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Vince Ebert extrapoliert: Was wäre, wenn man mehr auf Wissenschaftler hören würde?

Immer mehr Menschen sehen in Wissenschaft und Technik vor allem eine Gefahr. Dabei wird leicht vergessen, dass Forschung Fortschritt und damit ein besseres Leben erst ermöglicht, meint Wissenschaftskabarettist Vince Ebert.
Der Kabarettist Vince EbertLaden...

Naturwissenschaftler haben in der Öffentlichkeit ein seltsames Image. Wenn ich auf einer Party erzähle, dass ich Vorlesungen in Kernphysik besucht habe, dann glauben die Leute sofort, ich würde in meinem Hobbykeller Plutonium anreichern. Das stimmt natürlich, aber was ist daran so schlimm?

Gründe für dieses Imageproblem gibt es viele. In Filmen oder in der Literatur wird der Wissenschaftler seit jeher als gefährlicher Psychopath dargestellt, der sich als Gott aufspielt: Dr. Faustus bei Goethe, Dr. Frankenstein bei Mary Shelly oder Dr. Brinkmann in der Schwarzwaldklinik. Dabei ist wissenschaftlicher Fortschritt erst einmal nie gut oder schlecht. Es kommt immer auf die Anwendung an. Mit einem Laser kann man eine Pershing-Rakete steuern oder im CD-Player Helene Fischer hören. Was ist schlimmer?

Bedauerlicherweise ignorieren viele Menschen, dass es gerade die Wissenschaften waren, die uns ein angenehmes Leben ermöglicht haben. Der Ottomotor, der Kühlschrank oder die Röntgenstrahlen haben unsere Lebensqualität immens verbessert. Ohne die Erfindung der Glühbirne müssten wir sogar heute noch bei Kerzenlicht fernsehen.

Stattdessen schwärmen viele von der »guten alten Zeit«. In Wirklichkeit jedoch war die gute alte Zeit kurz, dreckig und grausam. Ein vereiterter Zahn war eine unerträgliche Qual, Kinder wurden durch Rachitis verstümmelt, und die Menschen starben wie die Fliegen an Krankheiten, über die wir heute nur lächeln können. Nietzsche ist an Syphilis gestorben. Heute ist Syphilis mit Penizillin problemlos heilbar. Nietzsche wäre zwar inzwischen trotzdem schon tot, aber immerhin.

Wir alle sind Nutznießer von lebensrettenden Maßnahmen, die im letzten Jahrhundert von klugen Naturwissenschaftlern entwickelt wurden: sauberes Wasser, Impfungen, Antibiotika, Insulin, Hormone, schmerzstillende Mittel. Dadurch hat sich die Lebenserwartung in kürzester Zeit fast verdoppelt. Vor 100 Jahren gab es so wenig 70-Jährige, weil die meisten 70-Jährigen nicht über 40 wurden. Es gab keine künstlichen Hüftgelenke, keine Betablocker und keine lila Dauerwelle. Die Menschen waren katastrophal ernährt. Fast so schlecht wie heute die Supermodels.

Trotz dieser unglaublichen Erfolge haben Naturwissenschaftler in unserer Gesellschaft einen zweifelhaften Ruf. Sie werden für die atomare Bedrohung verantwortlich gemacht, für Umweltverschmutzung und für Ressourcenverschwendung. Das ist genauso, als würde man Newton für Flugzeugabstürze verurteilen, nur weil er die Theorie der Schwerkraft entwickelt hat.

So haben wir es derzeit mit der paradoxen Situation zu tun, dass die Wissenschaft in den vergangenen Jahrzehnten praktisch alle Schlachten gewonnen, aber den Krieg trotzdem verloren hat. Umweltaktivisten, die Genmaisfelder verwüsten, werden bei vielen als Helden gefeiert, Arzneimittelforscher, die für ein viel versprechendes Parkinsonmedikament Tierversuche unternehmen, werden mit Geringschätzung bestraft. Noch niemals waren die Naturwissenschaften erfolgreicher, noch nie waren ihre Auswirkungen auf unser Leben gewaltiger, und doch sind die Ideen und Theorien vielen, selbst gebildeten Menschen, vollkommen fremd. Es ist erstaunlich, dass ein Großteil der Deutschen fälschlicherweise glaubt, durch den Verzehr von »Gentomaten« würden die eigenen Gene verändert. Oder dass künstlich erzeugte Radioaktivität grundsätzlich gefährlicher ist als natürliche. Einigen ist sogar schleierhaft, warum ein Föhn trotzdem geht, obwohl ein Knoten im Kabel ist.

Doch das eigentlich Frustrierende ist: Die meisten sehen das noch nicht mal als Problem. In intellektuellen Kreisen gilt es zwar als verpönt, nicht zu wissen, worin sich Faust I von Faust II unterscheidet, gleichzeitig brüstet man sich aber damit, keine Ahnung vom zweiten Hauptsatz der Thermodynamik zu haben.

Gleichzeitig sind es diese Personengruppen, die in öffentlichen Debatten über komplexe wissenschaftliche Themen wie Energieversorgung, Gentechnologie oder Digitalisierung die Deutungshoheit besitzen. Personengruppen, die Ängste schüren und Dinge verteufeln, von denen sie oft nicht einmal im Ansatz verstehen, was diese bedeuten. Wieso geht man wie selbstverständlich davon aus, dass ein Schauspieler genauso viel über Kernenergie weiß wie ein Nukleartechniker? Warum glaubt man, ein katholischer Abt könne zur Stammzellenforschung Profunderes beitragen als ein Molekularbiologe? Etwa, weil sich Mönche durch Zellteilung vermehren?

Dieses Desinteresse an der Naturwissenschaft hat übrigens schon früheren Hochkulturen das Genick gebrochen. Die Maya sind unter anderem deshalb untergegangen, weil viele von ihnen im 9. Jahrhundert einer großen Dürre zum Opfer fielen. Dabei hätten sie diese Katastrophe problemlos verhindern können, wenn sie einfach über die Jahre ordentlich Wetterberichte aufgezeichnet hätten. Dann wäre ihnen nämlich aufgefallen, dass es in ihrer Region regelmäßig zu extremen Trockenzeiten kommt. Doch was haben sie stattdessen dokumentiert? Endlose Ergüsse über die Heldentaten der Könige! Die Maya sind also untergegangen, weil sie sich mehr für »Gala« und »Bunte« interessiert haben als für »Spektrum der Wissenschaft«. Das sollte uns eine Warnung sein.

Vince Ebert geht mit seinem Kabarettprogramm »Zukunft is the Future« bis Ende Mai 2019 in die letzte Runde. Tickets und Termine finden Sie unter www.vince-ebert.de

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