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Vince Ebert extrapoliert: Was wäre, wenn informierte Menschen weniger wüssten?

Die Welt wird immer schlechter. Stimmt das wirklich? Der Wissenschaftskabarettist Vince Ebert über einen beliebten Trugschluss.
Der Kabarettist Vince EbertLaden...

Zu Anfang eine einfache Frage: Was glauben Sie, wie hat sich weltweit die extreme Armut in den letzten 30 Jahren verändert? In Deutschland sind die meisten Befragten der Überzeugung, dass die weltweite Armut mit Sicherheit gestiegen sei. Die wenigsten glauben, dass sie gesunken ist. Doch genau das ist der Fall. In den letzten Jahrzehnten konnte die extreme Armut dramatisch eingedämmt werden. Ähnlich positiv sehen die Entwicklungen beim Bildungsniveau, bei Impfraten oder bei der Anzahl von Kriegsopfern aus. Fast alle Indikatoren, die im weitesten Sinne mit der gesellschaftlichen Lebensqualität einhergehen, haben sich im weltweiten Schnitt verbessert.

Aber das ist den wenigsten Menschen bewusst. Sie schätzen unsere Welt falsch und verzerrt ein. Und es wird noch paradoxer: Der Anteil derer, die dieses falsche Weltbild haben, wird umso größer, je gebildeter und informierter diese Menschen sind.

85 Prozent aller Finanzmanager wissen nicht, dass 88 Prozent aller einjährigen Kinder geimpft sind. Nur acht Prozent der Frauen, die auf einem schwedischen Kongress für Frauenrechte teilnahmen, wussten, dass weltweit Frauen im Durchschnitt nur ein Jahr weniger in der Schule verbracht haben als Männer. 92 Prozent der Feministinnen glaubten also fälschlicherweise, dass Frauen in der Welt viel benachteiligter wären, als es tatsächlich der Fall ist.

All diese Erkenntnisse hat der im Jahr 2017 verstorbene Mediziner und Statistiker Hans Rosling zusammengetragen. In seinen zahlreichen Vorträgen fiel ihm immer wieder auf, wie sehr gebildete, reiche Menschen einer dramatischen Wissensillusion unterliegen. Sie schätzen allesamt den Zustand der Welt viel schlimmer ein, als er nachweislich ist.

Das gilt im Übrigen auch für Journalisten und Filmemacher, wie Rosling herausfand. Und das ist besonders verstörend. Personen, die uns über den Zustand der Welt informieren, unterliegen ebenfalls zum großen Teil dieser Wissensillusion und verstärken durch ihre Medienpräsenz diese Illusion auch noch.

Der Schriftsteller Rolf Dobelli geht sogar noch einen Schritt weiter. Er ist der Meinung: »Wenn Sie regelmäßig Nachrichten konsumieren, dann wissen Sie über den grundsätzlichen Zustand der Welt schlechter Bescheid, als wenn Sie überhaupt keine Nachrichten konsumieren würden.« Auch wenn diese These provokant ist, ein bisschen was ist schon dran. Nachrichten tendieren nun mal dazu, einzelnen sichtbaren Opfern und Ereignissen sehr viel Aufmerksamkeit zu widmen, statt über grundsätzliche Tendenzen zu informieren. Marketingtechnisch macht das sogar Sinn.

Vor einigen Jahren führte der Psychologe Paul Slovic ein Experiment durch. Er zeigte einer Gruppe von Menschen das Foto eines halbverhungerten Kindes aus Malawi. Eine andere Gruppe erhielt detaillierte Statistiken über die Zahl der hungernden Menschen in dem afrikanischen Staat. Die Gruppenteilnehmer, die die Statistik sahen, spendete im Schnitt nur halb so viel wie diejenigen, die das Foto des abgemagerten Kindes betrachtet hatten.

Spektakuläre Einzelfälle erzeugen mehr Aufmerksamkeit. Evolutionsbiologisch gesehen ist das nachvollziehbar. Wenn früher ein Säbelzahntiger in die Höhle kam, war es relativ unklug, erst mal nüchtern darüber nachzudenken, ob das nicht vielleicht der Nachbar ist, der von einem lustigen Kostümball kommt. Und diese steinzeitlichen Mechanismen beeinflussen auch heute noch die Priorisierung von schlechten Nachrichten. »Heute wieder mal kein Flugzeug abgestürzt!«, wäre eine Schlagzeile, die höchstwahrscheinlich keine großen Klickzahlen generieren würde. Warum? Der Steinzeitmensch hat deswegen überlebt, weil er immer mit dem Schlimmsten gerechnet hat. Die fröhlichen Rambazamba-Typen, die sich gesagt haben: »Ach komm, so schlimm wird es ja nicht werden« – heute wieder kein Flugzeug abgestürzt –, die sind verhungert oder erfroren.

Natürlich ist jedes Einzelschicksal eine persönliche Katastrophe, aber um die Welt wirklich zu verstehen und richtig einschätzen zu können, müssen wir immer die Statistik im Blick haben.

Deswegen raten sowohl Rolf Dobelli als auch Hans Rosling dazu, weniger News und Nachrichten zu konsumieren und dafür mehr Bücher und Fachartikel zu lesen. Ich zum Beispiel kann »Spektrum der Wissenschaft« nur empfehlen …

Mehr über den Kabarettisten, Autor, Moderator und Physiker unter www.vince-ebert.de.

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