser Leben besteht nun mal aus einer Aneinanderreihung von Zufällen. Und weil wir tagtäglich tausende Dinge erleben, ist es einfach total unwahrscheinlich, dass nichts Unwahrscheinliches passiert.

Angenommen, jeder Deutsche träumt einmal im Leben vom Tod eines Bekannten. Das macht bei 80 Millionen Deutschen etwa 2000 Todesträume pro Nacht. Da in Deutschland pro Jahr etwa 900 000 Menschen sterben, muss folglich aus rein statistischen Gründen etwa 30-mal pro Jahr das unglaubliche Ereignis eintreten, dass ein realer Todesfall vorher von einem nahen Verwandten oder Freund geträumt wird.

Sie sehen, es braucht weder göttliche Fügung noch eine teuflische Verschwörung, damit in unserem Leben kuriose, höchst sonderbare Dinge passieren. Der Zufall unterliegt nicht einem höheren Schicksal, sondern purer Statistik. Und sollte es tatsächlich einen Gott geben, ist er vermutlich der größte Zocker.

Mehr über den Zufall und die Planbarkeit unseres Lebens erfahren Sie in dem Bestseller von Vince Ebert »Unberechenbar. Warum das Leben zu komplex ist, um es perfekt zu planen« und in seinem Vortrag »Zufällig erfolgreich«. Weitere Infos unter www.vince-ebert.de.

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