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Vince Ebert extrapoliert: Was wäre, wenn Pharmakonzerne kaum Gewinne machen würden?

Viele Menschen schimpfen auf die großen Pharmaunternehmen. Aber machen diese wirklich das dicke Geschäft mit der Krankheit? Vince Ebert wirft einen Blick auf das aufwändige Zulassungsverfahren.
Der Kabarettist Vince Ebert

Pharmakonzerne haben in Deutschland nicht gerade den besten Ruf. Nicht wenige Menschen unterstellen ihnen rücksichtsloses Gewinnstreben und zweifeln sogar den Sinn und Zweck von Medikamenten an.

Dabei vergessen viele, wie sehr sich unsere Lebensqualität in den letzten 100 Jahren durch Pharmaforschung verbessert hat: Die Pocken sind ausgerottet. Malaria ist in unseren Breitengraden kein Thema mehr. Scharlach, Keuchhusten und Kinderlähmung sind fast verschwunden. Selbst die hoch ansteckende fernöstliche Virusinfektion »Karaoke« tritt nur noch in einschlägigen Bars auf. Ein guter Freund von mir wurde neulich von einer Zecke gestochen und mit Borreliose angesteckt. Vor ein paar Jahrzehnten wäre er damit auf dem sicheren Weg in den Rollstuhl gewesen. Heute schluckt er ein einziges Antibiotikum und ist geheilt. Das ist ein Wunder!

Bis ein Medikament auf den Markt kommt, vergehen Jahre, in denen sehr, sehr viel Geld in die Forschung investiert wird

Und natürlich gibt es diesen Luxus nicht umsonst. Bis ein Medikament auf den Markt kommt, vergehen Jahre, manchmal sogar Jahrzehnte, in denen sehr, sehr viel Geld in die Forschung investiert wird. Will ein Pharmakonzern innovativ bleiben, muss er also zwangläufig hoch profitabel arbeiten. Zunächst probieren Wissenschaftler, die Auslöser einer bestimmten Krankheit zu finden. Im zweiten Schritt sucht man nach einem so genannten Target – einem Angriffspunkt, an dem ein potenzielles Medikament in den Verlauf der Krankheit eingreifen und sie günstig beeinflussen könnte. Meistens sind dies Rezeptoren, Enzyme und andere Proteine in unserem Körper. Ist das Target gefunden, sucht man einen möglichen Wirkstoff – das kann ebenso ein spezielles Molekül einer Pflanze sein wie ein synthetisch hergestelltes Molekül oder ein alter Wirkstoff, an dem man herumbastelt und ihn modifiziert. Bis ein solcher Wirkstoff an lebenden Organismen getestet wird, hat er etliche Computersimulationen, Berechnungen und Versuche an Zell- und Gewebekulturen hinter sich. Und dieses Zulassungsverfahren wird immer komplexer. Gab es 2001 »nur« 31 Zulassungskriterien, so waren es 2015 schon 50.

Wenn man nach all dem glaubt, der Wirkstoff könne ein Knaller werden, testet man ihn zunächst an Tieren. Möglichst an solchen, die die Öffentlichkeit nicht auf die Barrikaden steigen lässt. Weiße Mäuse bieten sich da an; Pandabären oder Weißbauchdelfine bringen erfahrungsgemäß eher Probleme.

Klinische Studien

Wenn die Mäuse auf den Wirkstoff ansprechen, folgt die erste klinische Studienphase, auch First in Man genannt. Konkret heißt das: Eine kleine Anzahl mutiger, junger, und vor allem gesunder Personen (die idealerweise dringend Geld brauchen) nehmen das Medikament ein. In dieser Phase geht es noch nicht um seine Wirksamkeit. Es wird im Wesentlichen erst mal überprüft, wie verträglich der Wirkstoff ist, wie schnell dieser wieder vom Körper ausgeschieden wird und ob unangenehme Nebenwirkungen zurückbleiben wie eitrige Pusteln, Sehstörungen, depressive Verstimmungen, Tod oder noch Schlimmeres.

Wenn auch hier alles einigermaßen glattgeht, folgt Phase 2. Jetzt testet man den Wirkstoff an einigen hundert Patienten, deren Krankheit durch das Medikament gelindert oder geheilt werden soll. Das ist die heikelste Phase des ganzen Prozederes. Hier stellt sich nämlich zum ersten Mal heraus, ob das Medikament überhaupt wirkt und wenn ja, wie es dosiert werden muss. Eine Menge neuer Arzneimittel scheitern genau an diesem Punkt. Was sehr unerfreulich ist, denn zu diesem Zeitpunkt hat das durchführende Pharmaunternehmen unter Umständen schon über 100 Millionen Euro Entwicklungskosten investiert.

Wenn jedoch Phase 2 ebenfalls erfolgreich absolviert ist, folgt die finale Phase: In ihr erprobt man das Medikament an einigen tausend Personen. Man vergleicht den Wirkstoff mit einem Placebo oder einem ähnlichen Medikament und sammelt noch mehr Daten zu Wirksamkeit und Sicherheit. Nach mehreren solcher Studien kann man sich dann bei den staatlichen Stellen um eine Medikamentenzulassung bewerben. Wenn es schließlich nach langem Prüfen zugelassen wird, muss es sich »nur noch« auf dem Markt bewähren. Denn in letzter Konsequenz treffen Ärzte und Apotheker die Entscheidung darüber, ob ein Arzneimittel auch wirklich ein Verkaufsschlager wird. Und dabei stellen sie eine Menge kritischer Fragen: Wirkt das Mittel besser als das Konkurrenzprodukt? Wie hoch ist der Preis? Sind die Nebenwirkungen akzeptabel? Und manchmal auch: »Meine Frau würde so gerne mal drei Wochen nach Bali. Meinen Sie, das ließe sich einrichten …?«

Mehr Informationen über den Autor und Wissenschaftskabarettisten finden Sie unter www.vince-ebert.de

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