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Vince Ebert extrapoliert: Was wäre, wenn wir aus Sch… Gold machen könnten?

Mit unserem heutigen Wissen ist klar, dass die Umwandlung eines Elements in ein anderes nur mit kernphysikalischen Methoden möglich ist. Das war lange Zeit ganz anders.
Der Kabarettist Vince Ebert

Seit ewigen Zeiten ist die Menschheit fasziniert von Mysterien und Legenden. Wir suchen nach dem Heiligen Gral, versuchen verzweifelt, das versunkene Atlantis zu finden oder einfach nur einen halbwegs fairen Handwerksbetrieb. Einer der bekanntesten Mythen ist der geheimnisvolle »Stein der Weisen«. Er ist so populär, dass selbst Harry Potter ihn im ersten Band unbedingt finden will. In der ersten Geschichte der Comic-Reihe »Die Schlümpfe« braucht der Zauberer Gargamel die Zutat »Schlumpf«, um den Stein der Weisen herzustellen.

Doch was versteht man unter diesem dubiosen Brocken? Erstmals aufgekommen ist der Begriff im späten 17. Jahrhundert durch die Alchemisten – die Popstars des späten Mittelalters. Das große Ziel der Alchemie war es, aus nichts unermesslichen Reichtum zu erzeugen. Heute würde man als Berufsbezeichnung Scharlatan, Esoteriker oder Investmentbanker angeben, damals aber steckte die Wissenschaft noch in den Kinderschuhen. Die Grenze zwischen Aberglaube und Naturforschung war fließend. Deswegen dachte und experimentierte man in alle möglichen Richtungen, selbst bedeutende Wissenschaftler wie Isaak Newton oder Johannes Kepler waren fasziniert von alchemistischen Theorien.

Um das große Ziel der Alchemie zu erreichen, musste man zunächst herausfinden, aus was genau Materie besteht und nach welchen Gesetzen die Welt funktioniert. Newton etwa fragte sich: Warum fällt ein Stein nach unten? Das war zu dieser Zeit eine vollkommen absurde Frage. Denn man dachte: Na ja, ein Stein gehört eben nach unten. Johannes Kepler – der der Astrologie anhing – fragte sich: Warum bewegen sich die Planeten um die Sonne? Auch hier stutzte der kleine Mann auf der Straße und sagte: Na, warum wohl? Das ist eben eine göttliche Entscheidung.

Die Forscher jedoch gaben sich mit solcherlei windigen Antworten nicht zufrieden. Sie glaubten an Kausalität, daran, dass jede Wirkung von einer klar definierbaren Ursache hervorgerufen wird. Die Verknüpfung von Ursache und Wirkung ist ein Grundprinzip der modernen Wissenschaft und führte zu revolutionären Erkenntnissen. So entdeckte man die Gravitationskraft, wies nach, dass sich Äpfel und Birnen nach der gleichen Mechanik bewegen wie Planeten, und fand sogar heraus, dass unser egozentrisches geozentrisches Weltbild falsch war. Bei dem alchemistischen Versuch, unermesslichen Reichtum zu erzeugen, scheiterten die Wissenschaftler jedoch. Das musste schließlich auch Newton akzeptieren. Ganz aufgegeben hat er die Alchemie dennoch bis zu seinem Tod nicht.

Auch andere Forscher waren davon begeistert. Sie dachten: Wenn man schon nicht aus »nichts« »etwas« erzeugen kann, könnte man dann wenigstens aus »etwas« »etwas Besseres« erzeugen? Das könnte doch funktionieren! Deswegen machten sich viele daran, ein unedles Material in ein edleres zu transformieren. Sie hatten die Idee, aus Blei Gold herzustellen. Und die Substanz, die das angeblich konnte, nannten sie den »Stein der Weisen«. Um den zu finden, unternahmen zahllose Alchemisten im Lauf der letzten Jahrhunderte die kuriosesten Experimente. Mein persönlicher Favorit in diesem Fall ist der deutsche Alchemist Hennig Brand. Ende des 17. Jahrhunderts experimentierte er mit einem ungewöhnlichen Ausgangsmaterial: menschlichem Urin. Zunächst kochte er den Urin ein. Machen Sie das bitte nicht zu Hause! Vor allem nicht mit den normalen Kochtöpfen in Ihrer Küche. Denn das dickflüssige Endprodukt riecht ziemlich streng. Brand jedoch ließ sich von dem Gestank nicht beeindrucken. Wer den Stein der Weisen finden will, darf eben nicht zimperlich sein. Der Alchemist erhitze das eingekochte Zeug über einem 1000 Grad Celsius heißen Brenner – was zur damaligen Zeit ziemlich knifflig war – und destillierte damit vorsichtig die Flüssigkeit. Nach dem Abkühlen blieb ein blasser, wachsartiger Feststoff zurück. Brand hatte eine Substanz erschaffen, die noch nie ein Mensch zuvor hergestellt hatte. Kurios. Der Stein der Weisen war eigentlich ein Urinstein.

Doch unter Zugabe von etwas Hitze beobachtete Brand plötzlich etwas unglaublich Verblüffendes: Die merkwürdige Substanz fing an, hell zu leuchten! Ohne es zu wissen, hat Hennig Brand hat zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ein chemisches Element isoliert: Phosphor. Im Lauf der kommenden Jahre bekam Phosphor als Lichtbringer eine große Bedeutung und wurde tatsächlich ziemlich teuer gehandelt. Als »Stein der Weisen light« sozusagen.

Die Alchemisten des 17. Jahrhundert lieferten mit ihren akribischen Versuchen viele experimentelle Grundlagen von heutiger Chemie, Physik und Astronomie. Und auch wenn sich die Alchemie als Pseudowissenschaft entpuppt hat, versuchen immer noch zahllose Menschen, den »echten« Stein der Weisen zu finden. Salopp gesagt steht dahinter der ewige Wunsch, aus Scheiße Gold zu machen. Gerüchten zufolge ist das bisher nur einem gelungen. Er ist Plattenproduzent und lebt in Tötensen.

Mehr über den Wissenschaftskabarettisten und Bestsellerautor finden Sie unter www.vince-ebert.de.

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