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Vince Ebert extrapoliert

Was wäre, wenn wir frei wären?

In den Geistes- und Naturwissenschaften finden sich zahlreiche Erklärungsmodelle zum freien Willen. Der Wissenschaftskabarettist Vince Ebert wirft einen Blick auf den Diskurs um die menschliche Willensfreiheit in Philosophie und Neurobiologie.
Der Kabarettist Vince Ebert

»Die Gedanken sind frei« lautet ein bekanntes Volkslied. Aber sind sie das wirklich? Haben wir tatsächlich die Freiheit, das zu denken, was wir denken wollen?

Der Streit über diese Frage dauert nun schon Jahrhunderte. Platon glaubte, wenn es gelänge, dass die Vernunft über das Gefühl dominiert, könne der Mensch frei werden und sein Leben in Glück und Harmonie führen. Jean-Paul Sartre ging sogar von der absoluten Willensfreiheit aus und war überzeugt: »Der Mensch ist dazu verdammt, frei zu sein« – im Gegensatz zum Parkplatz. Schopenhauer wiederum hielt das für Quatsch und war der Meinung: »Der Mensch kann wohl tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.«

Doch welcher dieser großen Denker hatte nun Recht? Wenn Sie einem Philosophen diese Frage stellen, dann wird er Sie in der Regel verwundert anschauen. »Wie? Wer Recht hat? Das ist eine vollkommen unphilosophische Frage.«

Um herauszufinden, ob an Behauptungen etwas dran ist oder nicht, kommt man an den Naturwissenschaften nicht vorbei. Eines der ersten naturwissenschaftlichen Experimente zum freien Willen wurde 1979 von Benjamin Libet durchgeführt. Der Neurobiologe konnte nachweisen, dass in dem Moment, in dem wir willentlich beschließen, unseren Arm zu heben, unser Gehirn schon längst entschieden hat, diese Bewegung auszuführen. Ist etwa alles, was wir tun, neurologisch vorbestimmt? Sind wir lediglich ein komplizierter Chemiebaukasten auf zwei Beinen? Ein Molekülsalat, der sich hochnäsig einbildet, ein frei denkendes Wesen zu sein? Könnte ich also theoretisch meinem Nachbarn die Fresse polieren und danach sagen: »Ich bin nicht schuld. Die Biochemie hat angefangen …«?

Die heutige Wissenschaft antwortet mit einem ganz eindeutigen: Jein. Natürlich handelt es sich bei dem Libet-Experiment nur um eine spontane, motorische Bewegung und nicht um eine komplexe Lebensentscheidung, die möglicherweise nach ganz anderen Kriterien getroffen wird. Die Erkenntnis, dass mein Nachbar ein unsympathischer Stinkstiefel ist, erfordert etwas mehr, als das streng logische Zusammenwirken von Neurotransmittern, Hormonen und Synapsen. Der unbewusste Wunsch, ihm eins überzubraten, steht also nicht notwendigerweise im Widerspruch zu einem freien Willen.

Dennoch hat die moderne Hirnforschung mit neuen, bildgebenden Verfahren in der »Röhre« immer wieder gezeigt, dass unsere Vorstellung von der absoluten Willensfreiheit stark übertrieben ist. Bereits 1954 machte der kanadische Neurowissenschaftler James Odds Tests mit Ratten, indem er ihnen Elektroden an den Hypothalamus legte. Sobald die Forscher die Schaltungen für das Begehren anregten, wurden die Tiere lebhaft aktiv. Aber ihr Handeln hatte kein Ziel. Was die Nager taten, spielte plötzlich keine Rolle mehr. Es kam einfach nur darauf an, hektische Betriebsamkeit ohne irgendeinen Sinn und Zweck an den Tag zu legen. Die Politik ist der beste Beweis, dass dieser Effekt auch ohne eine Reizung des Hypothalamus möglich ist.

Schopenhauer hatte also intuitiv Recht, absolute Willensfreiheit als Illusion abzutun. Wenn Sie heutzutage einen Neurobiologen fragen, ob er Tee oder Kaffee möchte, dann sagt er in der Regel: »Ich glaube nicht an den freien Willen, deswegen warte ich einfach ab und gucke, was ich bestelle …« Warum aber haben wir trotzdem das Gefühl, rational und frei entscheiden zu können? Wie konstruiert unser Gehirn so etwas wie Bewusstsein? Und warum versuche ich seit nunmehr fünf Jahren ab morgen früh joggen zu gehen?

Der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth ist davon überzeugt, dass die Illusion der Willensfreiheit ein fundamentaler Antrieb für unser Leben darstellt. Menschen, die das Gefühl haben, nicht frei handeln zu können, fühlen sich unfrei und leiden nicht selten unter Zwangsstörungen.

Bevor wir etwas tun, entwirft unser Gehirn zunächst eine Voraussage von dem, was passieren wird. Wenn wir das dann tun, wird mittels einer komplizierten Rückmeldungsschleife die Voraussage unseres Gehirns mit der tatsächlichen Tat verglichen. Bei Übereinstimmung meldet unser Hirn: Alles okay. Ich habe das getan, und ich wollte es so!

Genau dann fühlen wir uns offenbar frei. Doch wir können die Bedingungen unseres Willens nicht durchschauen. Unser Verstand ignoriert einfach die Tatsache, dass es durch die weiter unten liegenden limbischen Bereiche kontrolliert und beeinflusst wird. Oder wie meine Oma es etwas salopper ausdrückte: »Unterbewusstsein ist das, wo der Mensch nix für kann.«

Vince Ebert ist Diplom-Physiker und Kabarettist. In seinen Bühnenprogrammen, Vorträgen und Büchern vermittelt er naturwissenschaftliche Themen mit den Gesetzen des Humors in deutscher und seit Neuestem auch in englischer Sprache. Mehr Infos und alle Termine unter https://www.vince-ebert.de.

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